Gilbert Bretterbauer zählt zu jenen österreichischen Künstlern, deren Werk sich konsequent zwischen Kunst, Design, Textil und Architektur bewegt. Der 1957 in Wien geborene Künstler studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien und war anschließend sowohl dort als auch international – unter anderem in Japan und den USA – in Lehre und Forschung tätig. Von 2011 bis 2022 leitete er die Abteilung textil.kunst.design an der Kunstuniversität Linz. Seine Arbeiten umfassen unterschiedliche Medien und Formate, darunter Rauminstallationen, Textilarbeiten, Zeichnungen sowie Projekte im öffentlichen Raum. Charakteristisch für Bretterbauers künstlerische Praxis ist die Auseinandersetzung mit Ornament, seriellen Strukturen und der Beziehung zwischen Fläche, Material und Raum. Diese Fragestellungen treten auch in seinem Projekt „Ornamentale Baumallee“ deutlich hervor. Das von KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien gemeinsam mit der Wien 3420 aspern Development AG realisierte Projekt entstand 2017 für die Seestadt Aspern. Ausgangspunkt war eine Situation des Übergangs: Das Seeparkquartier befand sich noch im Bau, der öffentliche Raum war von Bauzäunen geprägt und seine zukünftige Gestalt lediglich erahnbar. Anstatt diese provisorische Situation zu kaschieren, machte Bretterbauer sie zum Ausgangsmaterial seiner künstlerischen Intervention.
Als Bildträger dienten die hölzernen Bauzäune, die das entstehende Quartier umgaben. Auf sie malte Bretterbauer abstrahierte Bäume, deren Form sich aus zwei elliptischen Farbflächen und einem Stamm zusammensetzt. Charakteristisch ist dabei die ausgesparte Mitte der Baumkrone: Der unbehandelte Holzhintergrund bleibt sichtbar und verweist auf den materiellen Ursprung des Bildträgers – Holz als Produkt des Baumes. Das Motiv entsteht somit zugleich aus Farbe und aus dem Material selbst. Baum für Baum entwickelte sich entlang des Bauzauns eine farbige Sequenz, deren Wiederholung ein ornamentales Band entstehen ließ. Die einzelnen Elemente variieren in ihrer Farbigkeit, folgen jedoch einer klaren formalen Struktur. Dadurch verbindet die Arbeit unterschiedliche Abschnitte des Bauzauns zu einer visuellen Einheit und bezieht auch den Veranstaltungsort „Fabrik“ in diese Abfolge ein. Die ornamentale Wiederholung schafft Orientierung und Rhythmus innerhalb eines Stadtraums, der sich noch im Entstehen befindet. Die „Ornamentale Baumallee“ verweist zugleich auf den zukünftigen Charakter des Quartiers. Während reale Bäume erst nach und nach Teil des öffentlichen Raums werden, entwirft Bretterbauer mit seiner gemalten Allee eine Projektion eines künftigen Ambientes. Die abstrahierte Darstellung von Natur ersetzt den fehlenden Baumbestand nicht, sondern macht den Prozess des Werdens sichtbar. Das temporäre Kunstprojekt begleitet damit die Entwicklung der Seestadt und verleiht einem Ort im Wandel bereits während der Bauphase eine eigenständige visuelle Identität. In diesem Spannungsfeld zwischen Ornament und Landschaft, Materialität und Projektion zeigt sich exemplarisch Bretterbauers Interesse an der Wechselwirkung von Gestaltung, Raum und öffentlicher Wahrnehmung.
Gilbert Bretterbauer,
geboren 1957 in Wien, lebt und arbeitet in Linz und Wien.
Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Ausstellungen (Auswahl)
2026
kisses, loveseat & other correlations, Galerie Rhomberg, Innsbruck
2024/25
more kisses, a textile curtain & other false trace, Galerie Rauminhalt, Wien
2024
SAY IT, Smolka Contemporary, Wien
2018
Mix It Up Baby II, Galerie Rauminhalt, Wien
2017/18
textile anordnung, MQ ART BOX, MuseumsQuartier, Wien
2017
Rekonfiguration, Galerie Rauminhalt, Wien
2015
Interspace, Galerie Rauminhalt, Wien
2014
Hausprojekt Pilz + Rath, Gleisdorf
2013/14
Raumtextil, Funktion und Empfindung, Kunsthaus Graz, Graz
2011
visions actuals del disseny austríac, FAD. Foment de les Arts I del Disseny, Barcelona
2010
Design Vision Austria, Zona Tortona, Salone Internazionale del Mobile, Mailand According to …, Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

