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Holzdachwerke der Wiener Innenstadt

700 Jahre Zimmermannskunst

Hanna A. Liebich
Erschienen in
Zuschnitt 76: Steildach
Dezember 2019, Seite 13ff.

Historische Dachwerke sind faszinierende Holzkonstruktionen, deren besondere Ästhetik allein aus bautechnischen Erfordernissen resultiert. Die Tragwerke bestehen aus Hunderten Einzelteilen, die in unzähligen individuell ausgearbeiteten Zimmermannsknoten händisch gefügt sind. Sie können viele Jahrhunderte überdauern, sind aber immer häufiger durch Dachausbauten bedroht. Daher erstellte das Bundesdenkmalamt für die Wiener Innenstadt einen Dachkataster, der das Alter und den Zustand der einzelnen Dächer zeigt. Insgesamt wurden 1.400 Objekte mit Hilfe von Archivmaterial bewertet und über 200 ausgewählte Dachwerke detailliert untersucht.

Die Dachlandschaft liegt als jüngste Schicht auf den oft bis ins Mittelalter zurückreichenden Bauten der Altstadt. Immer wieder mussten die Dächer nach Brandkatastrophen oder Aufstockungen erneuert werden. So stellte sich die Frage, ob sich noch mittelalterliche Dachkonstruktionen in Wien erhalten hatten. Alle Erwartungen übertreffend, wurde das älteste Dach dendrochronologisch auf 1299 datiert. Damit können die Geschichte und die konstruktive Entwicklung der Dächer Wiens über 700 Jahre zurückverfolgt werden. Die Typologie verläuft von einfachen Sparrendächern über Dächer mit stehenden und später liegenden Stuhlgerüsten hin zu den Pfettendächern. Die dauernde Weiterentwicklung war getrieben von dem Wunsch nach größeren Spannweiten, besserer Stabilität und geringerem Holzverbrauch sowie nach architektonischer Repräsentation.

Die beiden ältesten Dächer Wiens entstanden um 1300 und befinden sich auf der Haimonenkapelle im Alten Rathaus und auf der Malteserkirche. Sie bestehen aus einfachen Sparrenpaaren, die direkt auf den Mauerbänken aufstehen und noch keinen Dreiecksverband mit dem Bundtram bilden. In die Gespärre wurde abschließend ein Bockgerüst aus leicht nach außen geneigten Stützen, horizontalen Spannriegeln und Längsträgern eingeklemmt. Diese offensichtlich nur in Wien erhaltene Bauweise ist in der Fachliteratur sonst nicht zu finden. Im Laufe des 14. Jahrhunderts sind weiterhin einfache Sparrendächer mit Kreuzstreben anzutreffen.

Das erste, heute noch erhaltene, Dachwerk mit einem ausgereiften inneren Stuhlgerüst wurde 1400 errichtet und befindet sich auf der Minoritenkirche. Die sogenannten Stehenden Stühle konnten mehrachsig und in vielen Geschossen übereinander abgezimmert werden. Sie dienten der zusätzlichen Aussteifung und bildeten solide Arbeitsebenen beim Aufrichten der Dächer. Das 15. Jahrhundert ist anschließend die Zeit der größten und steilsten Dächer, mit einem enormen Holzverbrauch, der bis zu 10 Laufmeter pro überdachtem Quadratmeter (lfm/m2) betrug. Ab 1440 wurde auf dem Langhaus des Stephansdoms das größte Dach des Mittelalters überhaupt errichtet. Es hatte 65 Grad Neigung, 36 Meter Höhe und sechs Gerüstebenen. Die Konstruktion fiel 1945 einem Brand zum Opfer. Auf der Franziskanerkirche kam dieser Typus 1602 das letzte Mal zum Einsatz. Alternativ zu den Stuhlgerüsten wurden in Wien Konstruktionen mit Untersparren weiterverfolgt. Ausgehend von den Dächern von Maria am Gestade aus dem 14. und 15. Jahrhundert ist dieses Phänomen bis zu den Dächern der Kapuzinerkirche aus dem Jahre 1621 zu beobachten.

Im 17. Jahrhundert wurden schließlich im Franziskanerkloster die Liegenden Stühle erstmals eingesetzt, deren Stützen sich an die Neigung der Sparren anschmiegen und die Last direkt in Richtung der Auflager ableiten. Die Dachneigung betrug nun zwischen 45 und 55 Grad. Die Bauweise erwies sich bau- und brandschutztechnisch als derart günstig, dass sie 240 Jahre lang Verwendung fand und über die Jahrzehnte perfektioniert wurde. Mit durchschnittlich 4,5 lfm/m2 betrug der Holzverbrauch zwar deutlich weniger, geriet aber trotzdem zunehmend in Kritik. Spätestens mit der extremen Holzknappheit, die 1853 zum ersten Kaiserlichen Forstgesetz führte, war ein Umdenken unabdingbar. Nach einer Übergangsphase hielten 1840 erste Pfettenkonstruktionen Einzug. Anfänglich lagen die Pfetten auf gemauerten Pfeilern, wodurch weiter Holz eingespart werden konnte und mit 1,7 lfm/m2 das absolute Minimum an Holzverbrauch erreicht war. Die Dachneigung sank auf durchschnittlich 37 Grad und die Dächer verschwanden schließlich fast aus der architektonischen Erscheinung der Gebäude.

Abgesehen von der konstruktiven Entwicklungsgeschichte speichern Dachwerke ein bedeutendes Wissen zu Holzarten, Holzvorkommen, Flößungen, Werkzeugen, Baubetrieb, Abbundsystemen, Aufrichtevorgängen, Bauphasen, Dachformen und Dachdeckungen – ein Schatz, der durch die noch relativ junge Dächerforschung erst gehoben wird und für die nächsten Generationen geschützt werden soll.

Fotos

© Johanna Albrecht/BDA
© Bundesdenkmalamt (BDA), Abteilung für Architektur und Bautechnik

Text

Hanna A. Liebich
studierte Architektur an der TU Berlin und ist seit 2007 Bauforscherin im Bundesdenkmalamt in Wien. Sie leitet das Projekt »Dachkataster Wien – Innere Stadt« in der Abteilung für Architektur und Bautechnik.

Holzdachwerke der Wiener Innenstadt

Bundesdenkmalamt, 2019, www.bda.at