Inhalt

Siah Armajani

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 76: Steildach
Dezember 2019, Seite 28

Der 1939 im Iran geborene Künstler Siah Armajani besuchte in Teheran eine presbyterianische Missionsschule, in der er früh mit westlichen Philosophen wie Sokrates, Hegel, Nietzsche und Emerson sowie amerikanischer Geschichte in Berührung kam.

1960 emigrierte er auf Wunsch seiner Eltern nach Amerika, studierte Philosophie und Mathematik in Minneapolis und begann parallel dazu künstlerisch zu arbeiten. Neben Skulpturen, Malerei und Zeichnungen arbeitete Armajani zunächst an konzeptuellen Projekten, die zugleich radikale Untersuchungen von Kunst im öffentlichen Raum waren, wie der »North Dakota Tower« (1968), dessen Gesamthöhe so berechnet war, dass der Turm einen Schatten über den gesamten Staat North Dakota werfen sollte, oder seine theoretische Studie für »A Fairly Tall Tower« (1969), einen 40.000 Meter hoher Turm. Neben diesen utopischen Entwürfen entwickelte Armajani aber auch ein »Dictionary for Building«, eine Art architektonischen Zitatenschatz, bestehend aus über tausend Architekturmodellen bzw. Skulpturen, die Armajani über die Jahre aus Karton und Holz herstellte.

Diese Studien sind, ähnlich seinen später entwickelten Arbeiten im öffentlichen Raum, Hybride aus Kunst, Design und Architektur. 1972 wurde Armajani vom Schweizer Kurator und Ausstellungsmacher Harald Szeemann zur documenta 5 in Kassel eingeladen. Zwei weitere Einladungen zur documenta 7 (1982) und documenta 8 (1987) folgten sowie zu Skulptur Projekte in Münster, einer internationalen Kunstausstellung von Skulpturen und Plastiken im öffentlichen Raum, die seit 1977 im Abstand von zehn Jahren stattfindet. Armajani entwickelte für Münster eine Bibliothekssituation im Freien, er platzierte im Garten des Geologischen Museums mehrere Sitzgruppen aus Holz, die den Studierenden und Dozenten das Lehren und Forschen unter freiem Himmel ermöglichten. Armajanis Vorstellung von einer alltäglichen Nutzbarkeit seiner Arbeiten entspricht auch die hier abgebildete Installation »Bridge Over Tree«, die heuer von Februar bis September in New York zu sehen war. Die erste amerikanische Retrospektive des Künstlers im Metropolitan Museum of Art wurde zum Anlass genommen, die bereits 1970 im Walker Art Center in Minneapolis gezeigte Brückenkonstruktion, die zur Gänze aus Holz gebaut ist, erneut im öffentlichen Raum zu präsentieren – diesmal im Brooklyn Bridge Park zwischen der Manhattan und der Brooklyn Bridge. Für Armajani ist es eine poetische Begegnung zwischen Realität und Poesie, die Ausdruck findet in einem immergrünen Baum, der unter dem steilen Treppenverlauf der Brücke eingepflanzt wurde. Das daraus entstandene Steildach, das durchgehend mit Holzschindeln gedeckt ist, reagiert auf die abgestuften und spitzen Dachlinien der Skyline von Manhattan und fungiert auch hier als metaphorischer Brückenschlag zwischen traditioneller, ländlicher Architektur und modernen Bauweisen.

Siah Armajani

geboren 1939 in Teheran, lebt und arbeitet in Minneapolis und St. Paul, Minnesota.

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2019 The Metropolitan Museum of Art (The Met Breuer), New York
  • 2018 Follow This Line, Walker Art Center, Minneapolis
  • 2017 Rossi & Rossi, Hongkong
  • 2016 Bridge Builder, Kemper Museum of Contemporary Art, Kansas City
    Alexander Gray Associates, New York
  • 2014 The Tomb Series, Alexander Gray Associates, New York

Gruppenausstellungen (Auswahl)

 

  • 2017 I Am You, You Are Too, Walker Art Center, Minneapolis
  • 2016 (INFRA) structure: complex, below and further on, Lannan Foundation Gallery, Santa Fe
    Passages in Modern Art: 1946 – 1996, Dallas Museum of Art, Dallas
  • 2015/16 Cycle Des histoires sans fin, séquence automne-hiver 2015 – 2016, Musée d’art moderne et contemporain (MAMCO), Genf
  • 2014 Art at the Center: 75 Years of Walker Collections, Walker Art Center, Minneapolis

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien