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Nachgefragt

Holzbau-Ausbildung im Ausland

Manfred Stieglmeier, Hans Rupli
Erschienen in
Zuschnitt 78: Ausbildung Holzbau
September 2020, Seite 18f.

Es antworten Manfred Stieglmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Entwerfen und Holzbau der tu München, und Hans Rupli, Ehrenpräsident von Holzbau Schweiz

Deutschland

Wie schaut die ideale Holzbau-Ausbildung aus?

… an den Universitäten

Manfred Stieglmeier Wie beim konventionellen Bauen ist auch im Holzbau ein ineinandergreifendes Planen von Architektur und Ingenieurwesen notwendig – ein Team, das idealerweise bereits zu Beginn in den Planungsprozess eingebunden ist. Für die Ausbildung der Studierenden wäre daher ein interdisziplinärer Lehr- und Forschungsverbund unter Einbindung der Holztechnik ideal, um den hohen baukulturellen und bautechnischen Ansprüchen des Holzbaus gleichermaßen gerecht zu werden.

Wo liegen die Defizite in der derzeitigen Ausbildung?

Manfred Stieglmeier Das Angebot der jeweiligen Lehrstühle für Entwerfen und Konstruieren in der deutschen Hochschullandschaft hängt stark von den jeweiligen Lehrstuhlinhabern ab. Je nach ihrer Neigung und Expertise fließt das Fachgebiet des Holzbaus mal mehr, mal weniger in die Lehre ein. Eine Ausnahmestellung hat hier die Professur von Hermann Kaufmann für Entwerfen und Holzbau an der TU München. Der vorgefertigte Holzbau fordert bereits in der Vorplanung umfangreiche Kenntnis im Brandschutz und der Bauphysik sowie der Elementierung der Bauteile. Diese Expertise fließt meist durch spezialisierte Tragwerksplaner oder Holzbauingenieure ein. Die Ausbildung zum Holzbauingenieur nach dem Schweizer Modell vereint das Wissen aus den Fachrichtungen der Holztechnik und der Tragwerksplanung.

In der deutschen Hochschullandschaft sind dies in der Regel zwei unterschiedliche Studiengänge. Aus diesem Grund konnte sich das Berufsbild des Holzbauingenieurs als Fachingenieur bisher in Deutschland kaum etablieren. Bauingenieure mit Schwerpunkt Holzbau werden universitär vorrangig am Lehrstuhl von Stefan Winter für Holzbau und Baukonstruktion an der TU München ausgebildet. Im Bereich der Hochschulen nimmt neben Biberach und Hildesheim die Technische Hochschule Rosenheim eine Vorreiterrolle ein. Hier werden traditionell der Holzbau und die Holztechnik, mit allen Belangen der Vorfertigung, sowie die Bauingenieurausbildung mit Schwerpunkt auf nachhaltigem Holzbau und Energieeffizienz angeboten. Im Bereich der berufsbegleitenden Weiterbildung hat die  TH Rosenheim darüber hinaus einen Masterstudiengang Holzbau und Energieeffizienz im Repertoire.

Schweiz

Wie schaut die ideale Holzbau-Ausbildung aus?

… im Handwerk

Hans Rupli Das Bildungssystem der Holzbaubranche soll die Betriebe und deren Mitarbeitende befähigen, den aktuellen und künftigen Marktanforderungen gerecht zu werden und sich attraktiv auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren. Nicht zuletzt gehören zukunftsfähig ausgebildete und leistungsmotivierte Mitarbeitende auf allen Stufen zu den relevantesten Erfolgsfaktoren eines Unternehmens.

Im Vergleich zu Österreich sind die Schweizer Betriebe bereit, markant höhere Investitionen in die Bildung zu tätigen. Zur Steigerung der Bildungsrate investieren die verbandlich organisierten Betriebe jährlich 0,8 Prozent ihrer Lohnsumme – ca. 4,5 Mio. CHF (ca. 4,18 Mio. Euro) pro Jahr – in einen Bildungsfonds. Bilden die Betriebe ihre Mitarbeitenden aus und weiter, bekommen sie ihr Geld anteilsmäßig in Form von subventionierten Bildungsangeboten zurück. Zur Pflege und Weiterentwicklung des Bildungssystems durch Holzbau Schweiz investieren alle schweizerischen Betriebe zusätzlich jährlich 72,– CHF (ca. 67,– Euro) pro Mitarbeitenden in einen weiteren Bildungsfonds. Bei innovativen Bildungsprojekten mit »Leuchtturmcharakter« kann teilweise auch noch eine staatliche Förderung erfolgen. Diese Finanzierungsbasis erlaubt, das Bildungssystem professionell zu pflegen und weiterzuentwickeln. Dafür ist Holzbau Schweiz als nationale Branchenorganisation zuständig. Basis für das Bildungssystem sind eine marktorientierte Branchenstrategie zur Definition der angestrebten Kompetenzprofile und ein systemisches Bildungsmodell mit einem Karriereplan Holzbau. Die Kompetenzprofile orientieren sich an den Anforderungen des Marktes, an den individuellen Anforderungen der Betriebe, der sozialen Anerkennung der Berufe und ihrer Karriereoptionen sowie an der regionalen Baukultur. Der Karriereplan beinhaltet zwei eigenständige Grundausbildungen mit einer zwei- respektive vierjährigen Bildungszeit und Fortbildungsmöglichkeiten zum/zur Holzbau-Vorarbeiter/-in, Holzbau-Polier/-in, Holzbau-Techniker/-in, Holzbau-Meister/-in und Holzbau-Ingenieur/-in mit Bachelorabschluss. Der Karriereplan ist durchgängig gestaltet unter dem Motto »kein Abschluss ohne Anschluss«. Die Holzbau-Ingenieure leisten einen wesentlichen Beitrag zur stärkeren Marktdurchdringung des mehrgeschossigen Bauens mit Holz. Auch für die Entwicklung der Lehrmittel in den Bereichen Grundbildung und höhere berufliche Bildung ist Holzbau Schweiz zuständig. Dazu gehört auch der Aufbau einer elektronischen Bildungsplattform Holzbau. Diese soll ergänzend zum Präsenzunterricht an Schulen die Bildung zu den Mitarbeitenden bringen und ihnen zeit- und ortsunabhängig Weiterbildung ermöglichen. Die Wissensvermittlung erfolgt durch unabhängige, regionale Bildungsinstitutionen. Hingegen werden die Abschlussprüfungen in den Bereichen Grundbildung und höhere berufliche Bildung durch Holzbau Schweiz und seine Sektionen national einheitlich organisiert und durchgeführt.

Investitionen in Bildung gehören zu den wesentlichsten Investitionen in die Zukunft. Dieses Bekenntnis zeichnet die schweizerischen Betriebe aus und bildet die Basis für ihren betrieblichen Erfolg und das Ansehen der Holzbaubranche in der Öffentlichkeit. In Anbetracht der mannigfaltigen Herausforderungen und Zukunftschancen der Holzbaubranche auch in Österreich sollten die organisatorische Zuständigkeit, die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems und deren Finanzierung diskutiert und optimiert werden. Denn dem Holzbau gehört die Zukunft.

Manfred Stieglmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Entwerfen und Holzbau der TU München

Hans Rupli, Ehrenpräsident von Holzbau Schweiz, www.holzbau-schweiz.ch/de/dienstleistungen/bildung