In Städten werden zunehmend Bauten in Holzbauweise realisiert. Schwieriger scheint es allerdings noch zu sein, Holz in größerem Maßstab in Städten zu verbauen. Wir haben den Architekten Juri Troy gefragt, welchen Aufwind der urbane Holzbau braucht und was es beim Städtebau mit Holz zu bedenken gibt.
Holz findet immer mehr seinen Weg in die Stadt, doch bei der urbanen Quartiersentwicklung ist es zurzeit noch schwierig, die Holzbauweise zu etablieren. Woran liegt das?
Zurzeit gibt es in Wien zwei unterschiedliche Pole, auf der einen Seite ist es der Wunsch der Stadtplanung, möglichst stark nachzuverdichten beziehungsweise möglichst dicht zu widmen, um die Flächenversiegelung gering zu halten, auf der anderen Seite gibt es Regulierungen in der Geschossigkeit, die den Holzbau im mehrgeschossigen Bereich ziemlich einschränken, also ab sechs Geschossen durch aufwändige Konstruktionsweisen oder Ersatzmaßnahmen schwieriger und teurer machen.
Was konkret ist denn gerade nachteilig für den Neubau in Holz im städtischen Kontext?
Es werden sehr oft städtebauliche Konzepte prämiert und dann im Bebauungsplan umgesetzt, die nicht ursächlich aus dem Holzbau heraus gedacht sind. Zum Beispiel haben wir vor einiger Zeit an einem Wettbewerb teilgenommen, der ausdrücklich Lösungen in Holzbauweise forderte, und das bei einem sehr dichten Städtebau mit extrem eng gesteckten Parametern, die gleichzeitig auch die Gebäudeformen und eine maximale Geschossigkeit vorgegeben haben. Einerseits zielten diese Vorgaben auf die volle Ausnützung des Grundstücks ab, was nur durch Erreichen von deutlich über sechs Geschossen möglich war. Andererseits bestand der Nachteil beim Holz hier zusätzlich in der Geometrie des Bebauungsplans. Drei Baufeldarme schlossen in einem jeweils anderen Winkel aneinander – und viele Schrägen und Rasterwechsel sind im Holzbau einfach nicht sehr wirtschaftlich umzusetzen. Das Ergebnis ist nun, dass das realisierte Projekt zum überwiegenden Teil in Beton ausgeführt wurde. Verbessern ließe sich das bei vielen Wettbewerben, indem bereits der Städtebau mit dem Wissen um den sinnvollen Einsatz von Holz entwickelt wird, wenn man denn in Holz bauen möchte.
Die Vorteile von Holz sind mittlerweile gut erforscht und etabliert – trotzdem bräuchte der Holzbau in der Stadt noch etwas Rückenwind. Woher könnte der kommen?
In erster Linie braucht es Vorzeigeprojekte, die als positive Beispiele zeigen, dass Holzbau und Urbanität gut zusammen funktionieren. Hier ist vor allem auch Vorarlberg zu erwähnen, wo es schon eine längere Zuwendung zum Holzbau gibt und somit auch ein anderes Bild vom Holzbau vorherrschend ist, auch wenn dort die Geschossigkeit generell niedriger ist und es somit um ein Vielfaches einfacher ist, in Holz zu bauen. Gerade die öffentliche Hand hat hier sehr viele gute Holzbauprojekte in den letzten Jahrzehnten umgesetzt. Aber auch in Wien gibt es positive Strömungen: Hier möchte ich das Projekt Weichseltalweg besonders hervorheben. Da wurde schon in der Entwicklung des städtebaulichen Leitbildes entschieden, das gesamte Quartier in Holz umzusetzen.
Ich bin überzeugt, dass dies ein Meilenstein im großvolumigen urbanen Holzbau werden könnte. Momentan ist noch das veraltete Bild im Umlauf, der Holzbau wäre um 10 bis 15 Prozent teurer. Unter den richtigen Voraussetzungen könnte es hier möglich sein, damit aufzuräumen und zu beweisen, dass der Holzbau längst auch wirtschaftlich konkurrenzfähig ist.
Welche Denkanstöße braucht der aktuelle Städtebau mit Holz, welche Diskussionen müssten geführt werden?
Bei der Diskussion des Städtebaus, der jetzt immer dichter sein sollte, kann die Frage gestellt werden, ob die Höhe wirklich das Maß aller Dinge ist. Bei einer von mir betreuten Diplomarbeit erforschen wir beispielsweise gerade die Möglichkeiten, das System der Wiener Gründerzeit auf einen modernen Holzbau zu übertragen. Der starke Bevölkerungszuwachs von Wien am Ende des 19. Jahrhunderts führte zu ähnlichen Fragen wie heute: Wie kann ein Bausystem etabliert werden, mit dem man so schnell, sicher und umfangreich wie möglich qualitativ hochwertigen Wohnraum schaffen kann? Das Maß war damals einerseits der Ziegel, andererseits der Holzbalken, dessen Spannweite und Tragfähigkeit maximal ausgenützt wurden. Die Konsequenz aus den heutigen Bedingungen wäre ein ähnliches Bausystem in vorgefertigten Holzelementen. Tragende Installationskerne mit zwei Zimmerzeilen wären beispielsweise ein gutes Konzept für dichte Wohnformen, die dieselbe Fläche mit weniger Bauhöhe schaffen. Der Holzbau könnte hier eine logische Weiterentwicklung unserer Gründerzeit darstellen und so auch im urbanen Raum zum vorherrschenden Bausystem werden, um die Klimaziele zu erreichen.
Juri Troy
ist Architekt und seit Oktober 2023 Professor für Entwerfen und Holzbau im urbanen Raum an der TU Wien.
