Daten zum Objekt
Standort
Wien/AT Google Maps
Bauherr:in
BWS Gemeinnützige Allgemeine Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft, Wien/AT, www.bwsg.at
Architektur
Hermann Kaufmann+Partner zt GmbH, Schwarzach/AT, www.hkarchitekten.atJohannes Kaufmann und Partner, Dornbirn/AT, www.jkundp.at
Statik
Merz Kley Partner, Dornbirn/AT, www.mkp-ing.com
Holzbau
i+R Holzbau GmbH, Lauterach/AT, www.ir-holzbau.at
Fertigstellung
2006
Typologie
Mühlweg in Wien
An den Stadtrand lockt die Umgebung, der freie Raum, der sich eindreht, möglichst grün. Das ist auch am Mühlweg in Wien-Strebersdorf so: Hier koexistieren das Dörfliche, das Städtische, das Vorstädtische, das Ländliche und das landwirtschaftlich Genutzte in zusammengezogener Weite. Das städtische Element kam in den 1960er Jahren scheibchenweise hier an. Nördlich des Marchfeldkanals tragen die gleichförmig getakteten Zeilen aus der Stadtplanungsära von Roland Rainer das Attribut „monoton“ noch immer mit Fassung.1 Östlich dieses Gemeindebaus wurde fünfzig Jahre später ein Pionierprojekt des mehrgeschossigen Wohnbaus in Holz-Mischbauweise errichtet, das ein undogmatischeres Bild der „gegliederten und aufgelockerten“2 Stadt zeichnet. Eine Novelle der Wiener Bauordnung, die seit 2001 das mehrgeschossige Bauen in Holz auch im städtischen Kontext erlaubt, bildete die Grundlage für einen Bauträgerwettbewerb, aus dem die im Holzbau versierten Architekten Johannes und Hermann Kaufmann (A), Hubert Riess (B) und Dietrich | Untertrifaller (C) hervorgingen. In dieser Besetzung sollte (und konnte) das von der Holzforschung Austria wissenschaftlich begleitete Projekt belegen, dass großvolumige Holzmischbauten mit Niedrigenergiestandard auch im sozialen Wohnungsbau umsetzbar sind. Die viergeschossigen Baukörper (Bauklasse II) sind auf den drei Baufeldern nicht bloß parallel verschoben aneinandergereiht, sondern bilden – nach dem Prinzip orthogonaler Versetzung – verschiedene punkt-, riegel- und winkelförmige Ensembles mit differenzierten Außenräumen“ dazwischen – eine generöse Geste, die im Lageplan die Freizügigkeit des städtebaulichen Musters offenbart. Vor Ort ist diese Freizügigkeit ein Privileg der Augen, nicht unbedingt der Füße. Maschendrahtzäune entlang der Grundgrenze sichern die Privatsphäre der Bewohner:innen, ein Durchstreifen des Quartiers ist für Passant:innen durch kleine Regelverstöße möglich. Auf den Freiflächen hinter dem Zaun ist die nachbarschaftliche Atmosphäre intimer Höfe erlebbar, das unaufgeregte Nebeneinander von Eigengärten, gepflegten Erschließungswegen und Spielplätzen.
Seit seiner Fertigstellung scheint sich das Quartier überraschend wenig gewandelt zu haben. Die sichtbaren Veränderungen beschränken sich auf Wachstumsschübe in den Privatgärten und Staffelgeschossen, auf Balkon-Ausblühungen, auf die schöne Patina der Holzfassade (A) und auf die inzwischen erwachsenen Baumreihen (C). Zwanzig Jahre sind für ein Wohnquartier Zeit genug, um sich mit der durchwachsenen Umgebung vertraut zu machen, Eigenleben zu entwickeln und Kontextverschiebungen hinzunehmen. Am Mühlweg ruft der gepflegte Alltagszustand eines Quartiers am Rand der Stadt aber auch in Erinnerung, dass Wohnen etwas ist, was eher zu langsamen Veränderungen tendiert. Anders als in den ökonomisch volatilen Erdgeschosszonen der Innenstädte ist im (geglückten) Wohnbau am Stadtrand das Gleichbleiben der Verhältnisse Bestandteil der Wohnzufriedenheit. Dass diese am Mühlweg auch aufgrund der Holzbauweise sehr hoch ist, ergab eine 2008 durchgeführte Bewohner:innenbefragung.3
1 Die Wohnhausanlage aus vorgefertigten Betonelementen mit 271 Wohneinheiten war 1965 bezugsfertig. Die äußere Erscheinung hat sich abgesehen vom Vollwärmeschutz kaum verändert.
2 Stadtplanungsparadigma der Nachkriegszeit, das in der „Charta von Athen“ (1933) wurzelt. Gemeinsam mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann publizierte Roland Rainer in Berlin 1945 „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“ (neuerlich 1957).
3 Birgit Schuster, Kerstin Götzl, Andreas Oberhuber, Bewohner:innenbefragung Holzbauprojekt Mühlweg, Forschungsgesellschaft für Wohnen, Bauen und Planen, Bauplatz A und B, Wien 2008, im Auftrag der Holzbauforschung Austria.
Nachgefragt
bei Sylvia Polleres
Sylvia Polleres ist Bereichsleiterin Holzhausbau und stellvertretende Institutsleiterin und Geschäftsführerin der Holzforschung Austria. Sie erzählt, was es zwei Dekaden nach Fertigstellung vom Wohnquartier Mühlweg zu lernen gibt.
Zwanzig Jahre sind eine gute Zeitspanne, um beim Bauen zurückzublicken oder Vergleiche zu ziehen. Was würde man aus heutiger Sicht holzbautechnisch vielleicht anders lösen?
Man würde wahrscheinlich höher bauen und die Betonbauteile reduzieren, eventuell auch ressourcenschonender bauen, also eine bessere Nutzung der Holzmischbauweise versuchen, ähnlich dem Bau-platz A mit seinen Holzrahmenbauwänden und Decken in Holzmassivbauweise. Wärmedämmverbundsystem-Fassaden im mehrgeschossigen Holzbau würde
man heute eher vermeiden bzw. andere Lösungen oder Trennungen im Geschossübergang bevorzugen.
Gibt es aus Sicht des Holzbaus bei den verschiedenen Bauplätzen A, B und C Qualitätsunterschiede zum Beispiel hinsichtlich der Langlebigkeit des Baustoffeinsatzes und des konstruktiven Holzschutzes?
Speziell die Fassaden unterscheiden sich. Bauplatz A mit der hinterlüfteten Holzfassade ist immer noch in gutem Zustand, besitzt mittlerweile eine schöne Patina – meines Wissens gab es hier bis dato keine Sanierungen. Beim Bauplatz B ist die Faserzementplattenfassade auch noch schön, nur im Erdgeschoss und in der Stiegenhaus-Erschließung (Stahlbeton und WDVS) sieht die Putzfassade schon veralgt aus. Das gilt speziell für den Sockelanschluss, da die Grasnarbe direkt an die Wandbauteile anschließt. Beim Bauplatz C gab es schon mehrere Sanierungen im Bereich der Dickputzfassade.
Wohin hat sich der mehrgeschossige Wohnbau in Holzbauweise in zwanzig Jahren entwickelt? Welche Regelwerke hemmen/erleichtern das Bauen in Holz im Vergleich zu damals?
Der mehrgeschossige Holzbau hat sich durch den Einsatz neuer Holzbauprodukte, Verbindungstechniken und einer hohen Vorfertigung deutlich weiterentwickelt. Brettsperrholz spielte dabei eine zentrale Rolle und trieb den Holzbau maßgeblich voran. Die Bauweise wurde dadurch flexibler und effizienter, die Gebäude wurden natürlich auch höher. Auch gesetzliche und regulatorische Rahmenbedingungen, zum Beispiel die OIB-Richtlinien – allen voran die OIB-Richtlinie 2 – und damit die Anpassungen in Bauordnungen erleichterten den mehrgeschossigen Holzbau und erhöhten die Akzeptanz. Aber auch intensive Forschungsarbeit brachte eine Vielzahl an Materialien (Plattenwerkstoffe, Dämmstoffe, Verbindungsmittel, …), Konstruktionsweisen und Baukonzepten hervor, die am Fortschritt im mehrgeschossigen Holzbau beteiligt waren. Ich bin auch davon überzeugt, dass unser Bauteilkatalog dataholz.eu dazu beigetragen hat – niederschwellig gelangten Planer:innen und Ausführende zu Holzbauinformationen, zu abgesicherten und seitens der Baubehörde anerkannten bauphysikalischen Daten, da auch eigens ein Behördenzugang geschaffen wurde, wo alle Nachweise hinterlegt und abrufbar waren. Die ersten Teile haben wir 2003 online gestellt, seit 2004 ist der Vollumfang online, der laufend erweitert wird. Das hat Sicherheit geschaffen, sowohl bei den Planer:innen und Ausführenden als auch bei den Behörden.



