Gelänge es, einen Wiener per Zeitmaschine aus dem Jahr 2000 in die Gegenwart zu beamen, würde ihm auffallen, dass sich der Holzbau seinen Weg in die Stadt gebahnt hat. Im Wohnbau hat er sich eine stabile Randexistenz aufgebaut, mit Luft nach oben. Wie viel Luft – darüber gehen die Meinungen auseinander.
Aktuelle Projekte zeigen, dass der Erfolg vor allem am Commitment aller Beteiligten liegt. Beim Projekt vis-à-vis im Village im Dritten waren alle Beteiligten von Anfang an auf Holz eingeschworen, sagt Markus Zilker von einszueins architektur, die das Projekt im Team mit feld72 planten. „Es gab beim Bauträger ein Bewusstsein für Emissionen in der Baubranche, und die vertiefende Ökobilanzierung im begleitenden Forschungsprojekt Klimademo hat uns sehr geholfen.“ Sehr gute Teamarbeit habe auch den Wohnbau B.R.I.O. erfolgreich ins Ziel gebracht, sagt Michael Porath von DTFLR, hier gemeinsam mit PLOV für die Architektur zuständig. „Die Ausschreibung des Bauherrn fragte das Know-how der Holzbauindustrie ab, die Ingenieure waren im Entwurfsprozess aktiv und die Holzbaufirma kam auf die Idee, die vorgefertigten Module in L- und U-Form anzuliefern.“ Auf den ersten Blick scheint das ungewöhnlich, doch bei der Montage konnte so Zeit eingespart werden. Die Effizienz der Modulbauweise war es auch, die die Konstruktion innerhalb der Budgetgrenzen des geförderten Wohnbaus hielt.
Ist der Holzbau also inzwischen allgemein akzeptiert? Ja und nein, sind sich alle Architekt:innen einig. „Im frei finanzierten Wohnbau gibt es sehr wenige Beispiele“, sagt Architektin Regina Freimüller-Söllinger, die mit Woody-M ein solches realisieren konnte „Im geförderten Wohnbau hat das Förderkriterium der CO2-Bilanzierung vieles erleichtert.“ Für viele Bauträger sei der Holzbau jedoch nur durch die Querfinanzierung aus dem Massivbau machbar, sagt Christoph Leitner von PLOV, und das sei nicht der einzige Bremseffekt: „Es gibt eine Euphorie durch Pilotprojekte, aber manches ist bei der Behörde heute schwieriger zu argumentieren als früher. Wir stoßen immer noch auf große Skepsis, ob das wirklich funktioniert.“ Trotz des großen Engagements sei der Anteil des Holzbaus immer noch verschwindend gering, so Markus Zilker. „Es kursieren auch sehr unterschiedliche Zahlen. Beim konstruktiven Holzbau in großvolumigen Bauten halte ich drei bis vier Prozent für realistisch.“ Oft höre er den Einwand, der verfügbare Rohstoff reiche doch nicht aus, um alles in Holz zu bauen. „Natürlich nicht“, meint auch er, „aber schon eine Erhöhung um Faktor drei würde einen enormen Systemwandel bedeuten.“ Dass dieser noch auf sich warten lässt, liegt auch am Wettbewerbsnachteil des Materials, so das einhellige Urteil. „Viele Projekte, in die wir mit reinem Holzbau gegangen sind, scheitern jetzt am Argument der Bauteilaktivierung“, sagt Freimüller-Söllinger. Auch seien viele Baufirmen aufs Betonieren aus und hofften insgeheim, das ungeliebte Holz im Planungsprozess noch loszuwerden. „Es ist immer eine enorme Kraftanstrengung, auch von Bauherrenseite.“
Bei ihrem Projekt Bella Vista im Wiener Quartier Village im Dritten etwa war die auf Massivbau spezialisierte Baufirma herausgefordert, den Holz-Hybridbau in die Baustellenlogistik zu integrieren. Ein weiteres Hindernis: Die Normenlandschaft sei noch auf den Massivbau ausgelegt, so Michael Porath. „Die kann man nicht eins zu eins auf den Holzbau umlegen. Dieser hat Vorteile, aber man muss sich auf sie einlassen.“ Hinzu kommen Widersprüchlichkeiten, etwa wenn die von der Stadt Wien gewünschte Fassadenbegrünung beim Holzbau aus Brandschutzgründen nicht zulässig ist. Dabei brauche es klare Regeln, betont Regina Freimüller-Söllinger, denn Freiwilligkeit reiche nicht. „Neben Förderungen und politischem Willen ist das vor allem die Finanzierung. Wenn man die CO2-Bilanzierung daran koppelt, wäre das ein Riesenhebel.“ In der Ökobilanzierung als Gamechanger, der die klimatischen Vorteile des Holzbaus realistisch abbildet, sehen auch die anderen Architekten die größte Chance, außerdem in der Forschung und Weiterentwicklung der ganzen Branche. Regina Freimüller-Söllinger fasst zusammen: „Schön wäre es, wenn es nicht nur ein paar Pilotprojekte der Engagierten gäbe, sondern wenn der Holzbau Standard wäre.“
Das Projekt Bella Vista – Dialog im Dritten besetzt den Bauplatz 8 am höchsten Punkt des Stadtentwicklungsgebiets Village im Dritten. Sowohl städtebaulich als auch in der Materialität wurden hier mehrere unterschiedliche Bausteine zusammengefügt: zwei Turmbauten in mineralischer Bauweise sowie eine Spange und ein Regal in Holz-Hybridbauweise. Diese Kombination war bereits im Bauträgerwettbewerb festgelegt. Gemeinsam bilden sie einen markanten Stadtblock nach außen und einen von Arkaden eingefassten Hof nach innen. Hier sind auch die Gemeinschaftsräume angeordnet, weiters verfügt Bella Vista über anmietbare Büroflächen für die Bewohner:innen.
Die weit auskragenden Balkone mit Bäumen bieten nicht nur beschattete Freiflächen, sie sind auch so zueinander versetzt und abgeschrägt, dass im Sommer die Verschattung und im Winter der Sonneneintrag maximiert sind. In puncto Energieversorgung fügt sich das Projekt in das Gesamtprofil des Village im Dritten ein, das sich als Vorzeigestadtteil für erneuerbare Energie positioniert. Aus dem Mix unterschiedlicher Bauteile und Konstruktionsweisen resultiert eine entsprechende Variation der Wohnungsgrundrisse, die vor allem im Skelettbau flexibel anpassbar sind. Aus Brandschutzgründen konnte nur im obersten Geschoss der Spange die Geschossdecke in Holz ausgeführt werden. Als baulogistische Herausforderung erwies sich die Kombination Massivbau und Holz-Hybridbau auf einem Bauplatz mit hoher Bebauungsdichte.
Der geförderte Wohnbau in Wien hat in den letzten Jahren zunehmend das Holz für sich entdeckt, auch wenn der Kostendruck den Baustoff oft zum Kürzungskandidaten macht. Im Quartier Neues Landgut, unmittelbar an der Südbahnstrecke gelegen, findet sich ein gelungenes Beispiel: Das B.R.I.O. (Abkürzung für „bunt, robust, innovativ und offen“) wurde von der Österreichischen Siedlungswerk Gemeinnützigen Wohnungsaktiengesellschaft (ÖSW) mit den Büros DTFLR und PLOV als Holz-Hybridbau konzipiert. Das westliche Ende markiert ein Hochpunkt, dahinter spannen zwei Wohnriegel einen begrünten Hof auf.
Im Erdgeschoss finden Lokale, Gemeinschaftsräume und ein Kindergarten Platz. Insgesamt 175 geförderte Wohnungen wurden hier errichtet, rund die Hälfte davon ist Mitarbeiter:innen der ÖBB, die das Grundstück im Baurecht vergab, vorbehalten. Auf eine Erschließung durch Laubengänge zur lärmintensiven Bahn verzichtete das Projekt als einziges im Wettbewerb, stattdessen setzte man im nordseitigen Flügel auf relativ große, durchgesteckte Maisonetten. Der gemischt genutzte Sockel wurde massiv ausgeführt, darüber wurde ein Raster von 3,2 mal 3,2 Metern in Modulbauweise entwickelt. Die Decken aus Betonfertigteilen sind mit 16 cm materialsparend dimensioniert, die Auflagerpunkte unaufwendig detailliert, auf Unterzüge konnte verzichtet werden. Die Module wurden nicht als Flachware, sondern als L- und u-förmige Elemente auf die Baustelle geliefert.
Das Projekt vis-à-vis auf dem Bauplatz 11B ist eine der ersten Wohnanlagen im neuen Quartier Village im Dritten, die bezogen wurden. Der sechs- bis achtgeschossige u-förmige Bau markiert die Ecke eines Blockrandes. Zum südlichen Hof hin sorgen markant gezackte, vertikal begrünte Laubengänge für Erschließung und Luftzirkulation. Von außen einheitlich, teilt sich das Innere in eine Baugruppe mit 45 Einheiten und 500 m2 Gewerbefläche sowie in 68 geförderte Wohnungen. Die erhofften nachbarschaftlichen Kontakte und Synergien zwischen diesen beiden vis-à-vis wohnenden Gruppen etablierten sich erfreulicherweise gleich nach dem Einzug.
Konstruktiv wurde hier auf Holz-Hybridbauweise gesetzt, mit massivem Sockel sowie Laubengängen und Holzbau in den Wohngeschossen. Das Material Holz war der explizite Wunsch, mit dem die bereits bestehende Baugruppe vor dem Bauträgerwettbewerb an die Architekt:innen herangetreten war. Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Klimademo vis-à-vis“ erstellte ein eigens zusammengestelltes Konsortium des klimaneutralen Planens und Bauens eine Ökobilanzierung in den Lebenszyklusphasen A (Herstellung und Errichtung), B (Nutzung) und C (Entsorgung). Das Österreichische Institut für Baubiologie und -ökologie bewertete die im Rahmen des F&E-Projekts getroffenen Entscheidungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Klimaneutralität.



