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Essay

Handwerk als notwendiger Teil der Allgemeinbildung

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 78: Ausbildung Holzbau
September 2020, Seite 4f.

Seit ursprünglich handwerklich hergestellte Produkte auch maschinell hergestellt werden können, gibt es die Klage vom Untergang des Handwerks. Eine sehr ähnliche Diskussion findet gerade auf dem Feld der künstlichen Intelligenz statt. Was ist daran wahr?

Unterschied zwischen Handwerk und simpler Handarbeit

Handarbeit ist mit der Mechanisierung und Industrialisierung nicht verschwunden. Selbst ausgesprochene Industrieprodukte werden in Handarbeit zusammengefügt. Bei Montagen ist fast immer Handarbeit notwendig und bei Dienstleistungen scheint Handarbeit unersetzlich zu sein. Eine totale Mechanisierung hat sich in unseren Breiten am ehesten in der Landwirtschaft, bei Erdarbeiten und in der Rohstoffaufbereitung durchgesetzt. Dort ist Handarbeit, der Einsatz menschlicher Arbeitskraft überhaupt, minimiert. Körperliche Schwerarbeit hat sich drastisch verringert.

Handwerk ist mehr als Handarbeit

Ein Handwerk wird wesentlich vom Material bestimmt, das es bearbeitet. Fast scheint es so, als finde das jeweilige Material den passenden Menschen. »Holzmenschen« unterscheiden sich sehr von »Metallmenschen«, und sie sind nicht einfach austauschbar.

Jedes Handwerk hat seine eigenen Werkzeuge entwickelt. Ursprünglich waren es Handwerkzeuge. Die Handfertigkeit, die manuelle Geschicklichkeit im Gebrauch von Handwerkzeugen, ist jener Teil, auf den das Handwerk gern reduziert wird. Sie kann von einem notwendigen Mindestmaß über Virtuosität bis zur Akrobatik reichen. Wie ein Musiker, bei dem es auch auf die Musikalität insgesamt ankommt und nicht nur auf eine möglichst akrobatische Beherrschung seines Instruments, muss ein guter Handwerker handwerkliches Geschick, Materialkenntnis und Herstellungstechniken zu einem virtuosen Ganzen verbinden.

Der handgreifliche Umgang mit einem Material prägt eine Persönlichkeit. Das Wissen darum, wie etwas gemacht wird, um die richtige Reihenfolge und den richtigen Zeitpunkt, gibt Sicherheit und formt das Denken. Handwerk erdet, behindert aber auch mit seiner Pragmatik.

Material und Werkzeuge unterliegen einem ständigen Wandel

Gerade der Möbel- und Holzbau hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert. Auf der einen Seite hat sich dadurch scheinbar die Notwendigkeit handwerklicher Fähigkeiten verringert, weil oft nur mehr von Zuschnitt-Automaten und CNC-Fräsen vorgefertigte Teile mit Beschlägen bestückt und zusammengesetzt werden müssen. Andererseits erschließen neue Materialien, wie das Brettsperrholz, dem konstruktiven Holzbau Felder, in denen Holz bisher schlicht undenkbar war. Gebäude können wie Möbel gebaut werden.

Zu den traditionellen Handwerkzeugen kommen heute der pc oder Laptop und eine ausgefeilte Software. Der Tischler wird zum Tischlereitechniker. Auch Zimmerleute sitzen immer zahlreicher vor dem Computer und programmieren den vollautomatischen Abbund. Auf der Baustelle dominieren Autokran und Akkuschrauber. Ihr neues digitales Werkzeug verbindet Handwerker und Planer. Die Schnittstellen sind fließend.

Das Handwerk muss Teil der Allgemeinbildung sein

Gute Handwerker können mit den neuen Werkzeugen und Maschinen den Holz- und Möbelbau, das Bauen insgesamt schöpferisch weiterentwickeln und verbessern. Es besteht aber auch die Gefahr, das Handwerk und das Bauen auf einfach zu beherrschende, von Hilfsarbeitern realisierbare Standards zu reduzieren, angetrieben von einem zunehmenden Facharbeitermangel.

Und der beruht wiederum auf der traditionell betriebenen, frühzeitigen Spezialisierung im Bildungswesen, vor allem auf der allgemeinen Überbewertung einer akademischen Laufbahn. Die mangelnde Wertschätzung handwerklicher Fähigkeiten beginnt schon in der Schule und ist auch mit aufwendigen Imagekampagnen später nicht mehr zu korrigieren. Nur wer zumindest ein Handwerk aus eigener Erfahrung kennt, wird das Handwerk insgesamt wertschätzen (ohne es zu idealisieren).

Beim Sport scheint die Notwendigkeit einer breiten Basis von schon früh sportlich Aktiven unbestritten, um eine Sportkultur und Spitzenleistungen hervorbringen zu können. Da nur wenige Profis werden, ist aber im Endeffekt der »Kollateralnutzen« einer sportlichen Betätigung wichtiger, wie das Leben zu bereichern, eine Persönlichkeit zu formen und die Gesundheit zu fördern.
Bei einem »Breitenhandwerk« wäre der Anteil der Profis sicher viel höher, weil viele Kinder und Jugendliche erst da eine ernsthafte Chance hätten, handwerkliche Fähigkeiten und Neigungen an sich zu entdecken und dafür bewundert zu werden. Ein in die Allgemeinbildung integriertes Handwerk muss in den frühen Jahren deutlich über den heute üblichen Werkunterricht hinausgehen. Der Umgang mit den archaischen Materialien »Erde« (Lehm, Ziegel, Keramik, Glas u. Ä.), Holz und Metall, aber auch mit Textilien und Kunststoffen soll an ernsthaften und spannenden Projekten geübt werden. Warum nicht (mit dem entsprechenden Zeitaufwand) eine Gitarre bauen? Oder ein kleines Bauwerk errichten? Oder sich mit Keramik über einen unverbindlichen Erstversuch hinaus befassen?

Die Öffnung bzw. Erweiterung der Lehre in Richtung Matura war ein wichtiger Schritt. Warum können wir nicht auch Blöcke einer Handwerksausbildung in die Oberstufen der Mittelschulen integrieren? Kapazitäten in den Berufsschulen wären vermutlich vorhanden. Und warum sollten sich nicht auch Lehrlinge und Mittelschüler dort begegnen?

In Zeiten einer zunehmenden Marginalisierung des Handwerks, in Zeiten überfüllter Lehrpläne mag ein solches Ansinnen paradox erscheinen. Was sonst aber könnte uns davor bewahren, zu unmündigen Sklaven und Getriebenen unserer immer besseren Werkzeuge zu werden?

Text

Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.