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Studierendenwohnungen

erschienen in
Zuschnitt 98 Stadtquartiere in Holz, Juni 2025

Daten zum Objekt

Standort

Rosenheim/DE

Bauherr:in

CampusRO Projektentwicklungs GmbH & Co. KG, Pullach/DE, www.campus-ro.de

Architektur

ACMS Architekten GmbH, Wuppertal/DE, www.acms-architekten.de

Tragwerksplanung

Pirmin Jung Deutschland GmbH, Augsburg/DE, www.pirminjung.de

Holzbau

Huber & Sohn GmbH & Co. KG, Eiselfing/DE, www.huber-sohn.de

Fertigstellung

2023

Typologie

Wohnbauten

CampusRO in Rosenheim

Die Geschichte dieses in Holz-Beton-Hybridbauweise errichteten Wohnquartiers mit 211 Studierendenapartments und einem Boardinghouse ist genauso beispielhaft wie seine Architektur. Ursprünglich geht das Projekt auf das private Engagement des Investors Peter Astner zurück. Er lehrt an der Technischen Hochschule Rosenheim und verfolgt seit Beginn der 2010er Jahre das Ziel, den Hochschulstandort zu festigen und zu erweitern.

Es blieb nicht beim Lippenbekenntnis. 2015 kaufte er ein rund 1,4 Hektar großes Industrieareal, um hier – unter Beteiligung der Studierenden – den CampusRO zu errichten. Im Vorfeld des 2018 ausgelobten Architekturwettbewerbs wurde der Arbeitskreis „Studentisches Wohnen“ ins Leben gerufen, der u. a. eine Online-Umfrage durchführte, in der die Studierenden zu ihrer aktuellen Wohnsituation und ihren Wunschvorstellungen befragt wurden. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse lieferten wichtige Grundlagen für die Wettbewerbsauslobung. Zwei Aspekte standen für Astner jedoch von Anfang an fest: Es waren höchste Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen und das Material Holz sollte eine im Wortsinn tragende Rolle spielen. 

Den Architekturwettbewerb konnte das Wuppertaler Büro ACMS Architekten für sich entscheiden – mit einer Siedlungsstruktur, die in dem überaus heterogenen Umfeld unweit der Hochschule am nördlichen Stadtrand Rosenheims sofort angenehm ins Auge sticht. Dies gelingt durch eine lockere städtebauliche Komposition aus rechtwinkligen, unterschiedlich hohen und langen Baukörpern, die über ein Geflecht aus offenen Laubengängen locker miteinander vernetzt sind und dabei vielfältige begrünte Innenhofflächen umschließen. Eine weitere Besonderheit sind die vielfältigen Communitybereiche und zusätzlichen Angebote, die das Miteinander fördern: z. B. ein Gym, ein Waschsalon, eine Movie-und-Gaming-Lounge mit Gemeinschaftsküche, eine Fahrradwerkstatt und das Quartiersmanagement. Hinzu kommt das Boardinghouse mit weiteren vierzig Apartments und gastronomischen Angeboten. Hier können Tourist:innen und temporäre Lehrkräfte ebenso übernachten wie die Gäste der Studierenden.

Gestaltprägend für den CampusRO ist die Konzentration auf lediglich zwei Materialien: Sichtbeton für Laubengänge und Treppen sowie Holz für die Fassaden und das Gebäudetragwerk. Während das vorvergraute Fichtenholz in der Gebäudehülle und das unbehandelte Lärchenholz der Laubengangfassaden sehr präsent sind, kommt Holz in den Innenräumen nur in der Deckenuntersicht zum Vorschein. Das liegt zum einen an den Holz-Beton-Verbunddecken, deren Fußböden mit Linoleum belegt sind. Zum anderen sind sowohl die tragenden Brettsperrholztrennwände zwischen den Apartments als auch die größtenteils als Holzrahmenkonstruktion ausgeführten Außenwände mit Gipskartonplatten beplankt, die die im studentischen Wohnen üblichen kurzen Renovierungszyklen widerspiegeln.

Die elementierte Holzbauweise entsprach dem Wunsch der Bauherrschaft nach einem ökologischen Bauprojekt, dessen Umsetzung einem partnerschaftlichen Planungsansatz folgen sollte. Ein wesentlicher Aspekt hierbei war die Tatsache, dass die maßgeblichen ausführenden Unternehmen bereits in der Entwurfsphase fest in den Planungsprozess eingebunden waren. Dies erlaubte von Anfang an die Entwicklung konkreter Konstruktionsdetails – etwas, was beispielsweise bei öffentlichen Ausschreibungen nicht möglich ist, weil die ausführenden Firmen zum Zeitpunkt des Entwurfs noch nicht feststehen. Die Festlegung der Art der Holzbauweise erfolgte dabei nicht allein aus konstruktiver Sicht.

Vielmehr wurden verschiedene konstruktive Optionen insbesondere hinsichtlich ihrer CO2-Gesamtbilanz untersucht. Eine der in diesem Zusammenhang zu klärenden Fragen war beispielsweise jene nach den Achsabständen der tragenden Wände. Am vorteilhaftesten erwies es sich bei diesem Projekt, die Holz-Beton-Verbunddecken jeweils über zwei Achsen (6,4 Meter) zu spannen, sodass die dazwischenliegenden Apartmenttrennwände nicht tragend ausgebildet sind.

Die frühe Einbindung aller Planungsbeteiligten ergab weitere Vorteile. So ließen sich die Wärmebrückenfreiheit und Luftdichtheit in direkter Absprache zwischen Architektur, Tragwerksplanung, technischer Planung und ausführenden Unternehmen optimieren. Wesentlich erleichtert war auch die Abstimmung der Bauabläufe bei den vorgefertigten Bauteilen, die eine intensive Beschäftigung mit den jeweiligen Fügetechniken und der Baulogistik erforderte. Dies betrifft etwa die Holz-Beton-Verbunddecken, die Fertigbäder sowie die teilweise tragenden, komplett mit Holzfassade, Fenstern und integrierten Lüftungsbausteinen angelieferten Außenwandelemente. Die dabei erarbeiteten digitalen Modelle kommen heute dem hochgradig digitalisierten Betrieb des Gebäudes zugute. 

Hohe Nachhaltigkeitsstandards verfolgte das Planungsteam nicht nur im Neubau. Auch der Abbruch der alten Gewerbehalle wurde minutiös im Hinblick auf die hier anwendbaren Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft untersucht. Nach einer Schadstoffprüfung konnten rund 5.000 m³ Altbaumaterial aus dem zuvor komplett versiegelten Gelände und der abgebrochenen Lagerhalle vollständig im CampusRO wiederverwertet werden. Dessen Abtransport sowie die Produktion und Anlieferung neuer Baustoffe konnten somit entfallen. Klarer Ausdruck dieses umfassenden Nachhaltigkeitsengagements, bei dem ökologische, ökonomische, soziokulturelle und funktionale Qualitäten gleichermaßen Beachtung finden, ist die bereits erfolgte Platin-Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. 


verfasst von

Roland Pawlitschko

ist freier Architekt, Autor und Redakteur sowie Architekturkritiker. Er lebt und arbeitet in München.

Erschienen in

Zuschnitt 98
Stadtquartiere in Holz

In den kommenden Jahren werden in Europa ganze Stadtviertel in Holzbauweise fertiggestellt. Der Zuschnitt 98 blickt auf die Anfänge und Entwicklungen von Stadtquartieren in Holz.

8,00 €

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Zuschnitt 98 - Stadtquartiere in Holz