Daten zum Objekt
Standort
Hohenems/AT
Bauherr:in
Stadt Hohenems
Architektur
Berktold Weber Architekten, Dornbirn/AT, www.berktold-weber.com/
Tragwerksplanung
gbd ZT GmbH, Dornbirn/AT, www.gbd.group/
Holzbau
i+R Holzbau GmbH, Lauterach/AT, www.ir-bauen.com/de
Fertigstellung
2025
Typologie
Hauptpreis Österreichischer Staatspreis Holzbau 2026
Kreislauffähiges Bauen war bei mehreren Projekten, die für den Österreichischen Staatspreis Holzbau nominiert waren, ein Thema, in manche aber war es ganz dezidiert eingeschrieben.
So formulierte es Annette Hafner, Jurymitglied des Staatspreises. Das Rathaus in Hohenems gehört zu den drei Hauptpreisen dieses Staatspreises, weil bei ihm vorbildhaft das Thema der Rückbaubarkeit und Anpassungsfähigkeit an neue Nutzungen von Beginn an mitgedacht wurde und weil es ein Holzbau ist, der durch seine hohe Ausführungs-, atmosphärische und haptische Qualität überzeugt. Der Bau signalisiert die Offenheit und Zukunftsorientierung einer Stadt und ist zugleich ein Manifest für den modernen Holzbau. Das Rathaus ist Teil eines neu entwickelten Quartiers in Hohenems, des Rathausquartiers. Zu diesem gehören außerdem eine denkmalgeschützte Villa sowie neue Wohnbauten mit Geschäftsflächen. Gleich hinter dem Rathausquartier beginnt dann die Marktstraße – ein ehemals desolater Straßenzug, der im letzten Jahrzehnt in eine lebendige Wohn- und Einkaufsstraße verwandelt wurde.
Das neue Rathaus von Hohenems markiert weithin sichtbar den Zugang zu diesem historischen Teil der Innenstadt. In diesem Neubau fand die bisher auf mehrere Standorte verteilte Verwaltung Hohenems ihr neues Zuhause. „Gerade ein Neubau bietet die Chance, heutige Themen einzubinden“, sagt Architektin Helena Weber, die mit Architekt Philipp Berktold und ihrem Büro Berktold Weber den EU-weit offenen Wettbewerb für das neue Rathaus gewinnen konnte. Am Beginn stand die Frage, wie ein Haus ausschauen soll, das den neuen Mittelpunkt einer Stadtgemeinschaft markiert und dem zugleich eine Zukunftsvision eingeschrieben ist. Die Stadt als Bauherrin vertrat dabei eine klare Haltung: Sie forderte ein Gebäude, das nach hohen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit gebaut wird und sich flexibel an spätere Nutzungen anpassen lässt. Darauf fand das Architekturbüro eine überzeugende Antwort, die weit über das Architektonische hinausreicht. Das Haus erfüllt den politischen Anspruch auf eine innovative Art und Weise: Es ist ein reversibel konstruierter Holzbau, der mit kreislauffähigen Baumaterialien errichtet wurde. Es wurde nach den Kriterien des Kommunalgebäudeausweises (KGA) Vorarlberg errichtet, eines Bewertungssystems mit energetischen, ökologischen und qualitativen Kriterien für öffentliche Gebäude, das als Grundlage für Förderungen des Landes dient. Das Haus wurde aber auch nach dem „Cradle to Cradle“-Prinzip errichtet. Ein eigener Fachplaner war dafür zuständig, alle eingesetzten Baustoffe auf ihre Wiederverwertbarkeit zu prüfen. Ebenso wurde das Augenmerk auf Materialgesundheit, Kohlenstoffmanagement, Biodiversität, Gemeinwohl und Diversität gelegt und im Projekt umgesetzt. Zu einem nachhaltigen Gebäude gehört auch ein energiesparendes Heiz- und Kühlsystem aus erneuerbaren Energiequellen.
Das Rathaus Hohenems nutzt dabei seine statisch ohnehin notwendigen Gründungspfähle, die thermisch aktiviert wurden:
Im Sommer wird die natürliche Kühle des Erdreichs über ein Free-Cooling-System in den Fußboden geleitet und zur Vorkühlung der Zuluft genutzt. Eine Kaskadenlüftung verteilt die Frischluft effizient im Gebäude. Nur der große Besprechungsraum besitzt zusätzlich eine konventionelle Klimaanlage, die bei Bedarf eingeschaltet werden kann. Die Büro- und Besprechungsräume sind entlang der Fassade um eine freie Mitte angeordnet. Halbkreisförmige Aussparungen in der Geschossdecke im Bereich des Atriums erlauben Sichtbeziehungen und eine gute Luftzirkulation. „Der Ausdruck des Gebäudes ist auch Ausdruck der Konstruktion und des Materials, angefangen bei den Spannweiten“, erklärt Architektin Helena Weber. Das Rathaus Hohenems ist ein konstruktiver Holzbau. Vertikale Lasten werden über Fichtenholzstützen abgetragen. Die diagonal verdübelten Brettstapeldecken aus Vollholz werden mit Holzwerkstoffplatten zu aussteifenden Deckenscheiben verbunden. Als Auflager der Deckenelemente dienen Holzüberzüge im Brüstungsbereich der Außenfassade sowie Holzunterzüge im Bereich der inneren Mittelzone, die mit den beiden massiven Betonkernen verbunden sind. Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt über Deckenscheiben in Verbindung mit Trägern aus Holz und den massiven Kernen, die Lasten aus Wind und Erdbeben übertragen können. Das statische System ist so ausgelegt, dass bis auf die Außenwände alle Wände zerstörungsfrei herausgenommen und verändert werden können.
Für die ersten beiden Geschosse wurden zudem Lastreserven miteinberechnet, um eine spätere Nutzungsänderung wie einen Versammlungssaal zu ermöglichen. Auch die Haustechnik, die von der Konstruktion getrennt ist, unterstützt diese Flexibilität. Es ist ein Holzbau, der innen wie außen die Qualitäten des Werkstoffs Holz zu nutzen weiß. Durchlaufende Fensterbänder, in Metall gefasste Loggien und eine davor liegende vertikale Lamellenstruktur schaffen eine gleichwertige Präsenz des Hauses zu allen vier Seiten hin. Die vor der vertikalen Wechselfalzfassade aus naturbelassenem Fichtenholz liegenden Lamellen erzeugen zudem eine schöne Tiefenwirkung und dienen dabei dem konstruktiven Sonnenschutz. Zur Umfahrungsstraße hin findet man zudem an der Fassade eine Uhr sowie einen eingekerbten Schriftzug. „Geburt der Gegenwart“ ist hier zu lesen. Es ist der Titel eines Essays des aus Hohenems stammenden Schriftstellers und Widerstandskämpfers Jean Améry.
Das Architekturbüro Berktold Weber hatte diese Idee eines Zitats, das in die Holzlamellen eingekerbt wird, schon im Wettbewerb formuliert. Die Wortwahl oblag dann wiederum Vertreter:innen der sehr lebendigen Literaturszene Hohenems und dem Literaturhaus Vorarlberg. So wird aus einem literarischen Fundstück ein architektonisches Programm: „Geburt der Gegenwart“ – passender hätte man dieses Haus kaum betiteln können.
Dieses Projekt ist für den europäischen Holzbaupreis WoodPop Dara Award nominiert.




