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Lexikalischer Spaziergang zum Quartier

erschienen in
Zuschnitt 98 Stadtquartiere in Holz, Juni 2025

Stadt, ursprünglich das Befestigte, Umschlossene, Umwallte. Große Städte sind bis in den Himmel ummauert, die weitgreifende Zeit baut von vornherein hoch. Ohne Stadtmauer das Gebaute und Ungebaute, Zelle und Versorgung. Dichte, Anonymität und Vielfalt. Es scheint eine besondere Beziehung zum menschlichen Ziehen in die und Verweilen in den Städten zu geben. In der zusammengesetzten Bezeichnung von Teilen erfahren wir sie als Altstadt, Innere Stadt, Obere Stadt, Untere Stadt, Vorstadt, in einer Paarung als ganze Stadt beheimatet sie uns als Bergstadt, Geburtsstadt, Hafenstadt, Hauptstadt, Kleinstadt, Küstenstadt, Universitätsstadt, Vaterstadt, Weltstadt. Stadtkern, Träger einer lebendigen Entwicklung, das Innere einer Stadt in gebauter und atmosphärischer Gedrängtheit, Herzstück, historisches Zentrum, dieses dann aber auch kombiniert mit einem Programm als Bildungszentrum, Schulzentrum, religiöses oder politisches Zentrum, um das sich alles dreht. Stadtsilhouette, weich oder fest umrissene Kante, die Kirchen, Kuppeln, Kamine, Kräne nachzeichnet. Stadtkreis, Bezirk, Ordnungssystem: Einteilung, Nummerierung, Orientierung. Durch ein Netz von Wegen, Straßen, Gassen, Schienen miteinander verbunden. Ort, ein von Menschen besuchter und benutzter Raum des öffentlichen Verkehrs, sonst ein abgegrenzter, definierter Raum, ein mit Schranken umgebener Ort. „Etwas an seinen Ort bringen“ bedeutet, etwas richtig anzubringen, an Ort und Stelle zu sein. Nachbarschaft, Gesamtheit der Nachbar:innen in einem Ort oder der Umgegend, sodann auch die von ihnen bewohnte nahe liegende Gegend, in der Nachbarschaft einen Besuch abstatten, gute Nachbarschaft halten oder pflegen, das gegenseitige Nahesein, die nahe Beziehung örtlich oder verwandtschaftlich, benachbart sein. Grätzel, Veedel, Zusammengehörigkeitsgefühl, das von baulich besonderen Gegebenheiten oder dem Lebensgefühl dazwischen zehrt und gleichzeitig Identifikation herstellt, explizitere Version eines (Stadt-)Viertels, Stadtteils, im selben Grätzel bleiben. Straßenflucht, Straßenzug, Zug ins Vertraute, Abfolge mehrerer Häuser, die kontextuell aneinander gebunden stehen, die auch Häusergruppen oder Häuserzeilen sein können oder als Ensemble aufragen, auch auf einen Platz schauend oder diesen erst ausmachend. Platzregen. Alles regt sich am Platz. Der Drang, Denkmäler auf dessen Mitte aufzurichten, zum Anhimmeln und Stürzen, ein Strahl bricht aus dem Brunnen am Platz. Ebenfalls als Diminutiv im Umlauf, ein schönes Platzerl finden, in dieser Ausführung ähnlich der Beschreibung einer schönen Ecke, die über eine Hausecke hinausreicht. Park, eingehegtes Gehölz, eigentlich für Wild, ein Tiergarten, drinnen Wälder, Teich und Hirsche. Dann als waldartige Gartenanlage, Landschaftsgarten, ein kleiner Wald von Kastanienbäumen. Stadtpark, urbaner Rastpunkt, Sommerlauben, gusseisenfüßerne Parkbänke, Platz haben zum Liegen und Sitzen oder Mußestunden verbringen. Die Parkseite eines Stadthauses, Parkhaus. Wohnpark, Wohnanlage, Wohnsiedlung, Kombination weitläufiger Grünflächen mit verschiedenen Wohnformen, Wohntürmen, Stadtbausteinen, Gebäudekomplexen, Wohnhäusern, Hochhäusern, Haus und Hof, Hof und Garten, ebenso ein städtisches Gebäude bezeichnend, Pfarrhof, Bischofshof, Gasthof als ein größeres Gasthaus, auch ein eingefriedeter Platz, ein großer, verschlossener Hof, Friedhof einer Stadt, Lichthof eines Hauses, Hinterhof. Campus, eigentlich die Gesamtheit eines Universitätsgeländes abbildend, mittlerweile Entlehnung für Architekturprojekte verschiedensten Inhalts, so taucht er sowohl als Bildungscampus wie auch als Wohncampus in Beschreibungen auf, bezieht sich dabei wohl eher auf das Erfahren im Durchwandeln eines Areals. Quartier, Viertel einer Stadt, vielleicht sogar Stadt in der Stadt, Mikrokosmos, ähnlich dem Grätzel, aber es lässt sich bauen. Ein merkmalverwandtes Gebiet, doch auch mit Eigenheit und Charakter, das alles in sich vereinen soll, was ein lebendiges Stadtstück braucht. Allerdings hat der Begriff des Quartiers zunächst gleichfalls einen starken Fokus auf das Wohnen der Menschen und auf das Mieten einer Wohnstätte, eine Behausung suchen, um Quartier bitten und es erhalten, Quartier und Lager aufschlagen, sich einquartieren, sich häuslich einrichten, ankommen, logieren. Ein vielleicht noch weiches Wort in der modernen Stadt, das Potenzial in sich tragend, auch neues Stadtgeschehen hervorzubringen, Rücksicht nehmend auf das Bedürfnis, Wohnformen auch außerhalb des klassischen Familiensystems zu erproben. Es hat Grund und Boden für individuelle Lebensweisen und einen ablesbaren, öffentlichen oder halböffentlichen Freiraum. Quartiershaus, oft steht es auf einem aktiven Erdgeschoss oder einer nutzungsoffenen Sockelzone für Stadtwerkstatt, Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsräume, darüber Wohnateliers und gemeinsames Wohnen, vielfältiges Wohnen, Generationenwohnen. Die Entspezialisierung des Inneren endet auf gemeinschaftlichen Dachterrassen, Gemeinschaft haltend. Die Idee einer Adresse nicht im Verständnis einer Hausnummer, sondern einer selbstgewählten Daseinsform, die im Quartier ihr Zuhause findet. 


verfasst von

Siegfried Kraus

geboren 1995 in Wien, studierte Architektur in Linz und München. Er setzt eigene Projekte um, arbeitete in verschiedenen Architekturbüros sowie an Publikationen und Ausstellungen mit. Darüber hinaus unterrichtet er an der Kunstuniversität Linz.

Erschienen in

Zuschnitt 98
Stadtquartiere in Holz

In den kommenden Jahren werden in Europa ganze Stadtviertel in Holzbauweise fertiggestellt. Der Zuschnitt 98 blickt auf die Anfänge und Entwicklungen von Stadtquartieren in Holz.

8,00 €

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Zuschnitt 98 - Stadtquartiere in Holz