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Brandschutzexperte Deutschland

Gespräch mit Stefan Winter

Anne Isopp, Stefan Winter
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 14ff.

Im letzten Jahrzehnt wurde in Deutschland die Gesetzgebung für den Brandschutz im Holzbau liberalisiert. Wie ist es dazu gekommen?

Einen großen Beitrag hat hier die internationale Forschung geleistet. Insbesondere in den DACH-Ländern haben wir durch koordinierte Forschungen nachweisen können, dass wir im Holzbau zu einem vergleichbaren Sicherheits- und Risikoniveau kommen wie bei den mineralischen Bauarten. Es braucht aber immer seine Zeit, bis sich solche Erkenntnisse in der Praxis durchsetzen. Je mehr große und mehrgeschossige Gebäude aus Holz entstehen, umso gesellschaftsfähiger wird diese Bauweise.

Trotz koordinierter Forschungen im DACH-Raum werden die Ergebnisse in den jeweiligen Ländern verschieden ausgelegt und führen zu unterschiedlichen Gesetzgebungen.

Das Thema der brennbaren Fassaden ist hier ein gutes Beispiel. Da gab es Versuche in Österreich, in der Schweiz und bei uns. Es kam mehr oder weniger überall das Gleiche heraus, und doch haben wir unterschiedliche Systeme. Der Brandschutz in der Schweiz wird im Wesentlichen von der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) getrieben. Die Bauordnungen bei uns sind Landesgesetze, die vom Parlament verabschiedet werden. Das ist ein anderer Entscheidungsprozess, es sind andere Player mit unterschiedlichem Hintergrund. Gesetzestexte werden überwiegend von Juristen geschrieben, Brandschutzrichtlinien der VKF überwiegend von Technikern.

Der Umgang mit Sichtholzflächen ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich das Brandrisiko von Holz beurteilt wird. Wie schaut es hier in der deutschen Gesetzgebung aus?

Da gibt es im Moment unterschiedliche Auffassungen. Nach baden-württembergischer Bauordnung kann man alle Oberflächen in Sichtholz bauen. Nach dem jetzigen Entwurf der Muster-Holzbaurichtlinie hingegen darf entweder die Decke sichtbar in Holz belassen werden oder ein Anteil der Wände. Diese Regelung halte ich für vernünftig. Wir wissen, dass die Brandausbreitung durch die Pyrolysen (dem thermischen Prozess, bei dem sich Holz unter Bildung von Holzkohle und brennbaren Gasen zersetzt) zu vieler brennbarer Oberflächen schneller vonstatten gehen kann, dass wir eine größere Feuersäule vor der Fassade bekommen und dass wir unter Umständen bei einem voll ventilierten Brand eine Temperaturentwicklung bekommen, die über der Einheitstemperaturkurve im Prüfverfahren liegt. Man muss die Grenzen kennen. Holz ist ein brennbarer Stoff.

Welche weiteren Änderungen in Bezug auf den Brandschutz sind zu erwarten?

Es gibt noch eine Frage, die uns vor allem bei den Hochhäusern beschäftigt: Geht das Holz nach einem Brand von allein wieder aus? Nach etwa anderthalb Stunden ist bei einem entsprechend ventilierten Brand die mittlere mobile Brandlast (Möbel, Einrichtung, Bücher) verbrannt. Dann geht das Feuer aus und die Konstruktion bleibt stehen. Muss aber ein Gebäude einen Brand komplett alleine überstehen, ohne dass die Feuerwehr kommt? Auch schon bei der Gebäudeklasse 5?
Die Frage nach der Definition des Schutzzieles ist, zumindest in Deutschland, nicht vollständig beantwortet. Die wissenschaftliche Antwort in Deutschland, der Schweiz und Österreich lautet: Nach 90 Minuten, nach einem Vollbrand, darf ein Gebäude theoretisch zusammenstürzen. Egal ob Holzbau oder Stahlbau – so ist das Schutzziel. Nur ist diese klare Formulierung des Schutzziels gesellschaftlich nicht ausdiskutiert. Es gibt Experten, die sagen, ein solches Gebäude muss einen Naturbrand überleben. Dann sind wir beim selbst verlöschenden Holz. Der dicke Holzquerschnitt geht im Regelfall von allein aus. Man könnte aber auch nachhelfen, daran forschen wir gerade. Man kann Massivholzbauteile herstellen, die eine innen liegende Brandstoppschicht haben, bei der ein Feuer definitiv aufhört und die den innen liegenden Querschnitt weiter schützt.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Stefan Winter

Professor für Holzbau und Baukonstruktion an der TU München
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