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Brandschutzexperte Schweiz

Gespräch mit Reinhard Wiederkehr

Anne Isopp, Reinhard Wiederkehr
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 14ff.

Worin unterscheidet sich die schweizerische Herangehensweise im Brandschutz von jener der Nachbarländer?

Die Schweizer sind weniger normengläubig als gewisse europäische Nachbarländer. Wenn wir feststellen, dass eine Norm ungenügend ist, dann suchen wir nach Lösungen. In der Schweiz darf man theoretisch alles bauen, wenn man es verantworten kann. In Deutschland hingegen können Sie, wenn es für etwas keine Norm gibt, das auch nicht bauen. So können in der Schweiz natürlich Neuerungen viel schneller umgesetzt werden.

Die Schweizer trauen sich also in Bezug auf den Brandschutz mehr?

Auch in der Schweiz ist ein Material viel zu stark danach beurteilt worden, ob es brennbar ist oder nicht. Dabei ist das Gesamtbrandverhalten von Holzgebäuden nicht markant schlechter als von Gebäuden aus anderen Baustoffen. Mithilfe von Forschungen und Entwicklungen und anhand von Schadensfällen konnte aufgezeigt werden, dass die Kategorisierung in brennbar und nicht brennbar nicht mehr sinnvoll ist. Heute bauen wir Holzbauten technisch robuster und haben eine ganze andere Wasserversorgung. Darum kann der Brand im Kleinen bekämpft werden. Zugleich haben sich die Schweizer auch die Frage gestellt, wo die heutigen Risiken liegen, und festgestellt: Die CO₂-Thematik stellt ein viel größeres gesellschaftliches Risiko dar als ein Brand. In der Schweiz gibt es kantonale Monopol-Gebäudeversicherungen. Diese Versicherungen sind daran interessiert, ein Gebäude möglichst sicher bauen zu lassen, damit es nicht niederbrennt. Während aber die Brandschäden in der Schweiz gleichbleibend sind, haben die Schäden im Elementarbereich – durch Überschwemmungen oder Murenabgänge – zugenommen. Das haben die Versicherungen erkannt.

Da eine gesunde Waldwirtschaftspolitik einen positiven Einfluss auf das Klima hat, will man der Wertschöpfungskette Wald und Holz mehr Bedeutung verleihen. In diesem Kontext kann man auch volkswirtschaftlich etwas mehr Brandschäden verantworten. Die Frage der Personensicherheit hat nichts mit der Materialwahl der Geschossdecke oder der Trennwand zu tun. Dies ist eine wohnungsinterne Frage. So hat man politisch entschieden, dem Holzbau eine faire Chance zu geben und die Grundsätze des Vorschriftenwerks zu überarbeiten. Mit der rein technischen Diskussion, ob ein Material brennbar oder nicht brennbar ist, kam man nicht weiter und hat deshalb die ganze Gesetzgebung grundsätzlich hinterfragt. Das zaghafte Vorwärtsgehen in den anderen Ländern ist darauf zurückzuführen, dass man dort das Gegenteil einer Norm beweisen will. Damit bleibt man immer im gleichen Denkmuster.

Sind in Zukunft noch weitere Erleichterungen für den Brandschutz im Holzbau zu erwarten oder ist nun alles ausgereizt?

In der Schweiz können heute Gebäude bis zur Hochhausgrenze ohne Weiteres in Holz gemäß Standardkonzept der Brandschutzvorschriften gebaut werden. Hier gibt es sicher noch Vereinfachungsmöglichkeiten. Da es in der Logik unserer technischen Entwicklung nicht mehr um die Frage geht, ob ein Material brennbar ist oder nicht, können durchaus auch Hochhäuser in Holz gebaut werden.

Es gibt aber noch ein anderes Thema, das wir als Branche ernstnehmen müssen: den Brandschutz auf der Baustelle. Holzgebäude sind sicher, wenn sie fertiggebaut und in Betrieb sind. Aber während der Bauphase muss sich die Branche der Risiken bewusst sein und verantwortungsbewusst damit umgehen.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Reinhard Wiederkehr

ist Holzbauingenieur und Brandschutzexperte im Büro Makiol Wiederkehr AG. Er war als Mitglied des Fachausschusses Brandschutz im Holzbau in die Überarbeitung der Brandschutzvorschriften involviert.
www.holzbauing.ch