Petra Wagner ist Forstdirektorin der Stadt Wien. Als Leiterin des Wiener Forst- und Landwirtschaftsbetriebs muss sie alle Wohlfahrtsfunktionen des Waldes, die für eine Großstadt relevant sind, sicherstellen – von der frischen Luft bis zur Wasserversorgung. Vermehrt ist ihre Expertise auch in der Stadtplanung gefragt. Nicht zuletzt bringt der Klimawandel neue Herausforderungen mit sich.
Die Stadt Wien ist der zweitgrößte Waldbesitzer Österreichs. Auf welche Fläche erstrecken sich die Wälder und wo liegen sie?
Es sind rund 42.000 Hektar Wald in Summe, von denen mehr als 8.000 Hektar in Wien liegen. Die anderen Waldflächen sind verteilt auf die Bundesländer Niederösterreich und Steiermark und liegen im Bereich der Rax, des Schneebergs und des Hochschwabgebiets. Hinzu kommen noch circa 2.000 Hektar Landwirtschaft mit 60 Hektar Weinbau.
Der Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien wurde 2024 zu Österreichs Forstbetrieb des Jahres gewählt. In der Begründung hieß es, dass es kaum einen Wald gibt, der so viele Aufgaben zugleich erfüllen muss. Was ist an der Bewirtschaftung der Wälder der Stadt Wien so besonders?
Die Funktionen des Waldes können im Forstgesetz nachgelesen werden. Aber in Wien ist die Summe der Anforderungen an den Wald und damit auch der Herausforderungen sehr hoch. Auf einer Grünfläche will der eine seinen Hund laufen lassen, der andere mit dem Kind spielen und der Dritte will Mountainbiken. Das sind Konfliktherde, die man in einer Großstadt zu bewältigen hat. Zugleich ist der Wiener Wald Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, deren Erhalt und Förderung die zentrale Aufgabe der Förster:innen der Stadt Wien ist. Zudem ist er die Klimaanlage unserer Stadt und die Quellenschutzwälder liefern unser Trinkwasser. Unsere Aufgabe ist es, diese Ökosystemleistungen zu erhalten und zu stärken.
Fangen wir mit der Klimaleistung des Waldes an. Der Wiener Wald bringt kühle Luft in die Stadt. Was bedeutet das für die Waldbewirtschaftung und welchen Einfluss hat der Klimawandel auf sie?
Normale Waldbewirtschaftung im klassischen Sinn haben wir nie betrieben.
Unsere Prioritäten sind einfach andere. Die Wiener:innen schätzen ihren Wald sehr und passen auch auf, dass wir nicht zu viel Holz entnehmen. Aber trotz allem ist der Klimawandel da und wir versuchen, den Wald resilienter zu machen. Das heißt aber auch, dass wir sehr schonend eingreifen und weniger nutzen als nachwächst. Dort, wo wir eingreifen, handelt es sich um pflegende Eingriffe.
Wir streben eine Dauerwaldbewirtschaftung an, um einen vielschichtigen Wald und damit verschiedenste Altersstrukturen und verschiedenste Baumarten auf einer Waldfläche zu erhalten. Wir können heute noch nicht sagen, welche Baumart in Zukunft in unseren Wäldern gut wachsen wird, deshalb stellen wir uns breit auf. Wenn eine Störung von außen kommt, wie zum Beispiel ein Sturmereignis, trifft dieses dann nicht alle Baumarten. Durch Einzelstammentnahmen bringen wir andererseits gezielt Licht zum Boden, damit sich dort Baumarten, die mehr Licht benötigen, von selbst verjüngen können. Wir pflanzen nichts, wir setzen auf Naturverjüngung. Wenn sich die Natur selbst verjüngt, dann ist sie auch dort zu Hause, wo sie sein soll.
Gilt das auch für die Quellenschutzwälder?
Auch hier setzen wir auf Naturverjüngung. Zur Sicherung des Trinkwassers sind wir außerdem laufend bemüht, weitere Flächen zuzukaufen. Im Quellenschutz haben wir vor allem die Problematik des Borkenkäfers. Und die Naturkatastrophen kommen leider immer regelmäßiger.
Wie schaut es mit der Gefahr von Waldbränden aus?
Waldbrand ist ein großes Problem. Im Oktober 2021 hatten wir einen großen Waldbrand im Bereich Hirschwang. Seitdem haben wir viel in die Waldbrandprävention investiert. Mittlerweile verfügen wir über eine Drohne mit einer Wärmebildkamera, die vor allem an schönen Wochenenden im Einsatz ist. Waldbrände werden oft von Menschen verursacht, deshalb müssen wir an solchen Wochenenden besonders achtsam sein. Sobald wir ein Feuer entdecken, wird die Rettungskette sehr schnell aktiv.
Ihre Abteilung ist auch in die Planung neuer Stadtquartiere in Wien involviert, zum Beispiel in Rothneusiedl. Was ist da Ihre Aufgabe?
Wir sind zum Beispiel zuständig für das sogenannte frühe Grün, damit die Bewohner:innen, wenn sie einziehen, schon ein Naherholungsgebiet vor der Haustüre haben. In Rothneusiedl haben wir jetzt schon Obstbäume gepflanzt, die dann genutzt werden können.
In Wien werden neuerdings sogenannte Wiener Wäldchen, kleine Wälder mitten in der Stadt, gepflanzt. Was hat es damit auf sich?
Die Idee kommt aus Japan. Man nennt sie auch Tiny Forests. Auf einer kleinen Fläche von maximal 300 m2 werden in Wien mithilfe der Anrainer:innen beziehungsweise der Bevölkerung möglichst viele unterschiedliche Bäume und Sträucher sehr eng gesetzt. Dadurch entsteht nicht nur kleinflächig eine Temperaturminimierung, sondern auch eine hohe Biodiversität: Zahlreiche Baum- und Straucharten schaffen Lebensraum für zahlreiche Tiere.
Ich habe gelesen, dass sie so eng und vielfältig gesetzt werden, damit sie schneller wachsen.
Da es so viele auf einmal sind, wachsen sie auch schneller. Dank des Schattens, den sie erzeugen, trocknet der Boden auch bei stärkeren Windböen nicht aus. Bis jetzt wachsen die Wäldchen gut an. Als Ziel haben wir uns gesetzt, in jedem Bezirk ein Wiener Wäldchen zu pflanzen.
Petra Wagner
ist Leiterin des Forst- und Landwirtschaftsbetriebs der Stadt Wien (MA 49). Sie studierte an der BOKU Wien Forstwirtschaft und ist seit 2004 beim Wiener Forst- und Landwirtschaftsbetrieb (MA 49) tätig, zunächst in der Öffentlichkeitsarbeit und später im Finanzmanagement. 2016 wurde sie Leiterin des Bereichs Wirtschaft, 2024 zur stellvertretenden Dienststellenleiterin und 2025 zur Leiterin ernannt.


