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Wohnanlage Ölzbündt

erschienen in
Zuschnitt 101 Quer durch Österreich, September 2026

Daten zum Objekt

Standort

Dornbirn/AT

Bauherr:in

Anton Kaufmann, Gerald Ölz, Dornbirn/AT

Architektur

HK Architekten, Schwarzach/AT, www.hkarchitekten.at/de/

Tragwerksplanung

merz kley partner ZT GmbH, Dornbirn/AT, www.mkp-ing.com

Holzbau

kaufmann zimmerei und tischlerei, Reuthe/AT, www.kaufmannzimmerei.at

Fertigstellung

1997

Typologie

Wohnbauten

Qualität besteht: Holzbaupreis Vorarlberg 1997 – rear Award 2026

Dass heute mehrgeschossige Wohnungsbauten in Holzbauweise geplant werden, ist wesentlich einigen Pionier:innen aus dem ­Alpenraum, ganz besonders Architekt:innen aus Vorarlberg, zu verdanken. Der moderne Holzbau streifte in den 1980er und 1990er Jahren historisierende Provinzialität ab, junge Archi­­tekt:in­nen etablierten eine reduzierte Formensprache und entwickelten Details und Aufbauten, die den gestiegenen Ansprüchen an Brand- und Schallschutz gerecht wurden. Der technologische Fortschritt in der Fertigung schuf neue Möglichkeiten und ­erleichterte den Einsatz in großen Bauprojekten.

Gleichzeitig wurden durch das gestiegene Umweltbewusstsein infolge der ­Ölkrisen die Qualitäten des Materials wieder geschätzt und seine Weiterentwicklung gezielt gefördert. So wurde in Bayern das ­Modellvorhaben „Mietwohnungen in Holzsystembauweise“ lanciert, in dessen Rahmen zahlreiche ehrgeizige Projekte mit ­hohem Vorfertigungsgrad und besonderem Fokus auf Bauzeit- und Kostenoptimierung entstanden. In Vorarlberg wurde 1997 der „Vorarlberger Holzbaupreis“ ins Leben gerufen, um die dort neu errichteten Projekte zu würdigen. Einer der ersten vier Preisträger war ein außergewöhnliches Ensemble aus dieser Pionierphase: die Wohnanlage Ölzbündt. Hermann Kaufmann entwickelte dafür nicht nur einen mehrgeschossigen Wohnungsbau in Holzbauweise, sondern ein ganzes Baukastensystem. Durch Standardisierung von Bauteilen und Details sollten die Planungs- und Baukosten gesenkt werden und ein hochqualitatives Konzept zu einem sehr wettbewerbsfähigen Preis angeboten werden.

Hermann Kaufmann hatte mit seinem Cousin Anton Kaufmann schon länger über die nächsten strategischen Innovationen im Holzbau diskutiert, was in der gemeinsamen Entwicklung des ­modularen Konzepts mündete. Für das erste Bauwerk, an dem der Baukasten erprobt werden sollte, erwarb Anton Kaufmann ein Grundstück in Dornbirn. Im Inneren eines Blocks von Einfamilienhäusern konnte das System seine Qualitäten voll ausspielen. In trockener Bauweise konzipiert, wurden die Obergeschosse in nur drei Monaten vor Ort zusammengesetzt und auf die betonierte Tiefgarage gestellt. Das System ist als Skelettbauweise konzipiert und basiert auf einem 2,4-Meter-Raster. Die geschosshohen Stützen bestehen innen aus Brettsperrholz, die Stützen in der Gebäudehülle aus Vollholz. Decken- und Dachelemente sind als Hohlkästen gefertigt und flächig über die gesamte Länge des Hauses miteinander verbunden. Einige Brettsperrholzwände ­dienen der Aussteifung. Durch die Skelettkonstruktion sind die Innenwände frei positionierbar, das System könnte also in einem neuen Entwurf andere Grundrisse aufnehmen. In Ölzbündt wurden kompakte Zwei- und Dreizimmerwohnungen als frei finanzierte Mietwohnungen realisiert, die Holzstützen stehen dabei teils frei. Da das 42 Meter lange Gebäude – damals revolutionär – als Passiv­haus konzipiert wurde, legte man besonderen Wert auf eine kompakte Gebäudehülle. Balkone und Laubengang wurden als filigrane Stahlkonstruktion ausgeführt, doch auch eine Konfiguration als Spännertyp wäre möglich.

Das Projekt, das von der internationalen Fachwelt begeistert aufgenommen wurde, wird bis heute häufig besucht. In die serielle Fertigung hat es das System trotzdem nicht geschafft. Hermann Kaufmann hatte vor dem Ölzbündt-Projekt einige Gewerbebauten und Hallen in Holzbauweise geplant, war also im Umgang mit der konstruktiven Stringenz dieser Großprojekte geübt. Doch heute wie damals ist der im Geschosswohnungsbau übliche Balanceakt aus maximaler Grundstücksausnutzung, vielfältigem Wohnungsschlüssel und vorgegebenen Wohnungsgrößen nicht leicht mit einem System in Einklang zu bringen, das am besten in höchster konstruktiver Stringenz funktioniert. Hermann Kaufmann selbst wendete es nur dieses eine Mal an. Bei ähnlichen Bauaufgaben in darauffolgenden Jahren griff er auf die klassische Vorfertigung auf Maß zurück, auch weil nicht alle Bauherren bereit waren, sich auf die Begrenzungen des Systems einzulassen. Und auch sonst wurde nur ein einziges weiteres Gebäude nach dem Baukastensystem konzipiert. Das Büro Lichtblau Architekten brachte es – in einer modifizierten Variante im „Zwei-Liter-Haus“ – in München-Riem zur Anwendung. Bis heute werden echte Systembauweisen in Holz vorwiegend als stapelbare Module in Containerlogik ­konzipiert. Sie besitzen nicht die Eleganz des Systems Ölzbündt, scheinen sich jedoch ökonomisch und logistisch zu bewähren.

Die Wohnanlage Ölzbündt zeigt, was interessante, konstruktiv entwickelte Architektur alles kann, wenn sie auf die richtigen Partner trifft: auf einen Bauherrn, der die Vision teilt, und fachkundige ausführende Firmen, in diesem Fall teils in Personalunion. Gerade wurde das Projekt beim REAR Award mit einer Anerkennung ausgezeichnet. Das Augenmerk der Auszeichnung liegt auf Bauwerken, denen die Zeit gut zu Gesicht steht. Die Wohnanlage Ölzbündt ist mit ihrer geradlinigen Erscheinung sehr gut gealtert, die Lärchenfassade ist gleichmäßig vergraut und wirkt lebendig und das Gebäude gibt auch heute noch eine spannende Referenz ab. Man dürfte es genauso wohl nicht mehr bauen – die Vorschriften haben sich geändert.


verfasst von

Lavinia Wagner

ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Architektur und urbane Dichte an der Technischen Universität München.

Erschienen in

Zuschnitt 101
Quer durch Österreich

Im Spannungsfeld von anspruchsvoller Architektur und ungenutztem Potenzial: Wo steht der Holzbau hierzulande?

8,00 €

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Zuschnitt 101 - Quer durch Österreich