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Essay

Riskantes Denken mit Holz

Yves Schihin
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 4f.

In seiner Festrede zum Beginn der Salzburger Festspiele 2018 forderte der Schriftsteller Philipp Blom, dass wir in Zeiten des Klimanotstandes wieder mehr »riskantes Denken« wagen sollten. Als Kinder der Aufklärung wissen wir, dass die Baubranche einer der Hauptverursacher für den enormen Ressourcenverbrauch ist und dass allein die Zementindustrie für satte 8 Prozent des weltweiten CO₂-Ausstoßes verantwortlich zeichnet. Im Gegensatz dazu ist Holz ein nachwachsendes, regional verfügbares, CO₂-speicherndes, leicht bearbeitbares und vor allem rückbaubares und wiederverwendbares Baumaterial. Damit steht es für einen kreislaufgerechten, verantwortungsvollen Umgang mit den endlichen Ressourcen unserer Erde.

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde von den meisten Staaten ratifiziert. Es fordert, die menschengemachte globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen. Hierfür scheint es also entscheidend, dass die Hindernisse abgebaut werden, welche die Holzbauweise (scheinbar noch) daran hindern, die konventionelle Bauweise mit Beton, Stahl und Backstein sinnvoll zu ersetzen und Holz im großen Maßstab zur urbanen Verdichtung heranzuziehen.

Eines der größten Hemmnisse war bis vor kurzem das Brandverhalten von Holz. Das älteste Holzhaus in Europa steht in Schwyz und wurde 1287 errichtet. Der Einsatz von Holz als Baumaterial war bis zum Aufkommen von Stahl und Beton im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Das Problem der eng zusammenstehenden Holzbauten waren die Großfeuer, die Dörfer und Städte großflächig zerstörten. Als sich im 18. Jahrhundert unsere Vorfahren in Evolène im Wallis infolge des begrenzt verfügbaren bebaubaren Bodens und des regional verfügbaren Baumaterials entscheiden mussten, mit Holz in die Höhe zu bauen, und in dichter Bauweise vier- und fünfstöckige »Holzhochhäuser« errichteten, erforderte dies ein riskantes Denken.

Eva Guttmann hat noch 2004 im Editorial zum Zuschnitt 14 geschrieben: »Holz brennt sicher.« Mit dem ambivalenten Ausspruch meinte sie, dass Holz zwar brennt, aber dank der Verkohlung berechenbar brennt. Seither hat sich im Brandschutz zum Glück enorm viel getan. Mit der Liberalisierung der Brandschutzvorschriften 2005, vor allem aber 2015 erfolgte – zumindest in der Schweiz – eine Gleichstellung der Holzkonstruktionen mit Bauten aus nicht brennbaren Baustoffen. Während das Sicherheitsniveau im Personenschutz beibehalten wurde, setzen die neuen Vorschriften beim Sachwertschutz dank riskanterem Denken auf eine wirtschaftliche Optimierung.

Die Bedeutung dieser Liberalisierung ist in unserer Arbeit der letzten zwanzig Jahre deutlich sichtbar: Vor der Jahrhundertwende beschränkte sich die Kubatur der neu erstellten Holzbauten auf eingeschossige Pavillons wie die Forstwerkhöfe und um die Jahrtausendwende auf zwei- bis dreigeschossige Siedlungen wie die Wohnhäuser Ziegelwies in Altendorf. Während 2013 bei der viergeschossigen Aufstockung beim Bahnhof Giesshübel in Zürich noch alle tragenden Bauteile gekapselt werden mussten, sind
bei der aktuell im Bau befindlichen fünfgeschossigen Wohnüberbauung Waldacker in St. Gallen sogar offene Laubengänge mit linearen tragenden Bauteilen und Fassaden in Holz möglich. Nur der jeweils an beiden Enden der Veranda angeordnete vertikale Fluchtweg ist nach wie vor mit nicht brennbaren Materialen gebaut. Die gelockerten Brandschutzvorschriften ermöglichen so neue systemische Denkweisen, mit gesundem Menschenverstand ein riskantes Denken und generieren schließlich auch einen neuen Ausdruck in der Holzarchitektur.

Im Zuge der Anpassung der Brandschutzvorschriften der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) 2015 fiel auch die Höhenbeschränkung für Holzhäuser. Die Regulierung der Höhen für Hochhäuser wurde neu definiert. Nach den neuen Vorschriften gilt jedes Gebäude ab einer Höhe von 30 Metern unabhängig von seinem Baumaterial als Hochhaus. Daraus ergeben sich neue Perspektiven für den Holzbau beim Einsatz von Hochhäusern. Holz, ein Baustoff mit hohen ökologischen und nachhaltigen Eigenschaften, hat nun aufgrund der Gleichstellung im Brandschutzbereich die Chance, sein Potenzial auch im Bereich hochleistungsfähiger Bauweisen und Konstruktionen unter Beweis zu stellen. Die Holzbauweise löst gegenüber einem Hochhaus in Massiv- oder Stahlbauweise hinsichtlich der Brandschutzvorgaben keine erhöhten Anforderungen aus. Dies betrifft sowohl den Feuerwiderstand als auch die Fluchtwegsituationen oder technischen Brandschutzmaßnahmen.

Dies wird beispielsweise im Modul 17,* einem soeben publizierten Innosuisse-Forschungsprojekt zu einer hochflexiblen Typologie für Holz-Hybrid-Hochhäuser zur urbanen Verdichtung deutlich. Dabei gelangte das Autorenteam mit einem modular aufgebauten Konzept zu einem Prototyp mit über 100 Metern Gebäudehöhe und einem sichtbaren Holzanteil von knapp 90 Prozent. Mit dem Forschungsprojekt bewiesen die Autoren, dass dank der Liberalisierung der Brandschutzvorschriften neue Wege in der Hochhausdebatte eingeschlagen werden können: Das Projekt postuliert eine komplett flexibel bespielbare vertikale Stadt mit einem hybriden Nutzungsmix. Die Vorteile der Nachhaltigkeit und der Vorfabrikation wiegen die etwas höheren Baukosten der Holzbauweise auf, insbesondere dann, wenn nicht nur die Erstellungskosten berücksichtigt werden, sondern die gesamten Lebenszykluskosten inklusive der CO₂-Äquivalente für Herstellung und Entsorgung der Produkte der Fossilindustrie.

Damit wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens als globale Gesellschaft einhalten können, sind wir gefordert, unser Verhalten im Bauwesen den neuen klimatischen Gegebenheiten anzupassen und endlich wieder nachhaltig zu planen und zu bauen. Das Wissen, die digitalisierte Materialtechnologie und die Brandschutznormen erlauben es uns heute. Die Leitworte dabei sind »Refuse, Reuse, Reduce, Recycle«. Dahinter steht der Mut zu einem riskanten Denken.

Oder um nochmals mit Philipp Blom zu sprechen: »Der Homo sapiens kann sein Verhalten durch Verständnis der Fakten, Fantasie und Empathie ändern und so vielleicht eine Zukunft schaffen, in welcher Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird. Das wäre riskant für unseren Wohlstand. Das wäre aufklärerisch.«

* Modul 17. Hochhaustypologie in Holzhybridbauweise, www.vdf.ch/modul17.html

Text

Yves Schihin

ist Architekt und Mitinhaber bei burkhalter sumi architekten. Er ist an diversen Forschungsprojekten im Holzbau beteiligt und ist Lehrbeauftragter am Lehrgang Überholz, Kunstuniversität Linz.
www.burkhalter-sumi.ch