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Wald – Holz – Klima

Biodiversitätsstrategie der EU

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 26f.

Alle EU-Länder müssen die Biodiversitätsstrategie adaptieren. Österreich hat bereits einen ersten Entwurf veröffentlicht, der teils noch strengere Maßnahmen vorsieht, als von der EU gefordert. Wir haben mit Martin Höbarth von der Landwirtschaftskammer Österreich und mit Silvio Schüler vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) gesprochen, wie sie diese Maßnahmen bewerten und welche Auswirkungen das auf die zukünftige Holznutzung haben wird.

Mehr Biodiversität

Beim Blick auf die Maßnahmen der EU stellt sich sogleich die Frage: Erhalten wir wirklich mehr Biodiversität, wenn wir die Holznutzung einschränken? »Nein, eher nicht«, antwortet Silvio Schüler vom BFW. Ließe man alles einfach so wachsen, sagt er, verliere man sogar Biodiversität, denn viele wertvolle Waldökosysteme (z. B. Eichenwälder) sind die Folge jahrhundertelanger Bewirtschaftung. Und auch der seit mehr als drei Jahrzehnten anhaltende Trend zu mehr Laub- und Mischwäldern wird von einem aktiven Waldumbau der Waldbesitzer und den Unterstützungsmaßnahmen von Politik, Behörden und Forschung getrieben. Zudem lassen sich mit einem Fokus auf weniger Bewirtschaftung und mehr Biodiversität kaum die sonstigen Anforderungen an den Wald wie ein hoher Kohlenstoffspeicher, stabile Schutzwälder, ein hoher Erholungswert und nachwachsende Rohstoffe erfüllen. Da die erwartete Klimaänderung das Anpassungspotenzial vieler Wälder übersteigt, sind aktive Anpassungsmaßnahmen dringend geboten, sagt Schüler und verweist auf die multifunktionale Waldwirtschaft, die seit 1975 im österreichischen Forstgesetz festgeschrieben steht. Unter multifunktionaler Waldwirtschaft versteht man die Erhaltung der Wälder, nachhaltige Holzproduktion, biologische Vielfalt und Wohlfahrt gleichermaßen.

Eine Förderung der Biodiversität in den Wäldern sollte am besten als integrale Maßnahmen im Rahmen der nachhaltigen Bewirtschaftung erfolgen, meint Schüler. Schon jetzt können sich Waldbesitzer z. B. Biotopbäume oder Altholzinseln fördern lassen. Dem Ziel der EU, bis 2030 drei Milliarden neue Bäume anzupflanzen, kann Schüler hingegen etwas abgewinnen. Allein wenn man an Feldrändern Bäume pflanzt und Hecken anlegt, kann man viel Kohlenstoff zusätzlich speichern.

Kohlenstoffspeicher erhöhen

Im Kampf gegen den Klimawandel steht nicht nur die Erhöhung der Biodiversität, sondern auch die Erhöhung der Kohlenstoffspeicherung auf dem Programm. Martin Höbarth von der Landwirtschaftskammer Österreich hält nichts davon, diese beiden Dinge gleichzeitig optimieren zu wollen: »Wenn wir weniger Holz nutzen, haben wir zwar einen höheren Kohlenstoffspeicher, aber auch dunklere Wälder und damit nicht unbedingt mehr Biodiversität.« Zudem ist in einem nicht bewirtschafteten Wald irgendwann keine Nettospeicherung von Kohlenstoff mehr möglich. Nach etwa 120 bis 150 Jahren, so alt wird eine Waldgeneration, halten sich die Kohlenstoffaufnahme und abgabe im Waldökosystem die Waage. Deshalb spreche ja so viel für die Verwendung von Holz, betont Höbarth: Bewirtschaftete und sich stets verjüngende Wälder entnehmen der Atmosphäre laufend mehr CO2, als sie durch Atmung und Verrottung wieder abgeben, und dies über unendlich lange Zeiträume.

Widersprüche

Martin Höbarth und Silvio Schüler sehen einen Widerspruch in den Klimaschutzzielen der EU: Auf der einen Seite will man den Naturschutz durch Außernutzungstellen von Wäldern verschärfen, auf der anderen klimaneutral werden, indem fossile Rohstoffe und CO2-intensive Materialien durch nachwachsende ersetzt werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sogar von einer Holzbauoffensive. »Leider wird der Substitutionseffekt überhaupt nicht beachtet und gewertet«, sagt Höbarth und verweist auf die Studie »CareForParis«. Diese zeige, dass die Senkenwirkung des Waldes begrenzt ist und ein viel größerer Hebel für den Klimaschutz im Ersatz fossiler Rohstoffe und Energieträger durch Holz liegt. 10 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen in Österreich können durch den Einsatz von Holz anstelle fossiler Materialien vermieden werden. Höbarth geht davon aus, dass mittelfristig die Holznutzung in Österreich im Vergleich zu bisher durch politische Klimaschutz- und Biodiversitätsmaßnahmen eingeschränkt wird: »Je nachdem wie die einzelnen Maßnahmen, zum Beispiel der Begriff old growth forests,1 definiert werden, wird man zwischen 3 und 7,4 Millionen Festmeter weniger Holz nutzen und dementsprechend weniger Holzhäuser bauen und auch Erdöl und Kohle ersetzen können.«

»Wenn wir weniger Holz nutzen, haben wir zwar einen höheren Kohlenstoffspeicher, aber auch dunklere Wälder und damit nicht unbedingt mehr Biodiversität.«
»Je nachdem wie die einzelnen Maßnahmen definiert werden, wird man zwischen 3 und 7,4 Millionen Festmeter weniger Holz nutzen und dementsprechend weniger Holzhäuser bauen.«
Martin Höbarth, Landwirtschaftskammer Österreich

 

Klimaschutzziele und -maßnahmen der EU

Im Green Deal sind die Klimaschutzziele der EU festgelegt. Die Biodiversitätsstrategie und andere konkretisieren die dazugehörigen Maßnahmen.

Klimaschutz

Ziel: Klima schützen

Maßnahmen:

  • Reduktion der Treibhausgase bis 2030 um mindestens 50 Prozent
  • Klimaneutralität bis 2050

Bauen mit Holz

Ziel: Energie- und ressourcenschonendes Bauen und Renovieren

Maßnahmen:

»Unsere Gebäude verursachen 40 Prozent unserer Emissionen. Sie müssen weniger verschwenderisch, weniger teuer und nachhaltiger werden.
Wir wissen, dass sich der Bausektor sogar von einer Kohlenstoffquelle in eine Kohlenstoffsenke verwandeln kann, wenn organische Baumaterialien wie Holz und intelligente Technologien wie KI eingesetzt werden.«
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede vom 16. September 2020 zur Lage der Europäischen Union.

Wald

Ziel: Kohlenstoffreiche Ökosysteme und Biodiversität erhalten und wiederherstellen

Maßnahmen:

  • gesetzlicher Schutz von mindestens 30 Prozent der Landfläche. Dies entspricht einem Plus von mindestens 4 Prozent im Vergleich zu heute.
  • strenger Schutz von mindestens 10 Prozent der EU-Landflächen einschließlich aller verbleibenden Primär- und Urwälder1. Derzeit sind nur 3 Prozent der Landflächen in der EU streng geschützt.
  • 3 Milliarden neue Bäume anpflanzen

1 Primärwälder und Urwälder sind Begriffe, die im Deutschen eigentlich das Gleiche beschreiben. Im englischen Originaltext stehen jedoch zwei Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung: Der Begriff »old growth forests« wurde mit dem Wort »Urwälder« falsch ins Deutsche übersetzt. Dies erweckt den Anschein, dass daraus  z. B. für Österreich kein Handlungsbedarf entstünde, weil alle noch existierenden Urwälder einem strengen Schutz unterliegen. Es ist aber ein Wald, der ohne nennenswerte Störungen ein hohes Alter erreicht hat. Derzeit befasst sich eine Arbeitsgruppe der Generaldirektion Umwelt mit der inhaltlichen Definition dieses Begriffs.

Text

Anne Isopp

leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

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