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Freitragend

Holztreppe am Unicampus in Vancouver

Karin Triendl
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 5ff.

2012 wurde am Campus der University of British Columbia in Vancouver das neue Universitätsgebäude für Geowissenschaften mit einer Fläche von 15.000 m2 eröffnet. Das Herzstück des Gebäudes bildet ein fünfstöckiges Atrium mit einer außergewöhnlichen Treppe, einer Massivholztreppe.

Die Architekten positionierten die Treppe bewusst abseits der Aufzugskerne und schufen damit einen zentralen Kommunikationsort.

Die 3,6 Meter breite Treppe ist vollständig freitragend und besteht aus einem nahtlosen »Band« aneinandergereihter Brettschichtholz-Platten. Die klaren Linien der durchlaufenden Holzoberflächen scheinen der Schwerkraft zu trotzen und demonstrieren auf überzeugende Weise die ästhetischen und strukturellen Fähigkeiten moderner Holzwerkstoffe.

Notwendige Tests, Zertifizierungen und die ungewisse Kostenprognose stellen oftmals innovative Konstruktionen wie diese infrage. Aus diesem Grund arbeitete das Architekturbüro Perkins & Will während der gesamten Entwurfsphase eng mit den Tragwerksplanern Eric Karsh und Bernhard Gafner sowie der Holzbaufirma zusammen und schuf damit für beide Seiten die Möglichkeit, sich auszutauschen und besser auf die Bauphase vorbereitet zu sein.

Aufgrund der flächigen Lastverteilung zog man zunächst Brettsperrholz für Treppenläufe und Treppenabsätze in Betracht, entschied sich dann aber für Brettschichtholz wegen des besseren Aussehens und der größeren Festigkeit und Steifheit in der Längsachse der Treppenläufe. Wegen des Versatzes gegenüberliegender Treppenläufe entstehen bei freitragenden Treppen große Auskragungen und hohe Drehmomente. Die Folge sind große Scherkräfte im Bereich der Podeste.
Es ist also ein erheblicher Grad an Steifheit erforderlich, um die Kriterien für eine zulässige Durchbiegung und Schwingung zu erfüllen. Der Schlüssel lag dabei eindeutig in der Steifigkeit der Verbindungen.

Beim verwendeten Holz-Stahl-Klebeverbundsystem (HSK-System) wurden leistungsfähige Stahlschwerter mithilfe eines geeigneten Klebers in das Holzpodest integriert. Ein 62 mal 254 mm großes Stahlprofil, das die oberen Podeste quer zur Holzfaser verstärkt, sorgt dafür, dass lokale Spannungen am Schnittpunkt der Treppenwangen verteilt werden.

Für die Stabilität des untersten Treppenlaufs wurde eine danebenliegende zweite Treppe ins Tragkonzept miteinbezogen. Auf der Höhe der parallel laufenden Zwischenpodeste wurde ein Stahlträger eingeführt, der zwischen zwei Stützen verläuft und die beiden Podeste unterstützt. Dieser Balken wurde im Interesse der strukturellen Klarheit optisch sichtbar als Stahlträger belassen.

Der Anschluss der Treppe an die Geschossdecken erfolgt über in die Schalung eingelegte Stahlplatten. Diese wurden mit den in den Treppenläufen verklebten Stahlprofilen verschweißt. Die Treppenstufen sind ebenfalls aus Brettschichtholz und wurden auf den Laufplatten mittels Stabdübeln fixiert und befestigt. Die gesamte Treppenkonstruktion wurde von unten nach oben gerüstet und errichtet, wobei zuerst die beiden kreuzenden Treppenläufe gesichert wurden.

Holztreppe am Unicampus in Vancouver

Fertigstellung

2012

Standort

Vancouver/CA

Bauherr

University of British Columbia Properties Trust, Vancouver/CA, www.ubcproperties.com

Planung

Perkins & Will, Vancouver/CA, www.perkinswill.com

Statik

Equilibrium Consulting Inc, Vancouver/CA, www.eqcanada.com

Holzbau

Nicola Logworks, Merritt/CA, www.logworks.ca

Holzart

Brettschichtholz (Douglasie)

Text

Karin Triendl

geboren in Innsbruck, Architektin, freie Autorin und Geschäftsführerin von Work Space Architekten in Innsbruck und Wien.