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Wiederaufbau des Ampertshausener Barockstadels in Marzling

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Daten zum Objekt

Standort

Marzling/DE

Bauherr:in

Günter Krieglsteiner

Architektur

Deppisch Architekten, Freising/DE, www.deppischarchitekten.de 

Tragwerksplanung 

Brandl + Eltschig Freising/DE, www.ibb-e.de 

Holzbau

Frank, München/DE, www.zimmereifrank.de 

Fertigstellung

2025

Typologie

Gemischte Nutzung

Nomadischer Holzbau

In den letzten Jahrzehnten fielen viele ländliche Wirtschafts­gebäude dem technologischen Fortschritt und veränderten sozioökonomischen Bedingungen zum Opfer. Selbst der Erhalt denkmalgeschützter Objekte scheitert oft daran, dass keine Nutzung gefunden werden kann, die eine denkmalgerechte Weiternutzung in einem finanziell vertretbaren Rahmen zulässt. Auch der letzte Barockstadel im Landkreis Freising – ursprünglich zum Lagern und Dreschen von Getreide, später als Stall und Scheune genutzt – hatte seine Aufgabe verloren. Durch das undichte Dach drang Feuchtigkeit ein und ein Hangrutsch hatte Schäden im Tragwerk verursacht. Der Stadel konnte nur durch eine Translozierung ­gerettet werden. Unter fachkundiger Begleitung eines Kunsthistorikers wurde die Konstruktion präzise dokumentiert, vermessen, beschriftet, in ihre Einzelteile zerlegt und zum Verkauf angeboten.

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege legte Wert auf ­einen schnellen Wiederaufbau in der Region. So kam der Bausatz zu Günter Krieglsteiner nach Marzling. Der Schreinermeister, der den Stadel schon aus seiner Kindheit kannte, schätzte die handwerkliche Qualität des historischen Bauwerks und hatte ein passendes Nutzungskonzept: Die Scheune sollte als Veranstaltungsort zum Zentrum einer neuen Wohnsiedlung am Ortsrand von Marzling werden. Zur Umsetzung dieser Idee war eine ge­eignete Umbaustrategie notwendig, die die technischen und ­bauphysikalischen Anforderungen der neuen Nutzung erfüllt, ­ohne den Charakter des Gebäudes zu zerstören.

Auch logistisch war das Vorhaben eine Herausforderung: Nach der Einlagerung wurden die Einzelteile auf dem Abbundplatz zusammengesetzt, ergänzt und unter einem Wetterschutzdach aufgebaut. Durch den Ortswechsel verlor das Gebäude seinen Denkmalschutz. Der historische Getreidestadel wurde 1771 als für die Region und Zeit typisches, aber besonders kunstvolles Ständerbauwerk mit Scherendachstuhl und steilen, geblatteten Doppelbändern errichtet. Die Konstruktion wurde, wie damals üblich, von den Zimmerleuten mit Schnitzereien und Bemalungen verziert. Im Gegensatz zu den Bundwerkscheunen, die man aus den östlichen Regionen Bayerns kennt, liegt der kunstvoll ausgearbeitete Teil der Konstruktion bei den Scheunen im Ampertal auf der Innenseite der Bretterschalung. Von außen wirken die Scheunen daher schlicht. Das steile, ursprünglich strohgedeckte Krüppelwalmdach liegt dominant auf dem Baukörper. An einer Längsseite ist ein Dachüberstand ausgebildet, der in der Region als Gred ­bezeichnet wird und die Eingangsseite vor Witterung schützt. Die traufseitigen Außenwände sind leicht nach innen geneigt. 


Sie folgen der Form der nach oben zulaufenden Stützen, denn die Fichtenstämme wurden in Wuchsrichtung aufgestellt. So vermied man eine unnötig aufwendige Bearbeitung des Holzes und nutzte den Stammquerschnitt maximal aus. Die in den geneigten Außenwänden liegenden Tore sind außen aufgesetzt. Die Torblätter wurden an Rundhölzern aufgehängt, die auf einem Stein gelagert waren. Der praktische Nebeneffekt, dass die Tore durch ihre ­Neigung sowohl im offenen als auch im geschlossenen Zustand nur sehr schwer vom Wind bewegt werden können, blieb auch in der heutigen Konstruktion erhalten.

Das Tragwerk aus Fichtenholz wurde ursprünglich auf widerstandsfähige Eichenschwellen gestellt, zwischen denen Eichenbretter als Boden ­eingelegt ­waren. Das gelagerte Getreide war durch diesen hinterlüfteten Bodenaufbau vor Nässe geschützt. Auch in der Dach­konstruktion wurde für ausreichend Luftzirkulation gesorgt – zwischen den auf der Luftpfette liegenden Dachsparren strömte von unten Luft und Licht in den Dachstuhl. Nur etwa 40 Prozent des historischen Konstruktionsmaterials konnten wiederverwendet werden. Die fehlenden Teile wurden in handwerklicher Präzisionsarbeit von den auf Denkmalschutz spezialisierten Fachleuten der Zimmerei Frank ergänzt. Die für den Wiederaufbau nötigen neuen Ständer sollten die gleiche ­konische Form bekommen wie die vorhandenen und mussten ­dafür aus der Sägewerksware „herausgeschnitzt“ werden. 

Die historischen Fichtenelemente sind im Laufe der Jahre dunkler geworden, die hellen Ergänzungen heben sich optisch ab. Damit der Bau in Zukunft als Veranstaltungsraum funktioniert, wurden neben den rekonstruierten Teilen auch bauliche Ergänzungen vorgenommen. Wo früher Bretterschalung und Strohdach lediglich Wetterschutz boten, ist heute eine thermische Hülle mit gedämmter Außenwand, Aufsparrendämmung und Holzschindeldach zu finden. Die Raumgeometrie im Inneren ist somit originalgetreu wiederhergestellt, die zusätzliche Wandstärke wurde nach außen ergänzt. Die unteren Enden der Fichtenständer waren aufgrund von Feuchteschäden nicht mehr belastbar. Deshalb mussten sie gekappt und auf Stahlfüße gestellt werden, die mit der neuen, auf Bohrpfählen gegründeten Stahlbetonbodenplatte verbunden wurden. Auf das ursprüngliche Belüftungskonzept musste ­zuguns­ten einer dichten Gebäudehülle verzichtet werden.

Den Effekt des Lichteinfalls unter der Luftpfette konnten die Architekten durch eine auf dem Rähm liegende Verglasung jedoch ­erhalten. An diesem von Ampertshausen nach Marzling versetzten Wirtschaftsgebäude lassen sich viele Beobachtungen über intelligente, ressourcenschonende, einfache und materialgerechte Lösungen für historische Konstruktionen machen. Der enge Zusammenhang zwischen Dachdeckung und Dachform, die Verwendung verschiedener Holzarten für unterschiedliche Bauteile sowie die Verwendung von lokalen Materialien, die in einer sehr spezifischen und kunstvollen Bautradition aufgehen, sind nur einige Beispiele. Der Erhalt des Gebäudes als Archiv dieses spezifischen Wissens ist ­also wichtig und scheint in der Umsetzung gelungen – auch wenn das Projekt durch seine Komplexität sicherlich kein Vorbild für historisch weniger bedeutsame Holzbauten ist.

 

Dass der Stadel an einem neuen Ort aufgebaut werden musste, um erhalten zu werden, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken, steht ­jedoch in einer für den Holzbau typischen Tradition. Schon im Mittelalter wechselten Holzhäuser und Scheunen in Europa aus den unterschiedlichsten Gründen ihren Standort. Bauernhäuser zogen mit ihren Pächtern auf neue Ländereien um oder wurden als Aussteuer weitergegeben. Ein größeres Haus konnte durch den Verkauf des Vorgängermodells finanziert werden. In ärmeren Gegenden wurden Gebäude weitergenutzt, die in privilegierten Regionen ersetzt wurden. Bei drohender Gefahr durch Umweltkatastrophen oder kriegerische Besetzung wurden Häuser durch den Transport in Sicherheit gebracht. Besonders geeignet waren dafür Ständerbauten, die im Ganzen oder als Bausatz teils über viele Kilometer bewegt werden konnten. Diese Häuser wurden dabei immer als wertvolle Materialressource gesehen: Morsche Teile wurden ersetzt, Gebäude miteinander kombiniert und Bauteile wiederverwendet. Der Bausatzcharakter, den historische Ständerbauten aufweisen, ist somit eine schöne Referenz für den wertschätzenden Umgang mit endlichen Ressourcen – und ein Beweis für die Robustheit und Flexibilität des Baustoffs Holz.


verfasst von

Lavinia Wagner

ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Architektur und urbane Dichte an der Technischen Universität München.