In der Backsteinstadt Bremen wächst derzeit Ungewöhnliches aus dem Boden: eine Holzbausiedlung. Auf einem rund zehn Hektar großen Areal im Osten der norddeutschen Stadt entsteht seit zehn Jahren das sozial-ökologische Modellquartier Stadtleben Ellener Hof.
Das Konzept wurde von der gemeinnützigen Bremer Heimstiftung entwickelt, die das Grundstück 2015 vom Verein Ellener Hof übertragen bekam. Der Verein hatte dort zuvor über hundert Jahre lang zuerst ein Kindererziehungsheim, dann ein Betreutes Wohnen für Senior:innen betrieben. Der Großteil des Geländes allerdings war eine umzäunte, grüne Brache mit alten Bäumen und viel unversiegelter Fläche, von dem die Heimstiftung ein Maximum erhalten wollte. Platz ist dennoch genug. Rings um die verbliebenen Altbauten entsteht ein integratives, sozial und kulturell gemischtes, „urbanes Dorf“ mit rund 500 Wohneinheiten für Senior:innen, Familien oder Alleinstehende, Studierende, Auszubildende und Menschen mit Beeinträchtigungen; es gibt Eigentums-, Miet- und etwa 150 Sozialbauwohnungen. Dazu kommen Büro-, Praxis- und Dienstleistungsflächen für soziale Unternehmen wie eine Krankenkasse, ein Ärzte- und ein Gesundheitszentrum, zwei Kindertagesstätten, eine Künstlergemeinschaft, eine Ausbildungsschule für Pflegeberufe, paritätische Pflegedienste. Idealerweise will man im Quartier ein Versorgungsangebot aufbauen, das von der Kindertagesstätte bis zur Altenpflege alle Lebensphasen abdeckt.
Nur ein kleiner Teil der Neubauten wird von der Heimstiftung selbst errichtet und betrieben; für die meisten wurden 25 Partnerorganisationen ausgesucht, die ähnliche Werte und Ziele verfolgen: von der Arbeiterwohlfahrt über Baugruppen und das Studierendenwerk Bremen bis zu zwei städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Die Grundstücke werden im Erbbaurecht für 99 Jahre vergeben, einzig für die zwei Wohnungsbaugesellschaften musste eine Ausnahme gemacht werden. Ein Erbbaurecht ist in ihren Satzungen (noch) nicht vorgesehen, und so haben sie ihre Grundstücke am südöstlichen Rand der kleinen Siedlung gekauft.
Auch architektonisch und städtebaulich zeigt sich das Quartier ambitioniert: Der städtebauliche Entwurf von De Zwarte Hond (Rotterdam und Köln) und RMPSL Landschaftsarchitekten (Bonn) setzt auf das Bild eines gewachsenen Dorfes. Auf etwa fünfzig Grundstücken in fünfzehn Baufeldern entsteht eine bunte Mischung an Nutzungen und Bautypologien von Reihenhäusern über fünfgeschossige Wohnbauten bis zum höchsten Bauwerk, einem siebengeschossigen Wohnturm mit Studierendenapartments am nordöstlichen Ende der kleinen Siedlung. Das älteste Gebäude auf dem Gelände ist das eingeschossige Bruderhaus von ca. 1850, in ihm ist eine gemeinschaftliche Fahrradwerkstatt eingezogen, in der ehemaligen Schule für Pflegeberufe daneben ein Haus der Musik mit verschiedenen Musikvereinen und -schulen.
Alle Neubauten entstehen in Holzhybrid- bzw. Holzrahmenbauweise nach KfW‑40‑Standard, so ist es in den Erbbaurechtsverträgen festgehalten. Gewünscht ist ein Holzbauanteil von 70 Prozent bei jedem Projekt. Exemplarisch ist das Ensemble Woof & Skelle von ZRS Architekten (Berlin), das 2020 fertiggestellt wurde.
Zwei ungleiche Häuser rahmen einen Spielplatz und beinhalten neun barrierefreie und teilweise rollstuhlgerechte Wohnungen, eine Kita und ein Eltern-Café. Allein die Fundamentplatte ist aus Beton – die Tragkonstruktion, Außen- und Innenwände, selbst Treppenhaus und Aufzugsschacht wurden in Holzbauweise errichtet. Reversible Verbindungen ermöglichen eine nahezu vollständige Wiederverwendbarkeit.
Aktuell ist etwa die Hälfte der geplanten Wohneinheiten fertig, die meisten davon sind bereits bezogen. Auf anderen Teilen des Geländes wird noch gebaut und vier der fünfzig Grundstücke sind noch frei für Interessent:innen, die sich mit ihrem Nutzungskonzept bei der Heimstiftung melden können. Ein eindeutig definiertes Ende für die Entwicklung des Quartiers gibt es somit nicht – und das findet Sabine Schöbel gut, wie sie im Gespräch sagt. Sie muss es wissen, denn die gelernte Sozialpädagogin koordiniert das gesamte Projekt von Anfang an für die Heimstiftung und hat ihr Quartiersbüro bereits seit ein paar Jahren vor Ort.
A
Die beiden Wohnblöcke fassen vierzig Wohnungen und sind in elementierter Systemholzbauweise konstruiert. Dabei wurden vor Ort vorkonfektionierte Einzelbauteile über reversible Verbindungen zusammengefügt. Das ermöglicht eine zukünftige Umnützung oder Wiederverwertung der verwendeten Baumaterialien.
Architektur WGA, Wien/AT
Fertigstellung 2024
B
Im Studierendenwohnhaus „Holzbude“ finden 66 Apartments auf 2.700 m2 Gebäudefläche Platz, zugleich ist es mit seinen sieben Geschossen das höchste Holzgebäude in Bremen. Dank der Ausführung in modularem Holzbau mit vorgefertigten Teilen betrug die Bauzeit nur knapp ein Jahr.
Architektur Atelier PK Architekten, Berlin/DE
Fertigstellung 2020
D
Die Nähe des Ellener Hofs zum historischen Bremer Stadtzentrum sollte, indem das Bremer Stadthaus als Variation in Holzbauweise fortgeführt wird, auch im Quartier spürbar sein. Dafür wurden von der Bremer Heimstiftung 23 schmale und in die Tiefe führende Grundstücke auf zwei Baufeldern (einmal Südost-Ausrichtung, einmal Ost-West-Ausrichtung) im Areal als Experimentierfeld für diese Reihenhaustypologie zur Verfügung gestellt. Sieben von einer Jury ausgewählte Architekturbüros entwarfen in Parallelbeauftragung bei einer Ideenwerkstatt Varianten der ortstypischen Häuser. Ein Gestaltungshandbuch gab unter anderem die Holzbauweise und den KfW40-Standard, aber auch Richtlinien für die Architekturgestaltung vor – so sollten die Fassaden den größtmöglichen bei gleichzeitig sichtbarem Holzanteil aufweisen, aber auch Fenster und Türen aus Holz bestehen. Die Häuserbreiten changieren zwischen 4,5 und 6,5 Meter Breite bei einer Länge von 12 Metern, drei Geschosse plus Dachgeschoss markieren die maximale Bauhöhe. Dafür durfte anders als beim historischen Kontext als kleine Freiheit in der Regel das Giebelbild pro Zelle entschieden werden. Die Vorentwürfe wurden in einer Broschüre gesammelt und Bauinteressierten zur Verfügung gestellt. In ihr finden sich unterschiedliche Entwürfe, die das Volumen als Familienhaus, Generationenhaus oder Wohngemeinschaft denken. Püffel Architekten entwickelten eine Variante, deren Erdgeschoss als Büro von der Wohneinheit abtrennbar ist, das Architekturbüro Claudia Gräfe Marion Schonhoven setzte auf den Split-Level-Typus, in dem die Treppe das zentrale Element des Reihenhauses ausmacht. (Siegfried Kraus)
Architektur Clemens Bonnen Architekt, Eilers Ockel Architekten, Claudia Gräfe Marion Schonhoven Architekten, Püffel Architekten, Vorrink Wagner Architekten, Janßen Winkler Architekten, Wirth Architects
Fertigstellung 2025+
E
Der viergeschossige Baukörper in Holz-Hybridbauweise, markiert den Eingang ins Klimaquartier Osterholz. Die gezackte Dachkante und unterschiedlich dicke Lärchenhölzer der hinterlüfteten Holzfassade rhythmisieren das L-förmige Bauvolumen. In der Sockelzone fasst es Arztpraxen und Büroräume, in den Geschossen darüber 14 Wohneinheiten.
Architektur Atelier PK Architekten, Berlin/DE
Fertigstellung 2021
F
Beim Projekt Woof & Skelle ist ein Kindergarten auf zwei Gebäude aufgeteilt, um auch den Stadtraum dazwischen zu bespielen. In den in Holzskelettbauweise ausgeführten Häusern sind neben der Tragkonstruktion und den Außenwänden auch Treppenhaus, Aufzugsschacht, Balkone und Trennwände aus Holz.
Architektur ZRS Architekten Ingenieure, Berlin/DE
Fertigstellung 2022
Nachgefragt
bei Sabine Schöbel von der Bremer Heimstiftung
Die Bremer Heimstiftung bietet als gemeinnützige Unternehmensgruppe eine Vielzahl an Wohn- und Pflegeangeboten für ältere Menschen in Bremen an, darunter betreutes Wohnen und Stiftungsdörfer an über dreißig Standorten. Sabine Schöbel ist für die Stiftung tätig und koordiniert alle Akteur:innen des Großprojekts Ellener Hof. Florian Heilmeyer hat nachgefragt.
Frau Schöbel, die Heimstiftung betreibt über dreißig Einrichtungen in Bremen, vor allem in der Seniorenbetreuung. Sie haben zwar schon selbst gebaut, aber bislang überwiegend einzelne Gebäude. Wie kam die Stiftung auf die Idee, ein sowohl ökologisch als auch sozial äußerst ambitioniertes Projekt mit etwa 44 Gebäuden zu entwickeln?
Der Verein Ellener Hof wollte 2015 sein Gelände abgeben, auf dem er über hundert Jahre lang sozial gearbeitet hatte. Er wollte es aber nicht meistbietend verkaufen, sondern suchte eine Nachfolgerin, die die sozialen Werte des Vereins fortschreiben würde. Also haben wir uns zuerst ausgedacht, wie wir das Gelände entwickeln würden, und kamen dann schnell auf die Idee eines bunt gemischten „urbanen Dorfs“ mit sozial-ökologischem Anspruch und vielen Kooperationspartner:innen. Auch für uns als Heimstiftung war das in dieser Größenordnung ein Stück weit Neuland.
Wie haben Sie die Ziele für das Konzept entwickelt? Hatten Sie Vorbilder?
Wir haben andere Quartiere mit ähnlichen Ambitionen besucht, etwa ein ehemaliges Kasernengelände in Tübingen oder die Fuggerei in Augsburg. Da haben wir gesehen, wie bunt und quirlig es wird, wenn viele Partner beteiligt sind. Und unsere eigene Vorgabe war ja immer „maximale Vielfalt“. Wir wollten es auf keinen Fall so quadratisch, praktisch und gut sortiert haben, wie es in den umliegenden Sozialbausiedlungen aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren ist, in Blockdiek oder in der Neuen Vahr. Wir wollten mehr Durcheinander. Das haben die Planer:innen mit dem städtebaulichen Entwicklungsplan dann auch wunderbar umgesetzt.
Bremen ist allgemein als Backsteinstadt bekannt. Mussten Sie da mit der Idee eines Holzbauquartiers große Überzeugungsarbeit leisten?
Überhaupt nicht. Wir haben von Anfang an ganz klar kommuniziert, dass wir ein sozial-ökologisches Modellquartier errichten. Diskutiert wurde nur manchmal über die 70 Prozent Holzbauanteil. Aber solange es nur um ein paar Prozentpunkte ging und wenn es gut begründet war, dann waren wir immer gesprächsbereit. Es ist ein kooperatives Projekt, also entwickelt man die Projekte auch ein Stück weit gemeinsam. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben alle Projekte die 70 Prozent erreicht. Manche wie das fünfgeschossige Wohnhaus mit Kita von ZRS haben sogar einen Holzbauanteil von über 90 Prozent. Aber beim Hochhaus fürs Studierendenwohnen gab es einfach andere Brandschutzanforderungen. Die konnten wir auch nicht wegdiskutieren, also liegt der Anteil dort etwas niedriger.
Aktuell gibt es noch ein paar wenige freie Baufelder. Haben Sie es bei diesen mit der Planung eilig?
Eigentlich nicht. Wir sind in den zehn Jahren, seit wir begonnen haben, doch schon sehr weit gekommen. Jetzt nimmt das „Stadtleben“ gerade Fahrt auf. Es ist ein Vorteil, dass wir mit den wenigen freien Grundstücken noch auf Entwicklungen reagieren können: auf Interessent:innen, die wir vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben, die aber gut in die bereits vorhandene Mischung passen würden.
Es ist ein Prozess. Insofern haben wir es auch nicht eilig.






