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Visionen
für den Wald und das Bauen mit Holz

erschienen in
Zuschnitt 100 Zuschneiden, Juni 2026

Neue Einsatzmöglichkeiten für das Holz
Richard Stralz

Wir leben in einer unsteten, sich immer schneller und kaum vorhersehbar verändernden Zeit. Der Klimawandel und geopolitische Einflüsse werden immer stärker in unserem täglichen Leben spürbar. Da hilft es, sich auf einen Werkstoff verlassen zu können, der Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel, regional verfügbar und ständig nachwachsend ist: Holz. Es ist überzeugend zu wissen, wie viele hochkarätige Wis­sen­schaft­ler:innen, Universitäten und Fachhochschulen, Architekt:innen, Inge­nieur:in­nen, Projektentwickler:innen und Bauträger sich der Weiterentwicklung des Holzeinsatzes verschrieben haben.

Kein Zweifel, Holz und das Bauen mit Holz sind in einem neuen Zeitalter angekommen. Neue Produkte, neue Verfahren, neue Planungsansätze, gepaart mit den einzigartigen Vorteilen von Holz, weisen auf eine große Zukunft hin: Sei es das serielle, stark vorgefertigte Bauen, das Aufstocken in den Ballungsräumen, wo Holz mit seinem reduzierten Gewicht als Baustoff klar gewinnt, oder der nachhaltige Industriebau. Der Zuschnitt, in seiner nunmehr vorliegenden 100sten Ausgabe, befasst sich seit seinem ersten Erscheinen auf fachlich hohem Niveau mit den Herausforderungen des Werkstoffs und dem Bauen mit Holz, zeigt Lösungswege auf und ist damit ein wertvoller Vermittler für alle Schaffenden in den Bereichen Architektur, Planung und Projektentwicklung. Vielen Dank an die Redaktion und alle Mitwirkenden, alles Gute für die nächsten 100 Ausgaben!

Richard Stralz ist CEO der Mayr Melnhof Holz Holding AG und Obmann von proHolz Austria.

Wald und Bau
Hans Joachim Schellnhuber

Unsere Architektur hat nicht nur künstliche Wohnstätten, sondern auch künstliche Naturstätten hervorgebracht. In mehr als zwei Jahrhunderten industrieller Gestaltung haben wir nicht nur Städte geschaffen, sondern auch den Wald nach ihrem Ebenbild geformt: standardisiert, zertifiziert, in Reihen aufgestellt, getrimmt auf maximalen Holzertrag und minimale Umtriebszeit. Der Altersklassenwald ist das forstliche Pendant zur Industriehalle.

Das wohl charakteristischste Bauwerk unserer Zeit ist das Logistikzen­trum: ein fensterloser Kubus, oft mehrere 100 Meter lang, knapp 14 Meter hoch, mit genormten Lkw-Laderampen, umgeben von Asphalt, optimiert auf Durchsatz, oft errichtet auf fruchtbaren Böden nahe Autobahnen und Bundesstraßen, abgrundtief hässlich. Technisch perfekt. Kulturell leer. Ökologisch fatal. Diese Architektur ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck einer Logik, die Effizienz über Resilienz stellt und Gleichförmigkeit mit Beherrschbarkeit verwechselt. Unter dem Druck des von uns selbst in Gang gebrachten Klimawandels zeigt sich nun ihre Dysfunktionalität: Wälder kollabieren, Gebäude überhitzen, Landschaften verlieren ihre Fähigkeiten, unsere Lebensbedingungen zu moderieren. Mit jedem Zehntelgrad Erwärmung wird deutlicher, wie schutzlos wir unsere Umwelten gemacht haben.

Der Lösungsvorschlag ist der klimaresiliente Dauerwald. Er folgt einer anderen Choreografie: vielfältige Baumarten, unterschiedliche Altersstufen, Nutzung jedes Kubikmeters für Fotosynthese. Er bindet atmosphärisches CO2 und formt daraus seine Frucht – Holz. Wird dieses Holz stofflich und langfristig in der gebauten Umwelt genutzt, entsteht eine neue Wechselwirkung: Architektur wird zur Verlängerung des Waldes. Städte werden zu beharrlichen Kohlenstoffspeichern. Eine solche regenerative Architektur arbeitet mit den natürlichen Eigenschaften des Materials, nicht gegen sie. Sie akzeptiert die Formen, die aus dem Wald kommen, und übersetzt sie in Bauwerke, die Hunderte von Jahren bestehen, gesund für ihre Bewohner:innen sind und ästhetische Harmonie stiften. So kann Natur Kultur werden – und Kultur Natur.

Hans Joachim Schellnhuber ist Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA). 

Impulse für eine Baukultur im Wandel
Daniel Fügenschuh

Mit der 100sten Ausgabe erreicht die Zeitschrift Zuschnitt einen bemerkenswerten Meilenstein. Seit vielen Jahren begleitet sie die Entwicklung des Bauens mit Holz und hat sich zu einer wichtigen Plattform für Architektur, Planung und Baukultur entwickelt. Fachzeitschriften wie diese leisten dabei weit mehr als reine Dokumentation: Sie schaffen Raum für Austausch, Inspiration und kritische Auseinandersetzung – und tragen damit aktiv dazu bei, dass neue Ideen ihren Weg in die Praxis finden. Gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen ist dieser fachliche Diskurs unverzichtbar. Der Gebäudesektor steht im Zentrum vieler großer Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, Digitalisierung, Ressourcenverbrauch und der Mangel an leistbarem Wohnraum.

Dabei ist das Bauen selbst Teil des Problems und muss daher auch Teil der Lösung werden. Planer:innen sind gefordert, neue Wege zu entwickeln, die ökologische Verantwortung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und gesellschaftliche Bedürfnisse miteinander verbinden. Nur so kann echte Nachhaltigkeit gelingen. Der Austausch über Materialien, Bauweisen und Strategien wird dabei immer wichtiger. Der Gebäudesektor verursacht mit 38 Prozent einen erheblichen Anteil der globalen Treibhausgasemissionen, macht 40 Prozent des europäischen Energiebedarfs aus und ist in Österreich für 75 Prozent des Abfallaufkommens verantwortlich. Das macht deutlich: Der Umgang mit Boden, Ressourcen und Bestand gehört zu den entscheidenden baukulturellen Fragen unserer Zeit. Daher bezog die Bundeskammer der Zivil­tech­ni­ker:in­nen zu diesen Themen mit dem Positionspapier „Klima, Boden & Gesellschaft“ klar Stellung.

Eine zentrale Erkenntnis daraus ist, dass Österreich bereits fertig be-baut, aber noch lange nicht fertig ge-baut ist. Die Zukunft des Bauens liegt im Weiterbauen, Umbauen und Aktivieren vorhandener Strukturen. Die Wiederbelebung von Ortskernen, die Mobilisierung von Leerständen und Brachflächen sowie eine konsequente Stärkung der Umbaukultur sind zentrale Bausteine einer nachhaltigen räumlichen Entwicklung, die den angesprochenen Herausforderungen gerecht wird. In Zeiten weltweit zunehmender Konflikte und Unsicherheiten spielt auch die Regionalität von Rohstoffen eine Rolle. Holz kann in Österreich kultiviert und verarbeitet werden und leistet dadurch als Baustoff einen Beitrag zur Resilienz unserer Gesellschaft – vorausgesetzt, es kommt aus dem heimischen Wald. Hinzu kommt, dass durch die Arbeit mit Holz das Handwerk gestärkt wird. Die Entwicklung des Holzbaus in den vergangenen Jahren zeigt eindrucksvoll, wie sich das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten von Holz kontinuierlich erweitert hat. Wenn wir Flächen sparen, bestehende Strukturen weiterentwickeln und zugleich ressourcenschonend bauen wollen, werden materialgerechte, flexible und innovative Lösungen gefragt sein. Der Holzbau leistet einen wichtigen Beitrag – nicht als alleinige Antwort auf alle Fragen, sondern als wesentlicher Baustein eines verantwortungsvollen Bauens.

Daniel Fügenschuh ist Präsident der Bundeskammer der Ziviltechniker:innen.

Holz als Teil der Lösung
Annette Hafner

Holz leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und sollte deshalb möglichst lange stofflich genutzt werden. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Für die Identifizierung sinnvoller und glaubhafter Klimaschutzmaßnahmen, die die Transformation hin zu Klimaneutralität überhaupt erst ermöglichen, ist dafür eine konsistente, faktenbasierte und auf internationalen Regeln beruhende Berechnung der Treibhausgasemissionen Grundvoraussetzung. Das Bauen mit dem Rohstoff Holz ist dabei nicht allein die Lösung – entscheidend ist auch eine fehlerfreie und baukonstruktiv richtige Umsetzung der (Holz-)Konstruktionen.

Es darf auch nicht alleine darum gehen, möglichst viel (heimisches) Holz einzusetzen, sondern es muss möglichst viel Funktion (z. B. Wohnfläche) mit möglichst wenigen Ressourcen (Rohstoffe und Energie) bereitgestellt werden. Das erfordert ein Nachdenken über die sinnvolle Verwendung von Holz in der Konstruktion und auch ein Überdenken der Wahl aller weiteren (Holz-)Werkstoffe. Nicht zuletzt ist die Langlebigkeit des Gebäudes entscheidend, und dafür ist die gestalterische Qualität des gesamten Gebäudes ein elementarer Bestandteil. Dennoch liegt die Zukunftsaufgabe des Bauens mit Holz im Bauen im Bestand. Das Denken im Quartiersmaßstab sollte dabei ins Zentrum rücken. Je frühzeitiger diese Sanierungsmaßnahmen umgesetzt werden, desto wirksamer sind sie. Zusätzlich stellen Aufstockungen eine Möglichkeit dar, die vielseitigen Herausforderungen zu meistern. Dies berücksichtigt, ist Holzbau eine Klimaschutzmaßnahme, die sofort umsetzbar ist.

Annette Hafner ist Architektin BDA, Nachhaltigkeitsauditorin und Gründerin sowie Leiterin der Arbeitsgruppe Ressourceneffizientes Bauen an der Ruhr-Universität Bochum.

Die Zukunft ist bereits vorgefertigt
Christian Kaufmann

Es gibt kaum eine andere Bauweise, mit der man Kosten und Qualität in einem so hohen Grad kontrollieren und planen kann wie mit Holz. Und wer von Kosten spricht, denkt dabei sofort an die Bauzeit, denn die ist ein ganz entscheidender Kostenfaktor. Die Modulbauweise kann die Bauzeit im Vergleich zu herkömmlichen Bauweisen um bis zu 70 Prozent verkürzen. Besonders bei komplexen Projekten wie Schulen, Kitas, Studentenwohnheimen, Sozialzentren, Hotels oder Bürogebäuden geht es nicht um Tage oder Wochen, sondern um Monate, die eingespart werden und eine frühere Nutzungsaufnahme möglich machen.

Die Steigerung der Produktivität ist in vielen Branchen ein zentrales Ziel. Insbesondere im Bausektor kann das modulare und serielle Bauen durch den Einsatz von digitalen Lösungen den großen Unterschied ausmachen. Zudem erlaubt das virtuelle Abbild die Analyse der Gebäudedaten als Gesamtsystem bzw. eine umfassende Lebenszyklusbetrachtung über die Nutzungsphase bis zum möglichen Rückbau. Softwarelösungen für das Projektmanagement bieten eine Plattform für effiziente Arbeitsabläufe und für die Kommunikation, was zu einer strafferen, zeit- und kosteneffizienten Umsetzung führt.

Christian Kaufmann führt Kaufmann Bausysteme mit Firmensitz in Reuthe.

Wendepunkt
Katharina Bayer

Wie können wir zukunftsfitte Lebensräume für alle schaffen und wie kann das Planen und Bauen dafür innerhalb der planetaren Grenzen gelingen? Das ist die globale Design-Challenge, der wir uns heute als Planende für die Zukunft widmen müssen. Denn die Art, wie wir bauen, ist nicht nachhaltig und wesentlicher Verursacher der ökologischen Probleme unserer Zeit. Die notwendige Bauwende stellt alles, was wir übers Planen und Bauen gelernt haben, auf den Prüfstand und infrage: wofür und was wir bauen, wie und wo wir bauen und natürlich auch womit wir bauen. Holz wird für die Bauwende eine entscheidende Rolle spielen, denn Holz wächst nach und speichert CO2. Holz ist ein wahres Multitalent und Teil der Lösung, das haben wir in den letzten 100 Ausgaben und 25 Jahren Zuschnitt gelesen und gelernt.

Holz ist stabil, beweglich, trägt, dämmt, schwimmt, brennt sicher und hebt auch mal ab. Holz ist leicht transportierbar, regional verfügbar und vielfältig formbar. Holz formt Möbel, Häuser und Brücken, Dörfer und Städte, ist Denkmal, Baum, Balken, Platte oder Papier. Bis 2050 will und muss die EU klimaneutral werden. Die nächsten 100 Ausgaben des Zuschnitt können auch als Countdown für die ökologische Wende verstanden werden. In den nächsten 25 Jahren heißt es vom Wissen in die Wirkung zu kommen und die nächsten 100 Ausgaben werden die Geschichte dieses Wirkens aus der Sicht des Holzes erzählen und begleiten.

Katharina Bayer ist Architektin und seit 2006 Geschäftsführerin von einszueins architektur in Wien.