Für die 100. Ausgabe des Zuschnitt wurden Akteur:innen aus dem über die Jahre gewachsenen Netzwerk rund um den Zuschnitt zu Wort- und Bildspenden eingeladen. Folgende Frage wurde dabei gestellt: Welche Bedeutung hat Holz in all seinen verschiedenen Formen, gibt es einen speziellen Gegenstand, ein besonderes Bauwerk oder einen Umgang mit Holz, der nachhaltig inspirierend wirkt?
Alberto Alessi
Architekt, alberto alessi architectureHolz ist demokratisch, empathisch und optimistisch: Es lässt sich leicht verwenden, von allen gut bewohnen und immer wieder neu anpassen. So werden die Kopfteile zweier Betten zu bequemen Sitzgelegenheiten für Taxifahrer, die am Flughafen von Neapel auf Kundschaft warten ... Holz ist zugleich Singular und Plural.
Andreas Cukrowicz
Architekt, Cukrowicz Nachbaur ArchitektenHolz ist der Baustoff der Vergangenheit, der Gegenwart und vor allem der Zukunft. Haptisch, poetisch, olfaktorisch, klimatisch. Spielzeug, Brücke, Brennstoff, Hochhaus. Ein altes Bauernhaus. Dort ist alles aus einem Material: Fußboden, Decke, Außenwand, Türen, Innenwand, Fassade, Dachstuhl, Fenster, Dachdeckung, Treppe und die Möbel. Welches andere Material kann das von sich behaupten?
Christopher Falkner
Architekt, SWAP ArchitekturHolz ist der älteste Baustoff der Menschheit. Verarbeitungsmethoden, konstruktive Details und historische Bauten zeigen eine tiefe kulturelle Verwurzelung des Baustoffs. Viele dieser elementaren Bauweisen inspirieren uns, abseits von rustikalen Klischees Details und Strukturen in einer zeitgemäßen Architektursprache weiterzuentwickeln.
Esther Pirchner
Lektorin ZuschnittAm Wasser
„Ein Pier ist eine sitzen gebliebene Brücke“, heißt es bei Julian Barnes, sie verschwindet im Unendlichen oder zumindest in so weiter Ferne, dass man sich zur anderen Seite hinüberträumen muss. Ob die Badestege im Strandbad deshalb Brücken genannt werden, lässt sich nicht sagen. Aber wie es auf der anderen Seite aussah, wussten wir als Kinder genau. Denn wir verlebten die Ferien nicht nur am Wasser, wir fuhren auch einmal im Jahr mit dem Dampfer über den See bis ans andere, entfernteste Ufer.Wege ins Offene waren die Brücken trotzdem. Drei an der Zahl, auf Holzpfählen im Seeboden verankert, reichten sie weit hinaus und waren dabei so breit, dass sich auf den Holzplanken rechts und links Handtuch an Handtuch reihte und Sonnenanbeterin an Sonnenanbeter – brutzelbraun von endlosen Sommern mit Saisonkarte, Tiroler Nussöl und Piz Buin. In der Mitte jeder Brücke blieb ein Streifen frei, damit auch wir anderen zu einer der acht Stiegen und von dort ins Wasser gelangen konnten. Nicht- und Schlechtschwimmer gingen nur bis zur dritten, wo sie noch stehen konnten, und es dauerte ein, zwei Jahre, bis wir bis ganz nach vorne laufen, ins Wasser springen und von dort weit in den See schwimmen durften – oder zumindest bis zu den Bojen, die das Reich der Badenden von dem der Boote trennten.
Unter den Brücken war das Wasser dunkel und ein wenig furchteinflößend, lieber schwammen wir außen im Licht als unter den Brücken hindurch. Waren die Lippen blau, wie es sich für Kinder im Schwimmbad gehört, kletterten wir zurück auf die Brücke und wärmten uns – Holz von unten, Sonne von oben – wieder auf. Dem Sommergefühl, das sich dabei einstellte, kommt bis heute kein anderes gleich. Es sagt mir: Wo Steg, See und Sonne sind, ist der Urlaub nicht weit.
Eva Gutmann
Ehemalige Chefredakteurin ZuschnittIch liebe die Verbindung zwischen Holz und Sprache. Die überlieferten lautmalerischen Wörter, die in unendlicher Vielfalt und trotz der regionalen Unterschiede auf vertraute Art beschreiben, was Holz ist, was es kann, wie es verwendet wird – ein Kosmos, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet.
Farid Scharabi
Architekt, Scharabi Architekten„Das Naturschöne ist die Spur des Nichtidentischen an den Dingen im Banne ihrer universalen Einheit. Ihm gliche das Versöhnte.“
Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, 1970
Es gibt keinen Baustoff, der dieser Beschaffenheit in einem höheren Maß entspricht als die Materialität und insbesondere die Oberflächengestalt von Holzbauteilen.
Frank Lattke
Architekt, Lattke ArchitektenZum ersten Mal mit einem scharfen Hobel einen glatten, langen Span von einem Stück Holz abzuheben – dieses Erlebnis ist mir bis heute präsent. Das erfüllende Gefühl, mit der Hand und den Sinnen etwas zu schaffen, verbindet mich mit dem Material. Viel später kam das Bewusstsein hinzu, was mit dem Werkstoff Holz und den richtigen Werkzeugen alles möglich ist: Holz ist der einzige Konstruktionsbaustoff, der ständig nachwächst und uns damit in nahezu unbegrenzter Weise zur Verfügung steht.
Gerhard Grüll
Holzforschung AustriaBei meinen Untersuchungen von vielen Dach- und Deckenkonstruktionen in Gründerzeithäusern, Palais, Kirchen und Schlössern haben mich das hohe Alter und der sehr gute Zustand vieler Holzteile inspiriert. Das waren handfeste Erfahrungen zur Leistungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit von Holz sowie zu Schadensmechanismen, deren Vermeidung und den vielseitigen Sanierungsmöglichkeiten.
Gabu Heindl
Architektin, Gabu Heindl ArchitekturHolz als Werkstoff hat mich schon 2009 bei der Planung meines ersten Kindergartens in Rohrendorf inspiriert. Auch die Verantwortlichen der Gemeinde ließen sich von der Qualität einer Lärchenholzfassade und einer Holzpergola überzeugen – und davon, wie schön der Witterungseffekt naturbelassener Lärche sein kann. Auch bei unserer Kindergartenerweiterung in Furth bei Göttweig 2020 spielt Holz eine entscheidende Rolle: für Raumgeometrie und Oberflächenqualität im Alltag der Kinder. Noch weiter zurückgeblickt: Schon als Studentin erhielt ich einen Anerkennungspreis für den Entwurf eines Stroh-Lehm-Holzbaus, damals entwickelt aus der Idee, dass Menschen mit wenig Geld ihre Wohnstätte mit einfachen Mitteln selbst mitbauen könnten: mit Holz, Stroh und dem Lehm aus der eigenen Baugrube. Viele Jahre später, 2025, konnten wir diesen Aufbau schließlich bei unserem Projekt SchloR – Schöner Leben ohne Rendite in Wien realisieren, nun aber mit bis zum Groblehmputz werkseitig vorgefertigten Elementen. Besonders schön ist dort zu sehen, wie sich das Material Holz für den Eigenausbau eignet: im Innenausbau des nicht kommerziellen Zirkuszentrums, im Außenbereich des kollektiv genutzten Betriebsgeländes und nicht zuletzt in der gemeinnützigen Holzwerkstatt.
Gerhard Mannsberger
Aufsichtsratsvorsitzender der Österreichischen Bundesforste AGHolz in seiner lebendigen Form als heranwachsender oder ausgewachsener Baum und als Werkstoff, insbesondere in seiner – aus meiner Sicht – edelsten Form als Baustoff, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, inspiriert und geprägt. War es in meiner Kindheit und Jugendzeit eine riesige, allein stehende Eiche, in deren Krone sitzend mir ein weiter Blick ins Land möglich war und so mancher Tagtraum geträumt werden konnte, so war es später die langlebige und nachhaltige Verwendung des Werkstoffs Holz im Bauwesen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der man allmählich erkennt, dass eine unreflektierte Globalisierung um jeden Preis eine Besinnung auf die regionalen Ressourcen und Wertschöpfungen braucht, hat der heimische Roh- und Werkstoff Holz gute Chancen, noch mehr als bisher Beachtung und Verwendung zu finden. Alles nachzulesen im Zuschnitt, und das seit 25 Jahren! Herzliche Gratulation!
Hubert Riess
ArchitektMeinen ersten Entwurf an der TU Graz habe ich mit den Bäckerburschen meines Bruders gebaut, angeleitet von einem pensionierten Zimmermann, der während des Zweiten Weltkriegs Baracken gebaut hatte, möglicherweise nach dem Musterkatalog Ernst Neuferts. Für uns Angelernte war das amerikanische balloon framing – der Holzrahmenbau – das richtige Holzbausystem. Wenn uns das Holz ausgegangen ist, bin ich mit dem Traktor zum Sägewerk gefahren und habe Nachschub geholt. Wochenlang haben wir genagelt und gezimmert – ein wunderbarer Sommer. Nach den Ferien habe ich die Fotos des fertigen Hauses den erstaunten Kolleg:innen und Lehrer:innen in Graz präsentiert. Damals, nach zwölf Semestern, habe ich mich entschieden, Architekt zu werden.
Fünfzig Jahre später das Haus für Davids Familie: Mittlerweile stand mit den Massivholzplatten ein innovativer Bauteil zur Verfügung. Nach einem intensiven Planungsprozesses kam es zur Realisierung in Scheiblingkirchen 2023. Der Unterschied zu meinem ersten Haus hätte nicht größer sein können.
1 Lkw
1 Ladung BSP-Platten
1 Fahrt
1 Tag Montage
1 Haus
Alle waren perplex, als in der Abenddämmerung der Rohbau fertig war. Dass mittlerweile fünfzig Jahre vergangen waren, realisierte ich erst beim Schreiben dieser Zeilen. Es ist doch einiges weitergangen im Holzbau.
Jakobus Schwarz
Architekt, Univ.-Ass. für Entwerfen und Holzbau im urbanen Raum an der TU WienZwei Stücke Holz liegen auf meinem Schreibtisch. Eines ist rund 2.000 Jahre alt und wurde in den 1970er Jahren bei Brückenbauarbeiten im deutschen Saarkanal von meinem Großvater gefunden, es ist ein Zeugnis dafür, wie dauerhaft Holz sein kann. Das andere stammt aus meinem Elternhaus und ist ein etwa 175 Jahre alter Staken einer Lehmwickeldecke, der bis heute funktionstüchtig und wiederverwendbar ist.
Für mich sind sie mehr als Fundstücke: Sie zeigen, dass Holz als Werkstoff nicht nur vergänglich, sondern unter den richtigen Bedingungen wiederverwendbar und beständig ist. Diese Spannung zwischen Natürlichkeit, Dauerhaftigkeit und Vielverzwecklichkeit prägt meinen Blick auf Holz bis heute.
Jörg Koppelhuber
Zivilingenieur und Geschäftsführer Koppelhuber2 und Partner ZT OGHolzbau ist der Werkstoff – jetzt und künftig! Präzise planbar, einfach bearbeitbar und vielseitig formbar, warm, ökologisch und rückbaubar. Holz ist haptisch, ist organisch, ist menschlich. Und mich begeistern vor allem die Menschen, die damit arbeiten und den Baustoff verstehen – in der Planung, in der Vorfertigung, in der Nutzung! Holz ist für mich mein(e) Beruf(ung), meine Begeisterung, mein Lebenssinn – von Kindheit an.
Jürgen Wirnsberger
Architekt, Hohengasser Wirnsberger ArchitektenHolz ist für mich eng mit meiner Kindheit und den Holzhäusern meines Heimatdorfs verbunden – die traditionelle Blockbauweise der Bauernhäuser ebenso wie die Skelettkonstruktionen der Scheunen. Diese regen mich immer wieder an, über das Wesen des Holzbaus und seine Übersetzung in zeitgemäße, ausdrucksstarke Räume des Alltags nachzudenken.
Konrad Merz
Bauingenieur, merz kley partnerEin Zitat des bekannte Ingenieurs Cecil Balmond von Arup hat mich bei meiner Arbeit mit Holz immer geleitet:„Konzeptionelle Strenge ist die wichtigste Eigenschaft, über die ein Ingenieur verfügen sollte – sie ist schließlich im Entwurf oder im Projekt ablesbar.“
Maik Novotny
Freier Journalist und AutorMein Vater war gelernter Tischler und ich wuchs in einem Kinderzimmer aus Holz auf, das er komplett für mich gebaut hatte. Es erwies sich als äußerst anpassbar und begleitete mich durch mehrere (beidseitige) Metamorphosen hindurch bis ins Erwachsenenalter. Ich lernte: Das Holz ist ein treuer und freundlicher Begleiter. Es lebt mit dir mit.
Manfred Stieglmeier
Studiengangsleiter Green Building FH Kuchl„Holz ist schön – macht aber viel Arbeit.“
Manfred Stieglmeier frei nach einem Karl Valentin zugeschriebenen ZitatSeit meiner Studienzeit ist Holz für mich ein Sehnsuchtsmaterial. Von den ersten Skizzen des Mehrfamilienhauses von Ralph und Doris Thut in München-Perlach als Student in den 1980er Jahren, das in meiner unmittelbaren Nachbarschaft lag, bis heute zu meinem gemeinsamen Projekt zurzeit mit Hermann Kaufmann im Münchner Werksviertel, komme ich zu der Erkenntnis, dass Holz immer wieder aufs Neue fasziniert und gleichermaßen fordert. Deshalb stimmt für mich das abgewandelte Zitat von „Kunst ist schön – macht aber viel Arbeit“.
Marina Hämmerle
Architektin, büro für baukulturelle anliegenMich berührt in diesem Raum die Kraft der Erzählung, die dem historischen Gebälk und den Originalfenstern eingeschrieben ist. Im Zusammenspiel mit dem Hinzugefügten schlägt die Holzkonstruktion mitsamt ihrer Patina und den Gebrauchsspuren für die neuen Nutzer:innen eine sprichwörtliche Brücke zur Geschichte des Ortes.
Werkhalle Bezner Areal, Ravensburg
errichtet 1901, saniert 2019/20 von baechlemeid architekten
Markus Bogensberger
Referatsleiter Amt der Steiermärkischen LandesregierungDie Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Grottenhof in Graz – unter anderem mit der GerambRose sowie dem Steirischen Holzbaupreis ausgezeichnet – zeigt in beispielhafter Weise, wie ein sorgfältig geplantes Holzbauprojekt den Nutzerinnen und Nutzern eine optimale Arbeits- und Lebensumgebung bieten kann.
Markus Klaura
Architekt, LendarchitekturIch verstehe Holz nicht nur als Werkstoff – ich fühle mich diesem Material in ökonomischer, ökologischer und kultureller Hinsicht ebenso verpflichtet wie den Menschen, die entlang dieser Wertschöpfungskette Hervorragendes leisten. Aufgewachsen mit vier Geschwistern in einem Holzbaubetrieb, in dem wir den Weg des Materials vom Wald über die Verarbeitung bis zur Nutzung miterleben konnten, sind wir alle dem Holz eng verbunden geblieben. Den entscheidenden Impuls für meine Haltung erhielt ich 1977 durch das Haus Kolig, geplant von Architekt Manfred Kowatsch und ausgeführt von Holzbau Themessl – ein Bauwerk, das meine architektonische Denkweise und meine Leidenschaft für den Werkstoff nachhaltig geprägt hat. Dank sei Holz.
Martin Mutschlechner
Architekt, Stadt:Labor-ArchitektenHolz ist für uns weit mehr als ein Werkstoff – es ist ein kulturelles, konstruktives und atmosphärisches Medium. Gerade im alpinen Kontext, in dem wir arbeiten, trägt Holz eine tiefe Selbstverständlichkeit in sich: Es ist lokal verfügbar, handwerklich verankert und über Generationen hinweg erprobt. Diese Kontinuität interessiert uns. Besonders inspiriert uns der selbstverständliche Umgang mit Holz im traditionellen Bestand. Alte Widumgebäude, Stadel oder Bauernhäuser zeigen eine Klarheit, die aus der Konstruktion entsteht: Nichts ist verkleidet, nichts ist überformt, alles folgt einer inneren Notwendigkeit.
Maximilian Luger
Architekt, Architekten Luger & MaulEs ist der „Teufelsknoten“, der mich seit meinem 15. Lebensjahr begleitet. Gemacht von mir in meiner Schule in Hallstatt, zeigt er genial eine Verbindung ohne Hilfsmittel, in sich schlüssig verbunden, geheimnisvoll und doch einfach und verständlich. So verstehe ich auch meine Holzbauten, gemacht für Menschen, einfach und auch manchmal ein wenig geheimnisvoll. Danke für den Zuschnitt, eine der letzten verständlichen und qualitätsvollen Fachzeitschriften.
Nicole Berganski
Architektin, NKBAKHolz ist ein nachwachsender Rohstoff, der CO2 bindet und dessen Qualität sich im unmittelbaren Erleben erschließt. Waldführungen mit dem Forst und Einblicke in die Holzverarbeitung haben mich nachhaltig beeindruckt und inspiriert. Im Rahmen von Exkursionen mit meinem Lehrstuhl AIC | Architecture & Innovative Construction der TU Berlin erhielten wir praxisnahe Einblicke in die heimische, nachhaltige Forstwirtschaft, die eine verantwortungsvolle Nutzung dieses Rohstoffs ermöglicht. Ebenso faszinierend war der Besuch eines Sägewerks, bei dem wir hautnah erleben konnten, wie der gewachsene Stamm Schritt für Schritt zu massivem Vollholz bis hin zu verschiedenen Holzwerkstoffen weiterverarbeitet wird.
Pirmin Jung
Tragwerksplaner, Pirmin Jung Schweiz AGDie Soletherme in Bad Dürrheim wurde während meiner Lehrzeit als Zimmermann (1984–1987) errichtet. Diese Holzrippenschale, die von fünf unterschiedlich hohen, baumartig verzweigten Stützen getragen wird, ist für mich seither Inspiration und Motivation. Sie steht für mich noch heute für Kreativität, Innovation und Schönheit.
Regina Schineis
Architektin und Stadtplanerin, regina schineis architektenHolz bringt ein Stück Natur zurück in unser Leben. Mit allen Sinnen können wir den Duft von Holz, die lebendige Struktur der gewachsenen Tragkraft, die wärmende Hülle erleben. Vom ersten Tag an, wenn die Idee, der Raum, die Struktur materialisiert wird...mit Holz. Natur, die zu uns zurückkommt, uns umgibt, trägt, wärmt, und beflügelt.
Reinhard Gassner
Grafikdesigner zuschnitt, Atelier Andrea GassnerBei der Frage nach der Bedeutung von Holz als Werkstoff ist mir spontan ein alter Stadel in der Nähe meines Wohnorts eingefallen. So oft ich daran vorbeikomme, fasziniert mich die Fassade. Es sind verwitterte Holzschindeln, völlig verwittert. Wie eine silbrig schillernde Fischhaut hängen sie an der Unterkonstruktion. Die Zeit hat sich zwischen den härteren Teilen der Maserung eingegraben – wie Berg und Tal. Ihre Alterung ist weder funktionell noch ästhetisch ein Problem. Es geht um Schutz und Sinnlichkeit, im Kleinen wie im Großen. Wenn ich an den konstruktiven Holzbau oder, noch weiter, an die Waldlandschaften denke, sind es dieselben Merkmale.
Renate Breuß
KunsthistorikerinHolz, eine Ästhetik der Nähe
Von Kind an wissen wir, wie Holz schmeckt, wie es sich anfühlt, wie es riecht. Je nach Holzart spüren wir im Buchenwald die Kühle, auf einem Fußboden aus Lindenholz die Wärme, den Geschmack einer fichtenen Gebse im Käse. Für den mit Holz vertrauten Handwerker beginnt die Kultivierung von Holz bereits im Wald. Nah bei den Bäumen, direkt am Standort entstehen erste Vorstellungen zu Material, Form und Zweck. Dabei erzeugen andere Ursachen andere Wirkungen, beeinflussen die weitere Verarbeitung bis zu den ästhetischen Erfahrungen im Gebrauch – räumlich, olfaktorisch und haptisch. Sie sind das Ergebnis einer nahen und intensiven Beschäftigung mit dem lebendigen und sensiblen Stoff Holz.
Robert Diem
Architekt, Franz&Sue ArchitektenIch bin ein Fan der anonymen Architektur der alten Weinviertler Holzstadel. Das war der Spielplatz meiner Kindheit. Sie sind jahrhundertealte Beispiele für ressourcenschonendes Bauen und materialgerechtes Konstruieren. Die Verbindungstechniken erlauben es, die Konstruktionen ab- und wieder aufzubauen, bzw. die Materialien Holz, Dachziegel usw. sortenrein zu trennen. Das sind Eigenschaften, die aktuell von neuen Gebäuden oft gefordert werden.
Robert Temel
Architekt und StadtforscherHolz ist heute in der Architektur und darüber hinaus Gegenstand der Hoffnung. Es ist klar, dass die Menschheit schädliche Treibhausgasemissionen nicht schnell genug und stark genug reduzieren kann, deshalb müssen für die Zukunft Negativemissionen geplant werden. Und ein Weg dorthin ist, Holz und ähnliche Materialien im großen Maßstab für Gebäude zu verwenden, um Kohlenstoff langfristig zu speichern. Insofern ist Holz im avancierten Architekturdiskurs heute allgegenwärtig. Hinsichtlich meiner Inspiration durch Holz möchte ich aber ein älteres Objekt vorstellen. Weltberühmt ist die Chaise longue basculante LC4, eine verstellbare Liege, die lange Zeit ausschließlich Le Corbusier zugeschrieben wurde, während es heute heißt: entworfen von Charlotte Perriand auf Basis eines Konzepts von Le Corbusier, unterstützt von Pierre Jeanneret, was auch immer das genau bedeuten mag. Das Möbel besteht aus verchromten Stahlrohren und Stahlblech und wurde 1929 patentiert. Auf die Vorbehalte eines britischen Autors gegen die Verwendung von Stahl für Möbel antwortete Perriand mit der Veröffentlichung des Pamphlets „Holz oder Metall?“ ganz im Sinne der modernistischen Revolution jener Zeit. Doch um das Stahlrohrmöbel soll es hier nicht gehen, sondern um die Chaise longue bambou, die Perriand 1940 entwarf, als sie in Japan lebte, wo die Kriegswirtschaft den Zugang zu vielen Materialien unmöglich machte. Nun konstruierte sie ein Möbel in fast identischer Form wie die modernistische Ikone, aber aus Holz und Bambus. Die Chaise longue bambou ist ästhetisch großartig, und sie geht mit der Zeit: Stahl war nicht verfügbar, also nahm Perriand, was es gab, und machte etwas Neues, Inspirierendes daraus.
Roland Gruber
Architekt, nonconformIch bin mit Holz aufgewachsen. Beim Schnitzen, beim Drechseln und in der Tischlerei habe ich früh gelernt, was es bedeutet, ein Material wirklich zu lieben. Nicht nur technisch, sondern mit allen Sinnen. Ich habe vor dem Architekturstudium die HTL für Möbel und Innenausbau besucht und dort unzählige Stunden gehobelt, geschliffen, gesägt, Teile ineinandergefügt und Oberflächen veredelt. Und immer wieder habe ich dabei das Holz mit meiner Hand gestreichelt, bin mit den Fingern über die Maserung gefahren und habe gespürt, dass dieses Material mehr ist als nur Baustoff. Es antwortet, es spricht mit einem.
Holz bekommt Patina und erzählt mit der Zeit eine Geschichte. Es wird eigentlich immer interessanter, wie wir Menschen auch. Die Japaner nennen diese Haltung Wabi Sabi, also die Schönheit des Alterns und des Unperfekten. Ich streichle fast jeden Tag über unseren wunderbaren Esstisch aus Eiche, den die Holzwerkstatt Faißt aus Hittisau im Bregenzerwald angefertigt hat – nicht nur weil er so schön ist, sondern weil er mir Ruhe gibt, weil er eine gewisse Erdung vermittelt und zeigt, dass Gebrauch Spuren hinterlassen darf und genau darin die Schönheit entsteht. Nachhaltigkeit ist für mich deshalb auch eine kulturelle Haltung. Sie beginnt mit der Fähigkeit, das Vorhandene wertzuschätzen, anstatt es ständig zu ersetzen.
In unserer Arbeit bei nonconform steht ein einfaches Prinzip im Vordergrund. Weiterdenken, besser nutzen und dadurch weniger bauen. Holz unterstützt genau diese Haltung besonders gut, vor allem wenn wir im Bestand arbeiten. Es ist leicht, vielseitig und anpassungsfähig und eignet sich hervorragend für Umbauten, Aufstockungen und Ergänzungen, bei denen geringe Zusatzlasten, schnelle Montage und möglichst kleine Eingriffe entscheidend sind. Zugleich erlaubt uns Holz, Konstruktionen so zu denken, dass sie sich auch in Zukunft noch verändern dürfen. Bauteile können verschraubt werden, Gebäude können wachsen, Räume können sich an neue Nutzungen anpassen.
Holz ist für mich deshalb ein echtes Zukunftsmaterial. Nicht weil es neu wäre, sondern weil es uns etwas sehr Grundsätzliches lehrt, nämlich im Kreislauf zu denken: mit der Natur, mit dem Bestand und mit dem, was bereits vorhanden ist. Und vielleicht erinnert uns Holz auch daran, dass Fortschritt manchmal bedeutet, nicht immer mehr zu tun, sondern bewusster zu handeln und die Dinge einfach besser zu machen.
Roland Pawlitschko
Architekt, freier Autor, Redakteur und ArchitekturkritikerIn den letzten Jahren hat mich ein französisches Bauwerk besonders fasziniert: Das Maison de la Forêt in Carcassonne. Das 2022 errichtete Maison de la Forêt einer Holzgenossenschaft in Carcassonne besteht aus unverleimtem, gänzlich unbehandeltem Vollholz – gewonnen direkt aus den von ihren Mitgliedern bewirtschafteten Forsten. Pauline Chauvet und Emanuele Moro von pauem architectes realisierten ein Bauwerk voller sinnlicher, präzise zimmermannsmäßig durchkomponierter Details. Besonders liebevoll gestalteten sie die Holzstütze am Eingang, die in einer dreidimensionalen Verschränkung mit einem Sichtbetonfuß zu verschmelzen scheint. So harmonisch wie hier wirken Holz und Beton selten zusammen.
Sigi Atteneder
Architekt und Professor, Kunstuniversität LinzDas Gedicht begleitet mich seit meiner Studienzeit und heißt „Hoffnung“. Es passt insofern ganz gut in unsere Zeit, in der es mitunter schwer fällt, sich Hoffnung zu erhalten, außerdem natürlich zur Nachhaltigkeit, die eng mit Wald/mit Holz verbunden ist:
Hoffnung
Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, daß ich’s vollende!
Laß, o laß mich nicht ermatten!
Nein, es sind nicht leere Träume:
Jetzt nur Stangen, diese Bäume
Geben einst noch Frucht und Schatten.
Johann Wolfgang von Goethe
Silvio Schüler
Institutsleitung Fachinstitut Waldwachstum, Waldbau & Genetik – BFWHolz lebt – es knarrt beim Wiegen eines Baumes im Wind genauso wie beim Gehen über einen alten Holzboden.
Stephan Birk
Architekt, Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten, und Professor, TU München
Das Wunder von Mannheim – mich beeindruckt bis heute der Innenraum der Multihalle Mannheim, der durch eine Gitterschale aus Dachlatten mit einem Querschnitt von 50 mal 50 mm geschaffen wird.
Wir arbeiten aktuell mit Fast + Epp Ingenieuren daran, dieses einmalige Holztragwerk von Carlfried Mutschler und Frei Otto aus dem Jahr 1975 zu sanieren.
Wie hier wirken Holz und Beton selten zusammen.
Wolfgang Pöschl
Architekt, Tatanka ArchitektenHolz begleitete die Menschen von Anfang an; mich als Haselnussbogen, die Binsenpfeile mit Holunderspitzen. Die bodennahen Föhren als Klettergerüst, alte Restbretter und Spagat für eine Plattform in der Baumkrone. Nägel waren verboten. Das einzige Verbot des Großvaters an seinen fünfjährigen Enkel auf dem Weg in den Wald.
Ein zylindrischer Schrank mit Fichtenspanten, wie bei den Tragflächen der ersten Flugzeuge mit klarer PE-Folie bespannt, wurde als Meisterstück abgelehnt – keine Tischlerarbeit. Als Ersatz der Loos-Schreibtisch aus der Villa Karma. Loos, der mit seinen flächigen Möbeln die Tischler seiner Zeit vermutlich zur Verzweiflung getrieben hatte, bekam spät mit der furnierten Spanplatte recht.
Häuser zu bauen wie Möbel. Einfache tragende Holzflächen im Quartett mit Beton/Stein, Glas und Stahl – Rietvelds Traum? Nach mühsamen Anfängen mit umgelegten Leimbindern gibt es jetzt die massive, konstruktive Holzfläche in vielfältiger Form und allen Bereichen vom Möbel bis zum Hochhaus …
Jetzt kann Holz alles! Warum sehe ich Holz dennoch eher bodennah als horizontales, gefälleloses, intensiv begrüntes Dach, als geliehene, schwebende Wiese, unter der zur Landschaft hin offen gelebt wird?





































