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Firmenzentrale Windkraft Simonsfeld, Erweiterung

erschienen in
Zuschnitt 101 Quer durch Österreich, September 2026

Erst kürzlich wurde der Bürozubau der Windkraft Simonsfeld AG mit dem Österreichischen Staatspreis Holzbau ausgezeichnet – Anlass genug, sich in dem auf den ersten Blick sachlich und­ ­logisch errichteten Gebäude auf die Suche nach Schönheit und Sinnlichkeit zu begeben. Mit Erfolg. 

 

Das eckige Empfangspult neben dem Eingang? Ganz schön. Das rhabarbereisfarbene Sofa, das die Besucher:innen zum Warten einlädt? Wirklich schick. Und die schlanke Holzkonstruktion, die in einer bestechenden Logik den gesamten Raum umspannt? Wunderbar gelöst, keine Frage. Doch es hilft nichts, kaum hat man das Foyer betreten, muss man als Allererstes zur Stampf­lehmwand hinlaufen, die Hand ausstrecken und sie streicheln, ­daran rubbeln, riechen. „Und beinahe“, erzählt Architekt Juri Troy, „hätten wir die Lehmwand nicht realisieren können, denn es hat sich wochenlang kein einziger Lehmbauer gefunden, der bereit gewesen wäre, den Erdhaushub emissionsfrei vor Ort zu verarbeiten. Und das wäre echt ein Malheur gewesen! Umso besser, dass es dann doch noch geklappt hat.“ Die Windkraft Simonsfeld AG zählt mit 94 Windkraftanlagen, die sie plant, baut und ­betreibt, zu den größten Windstromproduzenten Österreichs. 

Was 1996 als kleines Garagenunternehmen begonnen hat, ist heute einer der größten und wichtigsten Arbeitgeber im südlichen Weinviertel. Mit 150 Mitarbeiter:innen in der Verwaltung und einer jährlichen Ausbeute von über 740 Gigawattstunden an grünem Strom – ­genug, um damit 185.000 Haushalte zu ­versorgen – entwickelte sich das einstige Start-up in den letzten dreißig Jahren zu einem ausgewachsenen mittleren Unternehmen. Preisgekrönt ist es noch dazu: Neben dem Niederösterreichischen Holzbaupreis, dem Österreichischen Bauherr:innenpreis und dem FIABCI Prix d’Excellence wurde der 2024 fertiggestellte Zubau unlängst mit dem Österreichischen Staatspreis Holzbau 2026 ausgezeichnet. Nach rund zehn Jahren nämlich war der von Georg Reinberg ­einst für rund fünfzig Mitarbeiter:innen geplante Bürobau, eine Hightech-Büromaschine mit gläserner Südfassade und konstruktiv inszenierter PV-Anlage auf den ­Vordächern, aus allen Nähten ­geplatzt. Und so startete die Windkraft Simonsfeld AG in Kooperation mit dem Wiener Consulting-Unternehmen M.O.O.CON einen einjährigen Phase-Null-Prozess, der schließlich in ein Auswahlverfahren mit einem geladenen, zweistufigen Architekturwettbewerb mündete. Unter den vier teilnehmenden Büros sps archi­tekten, MAGK Architekten, Dietrich Untertrifaller Architekten und juri troy architects konnte sich letzteres als ­Sieger durch­setzen. „Eigentlich wurde in der Ausschreibung ganz klar kommuniziert, dass die Aussicht freizuhalten und der Zubau neben oder hinter dem bestehenden Gebäude zu positionieren sei“, erinnert sich ­Architekt Troy. „Aber das hätte bedeutet, dass man sich ­weitere, optionale Ausbaustufen auf diesem Grundstück ein für alle Mal verbaut hätte. Dem haben wir uns widersetzt.“ 

Im Gegen­satz zu seinen drei Konkurrenten wagte es Troy daher, den Neubau direkt vor den Reinberg-Bau zu setzen – und den einstigen Sackgassenriegel zu einem quadratischen Bauwerk mit Innenhof und kreisförmiger Ringerschließung auszubauen. Statt Technik, Photovoltaik und abweisender Stahl-Glas-Konstruktion, wie einst von Reinberg vorgegeben, positioniert sich der neue Bürobau am Energiewendeplatz 1 mit hellem Holz, freundlichen Loggien und warm aus dem Inneren heraus leuchtenden Farben. Den ­atmosphärischen wie auch bauphysikalisch relevanten Kern im Innenraum bilden zwei doppelgeschossige Raumgruppen mit ­Sanitär- und Lagerräumen, die mit massiven Brettsperrholz-­Platten und thermisch aktiviertem, 20 cm starkem Stampflehm umhüllt sind. Die erdige Wand, die in groben, wellenartigen Lehmschichten den manuellen Produktionsprozess veranschaulicht, dient als Wärmespeicher, Feuchtigkeitsregulator und ­bauteilaktivierte Masse. Die darin verlegten wasserführenden Leitungen sind an eine Sole-Wasser-Wärmepumpe und an elf ­Tiefenbohrungen unter dem Haus angeschlossen.

Die Bauweise und das ausgetüftelte Raumklima sind mitverantwortlich dafür, dass das Bürogebäude mit dem Gebäudestandard klimaaktiv Gold ausgezeichnet wurde. Der erreichte Maximalwert von 1.000 klima­aktiv-Punkten ist österreichischer Rekord. Rund um die beiden Stampflehmkerne befindet sich eine Holzkonstruktion mit 24 × 24 cm großen Stützen und Balken sowie mit Wand- und Deckenelementen aus massiven Brettsperrholz-Platten. Mit einem konstanten Achsmaß von 2,7 Metern kommt zwischen den vielen netten Details – Sitznischen mit drehbaren Tischchen, Stehboards mit Leselampen, geschickt platzierte ­Zu- und Abluftschlitze in den Balkenzwischenräumen – nicht nur eine stoische Ruhe ins Gebäude, fast wie bei einer edlen Bento Box mit Segmenten für Maki und Sushi, sondern auch noch ein weiterer Gedanke von Zirkularität: „Eines Tages“, meint Troy, „wird man das Gebäude abtragen und die Bauteile wiederverwenden können. Aus diesem Grund haben wir die Konstruktion so weit wie möglich standardisiert und modularisiert.“ Im Gegensatz zu vielen Holzbauten der Gegenwart hat der Architekt diesen ­Bürobau aber nicht ideologisch in einem einzigen Holz durch­dekliniert, sondern – wie beim Bau einer Violine oder eines ­Konzertflügels – die jeweils bestgeeigneten Holzarten nach ­Bedarf zu einem Ganzen komponiert: Fichte als Konstruktionsholz, Eiche für die bewitterten ­Terrassenflächen, Lärche für die Fenster, Weißtanne für Fassade, Türen, Möbel und Akustikdecken und schließlich Esche für ­Parkett, Handläufe und Griffstangen. Das Resultat ist ein sensibel zusammengestelltes Potpourri mit fließenden materiellen und chromatischen Übergängen, die ­beweisen, wie schön und wertschätzend ein Arbeitsort sein kann.

Dieses Projekt ist für den europäischen Holzbaupreis WoodPop Dara Award nominiert.