Auf dem ehemaligen Flughafengelände von Berlin-Tegel wird in den nächsten Jahren ein nachhaltiges und soziales Modellquartier mit mehr als 5.000 Wohnungen in Holzbauweise gebaut. Mit welchem Anspruch ist das Land Berlin hier gestartet? Woher kommt die Idee, mit Holz zu bauen, und vor welchen Herausforderungen steht die Stadt heute, um ihre Vision eines nachhaltigen Quartiers zu realisieren?
Ende 2020 wurde der Flughafen Berlin-Tegel offiziell stillgelegt. Nun entstehen auf dem 500 Hektar großen Areal die sogenannte Urban Tech Republic – ein Industrie- und Forschungspark –, drei Wohnquartiere und ein großzügig angelegter Landschaftspark. Das Projekt nennt sich Berlin TXL. Der Code „TXL“ stand auf jedem Flugticket, Boardingpass oder Gepäckanhänger, wenn man nach oder über Berlin-Tegel flog.
Den Anfang machen der Industrie- und Forschungspark und das Schumacher Quartier. Beide sollen bis 2040 realisiert sein. Das Schumacher Quartier wird auf einer Fläche von etwa 46 Hektar errichtet und soll rund 5.000 Wohnungen in Holzbauweise umfassen. Die beiden anderen Wohnquartiere mit den Namen Cité Pasteur und TXL Nord bieten dann noch einmal Platz für etwa 4.000 Wohnungen. In die alten Flughafengebäude wird die Berliner Hochschule für Technik einziehen.
Vision
Grundlage für die Entwicklung des Schumacher Quartiers ist der städtebauliche Entwurf des Architekturbüros scheuvens + wachten plus aus Dortmund, das 2016 gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten W6F Landschaft aus Nürnberg den EU-weiten Wettbewerb gewonnen hat. Ihr Entwurf basiert auf einer klassischen Berliner Blockstruktur. Zum Zeitpunkt des städtebaulichen Wettbewerbs gab es noch keine Vorgabe, das Quartier in Holzbauweise zu errichten. Bereits damals war jedoch klar: Die Grundstücke sollen ausschließlich im Erbbaurecht vergeben werden und das Schumacher Quartier soll konsequent gemeinwohlorientiert entwickelt werden.
50 Prozent der Neubauwohnungen werden von stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften errichtet, 40 Prozent von gemeinwohlorientierten Akteur:innen wie Genossenschaften, Baugruppen oder anderen Sonderwohnformen. Weitere 10 Prozent sind für studentisches oder betreutes Wohnen vorgesehen. Eine erste Grundlage für dieses visionäre Konzept schuf die rot-grüne Koalition (2001 bis 2011) unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Sie entschied unter anderem, dass die Grundstücke nicht verkauft werden sollten, sondern über Erbbaurechtsverträge vergeben werden.
Das Land Berlin ist Eigentümer des gesamten Flughafenareals. „Nur so ist es möglich, einen Innovationspark zu kuratieren und auch langfristig Einfluss zu nehmen“, sagt Gudrun Sack, Geschäftsführerin der Tegel Projekt GmbH, die das Vorhaben operativ msetzt. In der darauffolgenden rot-schwarzen Stadtregierung, ebenfalls unter Klaus Wowereit, wurde 2013 dann der Masterplan für Berlin TXL beschlossen. Darin wurde geregelt, dass auf dem ehemaligen Flughafengelände ein Pilotquartier für nachhaltiges und ressourcenschonendes Wohnen entwickelt werden solle. Dafür wurden fünf Grundpfeiler festgelegt: Es soll ein autoarmes Quartier werden: Jede dritte Wohnung hat die Möglichkeit, einen Parkplatz in einem Mobility Hub anzumieten. Es soll ein wasserbasiertes Niedrigenergie-(LowEx-)Netz bekommen. Weiters wird das Schwammstadtprinzip beachtet: Es wird begrünte Dächer und Fassaden geben. Nach dem Prinzip des Animal Aided Design sollen Maßnahmen ergriffen werden, um gezielt heimische Tiere anzusiedeln. Und es soll mit Holz gebaut werden und so ein Holzbaumodellquartier entstehen. Die Durchführung wurde damals der Tegel-GmbH übertragen, einer landeseigenen Managementgesellschaft für das Areal des ehemaligen Flughafens Berlin-Tegel.
Holzbaumodellquartier
Die Vorgabe, mit Holz zu bauen, kam erst nach dem Wettbewerb hinzu. In die Überlegungen, das Schumacher Quartier in Holzbauweise zu errichten, dürfte der Umstand hineingespielt haben, dass das Land Berlin viel Wald besitzt und somit für den Bau Holz aus den landeseigenen Forsten zur Verfügung hatte. Mit einer verwalteten Fläche von etwa 29.000 Hektar Wald in Berlin und Brandenburg sind die Berliner Forste die größte Stadtforstverwaltung Deutschlands. Zum Vergleich: Die Stadt Wien ist in Österreich der zweitgrößte Waldbesitzer mit einer Waldfläche von rund 42.000 Hektar vor allem in Niederösterreich.
Wie überall leiden rund um Berlin die Wälder unter der Klimaerwärmung. Die geringen Niederschläge und die zunehmende Trockenheit machen den Bäumen zu schaffen. Da die Bäume sich nicht so rasch wie notwendig an den Klimawandel anpassen können, müssen hier wie überall die Wälder aktiv umgebaut werden. Rund um Berlin bestehen sie zu 70 Prozent aus Kiefern. Im Zuge eines Forschungsvorhabens in Kooperation mit der TU Berlin wurde auch ermittelt, wie viel Holz für den Bau des Schumacher Quartiers benötigt wird und wie viel davon aus den Berliner Wäldern genutzt werden kann. Das Ergebnis zeigt, dass der Holzbedarf zwar nicht zur Gänze aus Berliner Beständen gedeckt werden kann, aber doch für die Bauvorhaben der ersten zehn Jahre. Die Projektvorgaben schreiben zudem vor, dass nur die Hälfte des Holzes aus Berlin stammen muss, weil diese Hälfte von den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften gebaut wird. Die Tegel Projekt GmbH ist auch in das europäische Forschungsprojekt Timberhaus eingebunden, in dem es unter anderem darum geht, Holz effizienter zu nutzen.
Auf dem Weg zur Realisierung
Städtebau basiert auf verlässlichen Prozessen. „Durch Kriege und Corona leben wir in einer sehr schnelllebigen Zeit. Hier sind Anpassungsprozesse notwendig“, sagt Gudrun Sack.
Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind verpflichtet, möglichst kostengünstig zu bauen, um Mieten von 6,50 Euro/m2 im sozialen Wohnungsbau (gestaffelt bis 8,50 bzw. 10,50 Euro/m2) anbieten zu können. Zugleich liegen die aktuellen Baukosten bei über 20 Euro/m2. Die dabei entstehende Finanzierungslücke ist zu überbrücken, erzählt Sack. Für private Bauherren ist es oft einfacher, Innovationen umzusetzen. Derzeit ist der frei finanzierte Wohnungsbau in Deutschland wirtschaftlich schwierig. Man sei froh und dankbar, dass die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften mit der Errichtung erster Wohnbauten beginnen. Die B-Pläne für den ersten Teilbauabschnitt des Schumacher Quartiers sind rechtskräftig, seit Anfang dieses Jahres laufen die ersten Verfahren der Wohnungsbaugesellschaften. 2026 soll der Spatenstich erfolgen und 2028 sollen die ersten Gebäude fertiggestellt sein.
Fläche
48 ha
Anzahl Wohneinheiten (geplant)
über 5.000
Eigentumsverhältnisse Boden
Landeseigentum (80 %), restliche Flächen Bund und privat
Bauherr/Bauträger und Vergabeverfahren
50 % landeseigene Wohnungsbaugesellschaften
40 % alternative Wohnmodelle (Genossenschaften, Baugruppen, Mehrgenerationenwohnen)
10 % studentisches Wohnen
Landeseigener
Entwicklungsträger Tegel Projekt GmbH
Vergabe
Erbbaurecht
Projektstart
2016/17
Baubeginn
2026
Wohnungspolitische Ziele
50 % mietpreisgebundene Wohnungen
(landeseigene Wohnungsbaugesellschaften)
30 % mietpreisgebundene Wohnungen
(andere Bauherr:innen)
Soziale Infrastruktur
Bildungscampus:
Kita, Grundschule, Sekundarstufe I und II,
Jugendfreizeiteinrichtung (Bauträger HOWOGE),
weitere Kitas (insgesamt 600 Kitaplätze),
hochwertige Grünflächen
Verkehrsinfrastruktur
optimale Erschließung durch ÖPNV, Gestaltung des öffentlichen Raums prioritär für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen, stellplatzreduziertes und autoarmes Wohnquartier
Energiekonzept und Baustoffe
klimaneutrales Quartier: Holzbauweise, Niedrigenergie-Wärmenetz (LowEx-Netz, 40° Vorlauf), aktive und passive Gebäudekühlung, besondere energetische
Anforderungen an Gebäude, Schwammstadtprinzip
Klimafolgenanpassung
erhöhte Biodiversität durch Freiflächenplanung
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