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Essay – Die lebendige Stadt

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zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal,

Lebensstile gleichen sich an und die Urbanisierung wird global, zusätzlich angetrieben durch das prognostizierte Bevölkerungswachstum, das einen enormen Bedarf an Gebäuden und zuge­höriger Infrastruktur nach sich zieht. Der Bericht des ­Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), der 2016 unter dem Titel „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ erschienen ist, geht bis Mitte des Jahrhunderts von einem ­Zuwachs von etwa 2,5 Mrd. Stadtbewohner:innen aus. Das würde bedeuten, dass in den nächsten dreißig Jahren etwa genauso ­viele Infrastrukturen ­geschaffen werden müssten wie seit den Anfängen der Industria­lisierung. Zusätzlich müsste in derselben Zeit der überwiegende Teil der Infrastrukturen erneuert werden.

Wohnen gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Daher ist bezahlbarer Wohnraum ein wichtiges Element des sozialen ­Zusammenhalts. Doch gerade in Ballungsräumen herrscht diesbezüglich Mangel. Hier lebt in knapp 50 Prozent der Haushalte nur eine Person. Den 6,7 Mio. Einzelhaushalten stehen jedoch nur 2,5 Mio. Kleinstwohnungen gegenüber. Vor allem diese kleinen Haushalte sind auf günstige Mietpreise angewiesen. Zugleich ­haben ballungsferne Gebiete nach wie vor mit sinkenden Bevölkerungszahlen und Leerstand zu kämpfen.

Leider sind die Vorbilder flächenschonenden Wohnens bei Politiker:innen, Investor:innen und Bevölkerung gerade in kleineren Kommunen weitgehend unbekannt. Daher sind gute Beispiele und verdichtete Quartiere gefragt, die allen Bevölkerungsteilen lebenswerte und bezahlbare Alternativen zum Einfamilienhaus anbieten. Doch steigende Grundstücks-, Bau- und Immobilienpreise führen weiterhin zu kaum wünschenswerten Prozessen der Verdrängung ins Umland. Eine Form, dieser Entwicklung zu begegnen, wäre, die Vergabe von Grundstücken an ökologische und soziale Kriterien zu knüpfen. Viel zu oft lassen Städte Gestaltungschancen ungenutzt, dabei wären die Bedingungen der ­Vergabe gerade bei der derzeitigen Nachfrage gut zu verhandeln und diese damit zu steuern.

Effizienz zielt auf die angemessene Klimatisierung von Gebäuden und Quartieren mit minimiertem Energieverbrauch und möglichst begrenztem Einsatz stofflicher Ressourcen. Aufgrund seines ­geringen Gewichts bei guten Trageigenschaften ist der Holzbau prädestiniert für materialeffiziente Bauweisen. Ein hoher Vor­fertigungsgrad bei entsprechender Qualitätskontrolle und schnelle Bauprozesse machen den Holzbau auch mit Blick auf Wohnquartiere konkurrenzfähig. Trotz des im Holz gebundenen Kohlenstoffs geht es nach Effizienzgesichtspunkten nicht darum, möglichst viel Holz zu verbauen, sondern darum, mit dem zur Verfügung stehenden Baustoff Holz möglichst viele Gebäude zu errichten.

Doch Effizienzsteigerung und der vermehrte Einsatz von nachwachsenden Ressourcen werden ihre umweltentlastende Wirkung verfehlen, wenn die beanspruchte Wohn- und Infrastrukturfläche pro Kopf immer weiter steigt. Hier sind Suffizienzstrategien ein zentraler Baustein, den Ressourcenverbrauch durch eine reduzierte Nachfrage zu senken. Sie adressieren dabei die Frage der Lebensstile und hinterfragen das rechte Maß. Wie viel umbauter Raum wird für eine Nutzung wirklich benötigt? Dabei ist bekannt, dass sowohl der Erschließungsaufwand als auch die Infrastrukturleistungen im Geschosswohnungsbau deutlich geringer ausfallen als bei Einfamilienhäusern.

Zukunftsfähige Lösungen sollten daher mit neuen, attraktiven Leitbildern des verdichteten Wohnens in möglichst nutzungs­gemischten Quartieren einhergehen. Hierzu braucht es mutige und kreative Planer:innen, die neue Gebäude- und Quartiers­typologien entwerfen und umsetzen. Die lebendige Stadt erfordert die Durchmischung von Funktionen, sozialen Schichten und Lebensstilen. Gemeinschaftlich genutzte Flächen im Clusterwohnen und neue Dienstleistungsformen können dabei der ­Vereinsamung entgegensteuern und einen Mehrwert für alle ­Altersstufen bewirken. Ergänzende Gemeinschaftsflächen fördern den sozialen Zusammenhalt und eine eigene Quartiersidentität.

Daher liegt ein großer Hebel zur Umweltentlastung in der qualitätvollen Entwicklung verdichteter Quartiere. Hierdurch können sowohl Ressourcen für Infrastruktur und Gebäude eingespart als auch neue Leitbilder zukunftsfähiger Wohnformen entwickelt werden. Diese Quartiere können nicht nur den Flächenverbrauch, sondern zugleich das Verkehrsaufkommen reduzieren. Nicht zuletzt werden lebenswerte und vitale Identifikationsorte geschaffen, die Gemeinschaftssinn und verantwortliche Lebensformen unterstützen.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Artikels „Zukunftsfähiger Wohnungsbau im Nachhaltigkeitskontext“, erschienen in: Wohnquartier in Holz, ­Mustersiedlung in München, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Bauband 4; Annette Hafner, Arnim Seidel, Sabine Djahanschah (Hg.), München 2020, S. 5 – 7.


verfasst von

Sabine Djahanschah

leitet den Bereich zukunftsfähiges Bauwesen bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Sie ist Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung Baukultur und im Kuratorium des Fraunhofer IBP sowie im Expertengremium Lebendige Stadt des Bauministeriums.