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Der Denkmalbegriff im Wandel
Vom Bewahren und Vergehenlassen

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Als Denkmale galten ursprünglich nur bewusst errichtete materielle Zeichen zur Pflege der Erinnerung an Ereignisse oder Personen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus die Idee der Kunstdenkmäler als integrale Bestandteile einer nationalen Identität. Damit setzte sich der Gedanke durch, dass letztlich jedes Artefakt, auch wenn es nicht seiner ursprünglichen Intention entspricht, Denkmalwerte besitzt. Der österreichische Kunsthistoriker Alois Riegl hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese Denkmalwerte – auch in ihrer Widersprüchlichkeit – prototypisch systematisiert und zwei Hauptgruppen zugeordnet. Die Vergangenheitswerte sind in der Geschichte des Objekts, etwa seinem historischen Wert, begründet, während sich die Gegenwartswerte aus der laufenden Nutzung ergeben. Dabei können materielle Bedürfnisse, wie das Wohnen in einem historischen Gebäude, aber auch geistige Bedürfnisse, wie die Betrachtung eines Kunstwerks, befriedigt werden. Im Gegensatz zu der noch im 19. Jahrhundert vorherrschenden Ansicht, der Kunstwert eines Denkmals beruhe auf einem absoluten, in der griechisch-römischen Antike verhafteten Kanon, führte Riegl den Begriff des „relativen Kunstwertes“ ein, der das jeweils rezente Kunstwollen als sich wandelnden Maßstab nimmt. Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurden die aus der abendländischen Tradition stammenden Denkmalwerte auf Initiative der UNESCO zur Idee eines globalen Erbes weiterentwickelt, dessen Authentizität und kulturelle Vielfalt nun im Vordergrund stehen. Während Authentizität im westlichen Verständnis in erster Linie in der materiellen Integrität der Substanz eines Denkmals begründet ist, wird der Ise-jingū, der bedeutendste Shinto-Schrein in Japan in der Tradition des Shikinen Sengū alle zwanzig Jahre abgebrochen und vollständig neu errichtet. Seine Authentizität liegt in der periodischen Erneuerung im Rahmen tradierter Riten und überlieferter Handwerkstechniken, wodurch die Frische und die Reinheit des Schreins erhalten bleiben.

Die Ausweitung des Denkmalbegriffs im 20. Jahrhundert erfolgte auch in einer räumlichen Dimension vom Einzeldenkmal über das Denkmalensemble bis hin zur Kulturlandschaft und letztlich in einer kulturellen Dimension vom Kunstdenkmal zum technischen Denkmal, das neben den allgemeinen Denkmalwerten auch „relativ technischen“ Wert besitzt. Trotz des dynamischen Technologiewandels können technische Denkmale auch lange Zeit in Gebrauch stehen.

Mit der zu Beginn des 16. Jahrhunderts errichteten Seeklause wird bis heute in der Kulturlandschaft Salzkammergut der Wasserstand des 8,5 km2 großen Hallstätter Sees reguliert. Zwölf mit Steinen gefüllte Zimmerwerke, die „Klausstuben“, stehen, von elf Öffnungen durchsetzt, in einer Reihe quer zum Seeausfluss. Der Durchfluss von bis zu 4 m3/Sekunde bei jeder Öffnung kann durch ein klug konzipiertes hölzernes Drehtor verschlossen werden. Die senkrechte Drehachse ist oberhalb und unterhalb des Wasserspiegels mit Drehzapfen in massiven Kanthölzern gelagert und steht leicht außermittig zwischen den Klausstuben. Auf diese Weise teilt die Drehachse den mit ihr verbundenen Torflügel in zwei unterschiedlich große Teilflächen. Diese asymmetrische Konstruktion ermöglicht es, die Drehtore mit mäßigem Krafteinsatz gegen die starke Strömung zu schließen. Sobald die größere Teilfläche des Tors mittels einer Seilwinde gegen die Strömung zugezogen wird, dreht sich gleichzeitig die kleinere Teilfläche – durch den Staudruck angetrieben – gegenläufig in die Schlussposition.

Umgekehrt öffnet sich das Tor selbsttägig nach dem Lösen der Arretierung und der Torflügel pendelt sich in Richtung des ausströmenden Wassers ein. Im relativen technischen Wert stecken neben der unmittelbaren Funktion noch weitreichendere Aspekte, wie die Sicherung lokaler Wartungskompetenz durch die laufend erforderlichen Erhaltungsmaßnahmen, aber auch die Herausforderung einer umfassenden Erneuerung der Seeklause, die in Intervallen von etwa 150 Jahren erforderlich ist. In den letzten 500 Jahren ist es immer wieder gelungen, aus lokal verfügbaren Baustoffen mit tradierter Zimmermannskunst ein komplexes Wasserbauwerk zu erhalten, dessen Authentizität nicht in seiner Substanz, sondern auch hier in der periodischen Erneuerung begründet ist. Diese Praxis belegt aber auch die Möglichkeit, in Krisensituationen, unabhängig vom Funktionieren globaler Lieferketten, technische Herausforderungen nachhaltig zu lösen.

Zwei Denkmalwerte, die sich diametral gegenüberstehen und leicht zu erkennen sind, stellen der Neuheitswert und der Alterswert dar. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts herrschte Konsens darüber, dass ein Gebäude zumindest einige Jahrzehnte altern muss, bevor es als Denkmal gelten kann. Aktuell verkürzt sich dieser Zeitraum immer mehr und der Neuheitswert gewinnt an Bedeutung. Wir kennen alle das Gefühl, ein soeben fertiggestelltes Gebäude zum ersten Mal zu nutzen, aber genauso auch die ehrfürchtige Stimmung, wenn wir mit etwas Uraltem konfrontiert sind. Der Neuheitswert erodiert bereits nach kurzer Zeit, während sich der Alterswert im Lauf der Jahrhunderte immer mehr verdichtet. Durch Renovierung lässt sich der Neuheitswert annähernd wiederherstellen, während jede Erhaltungsmaßnahme den Alterswert stört. Konsequent zu Ende gedacht, führt die Pflege des Alterswerts zum Verfall, letztlich zum Verschwinden eines Denkmals. Betrachten wir einen aufgegebenen Kitting im Burgenland: Der Speicherbau, der ausschließlich aus den lokal verfügbaren Baumaterialien – Eichenholz, Lehm und Stroh – errichtet wurde, hat mittlerweile seinen landwirtschaftlichen Gebrauchswert verloren. Damit wurden die laufende, erhaltende Pflege und die periodische Erneuerung des Strohdachs eingestellt und der Verfall setzte ein. Aber statt zu bedauern, dass ein historisches Bauwerk verfällt, können wir diesen Prozess bis zur restlosen Auflösung des Gebäudes im Naturraum auch als Musterbeispiel für ökologisch verträgliche Zirkularität beobachten und dokumentieren.

Denkmäler speichern vielfältiges Wissen, das durch Bauforschung erschlossen, aber von der Bauwirtschaft noch wenig genutzt wird. Unser baukulturelles Erbe, dessen langfristige Technikfolgen bereits als realer Befund vorliegen, kann eine solide Basis zur Entwicklung von Zukunftsstrategien im Rahmen neoökologischer Ansätze bilden.


verfasst von

Friedrich Idam

ist Sachverständiger für Denkmalpflege und Bauphysik historischer Baukonstruktionen, Mitglied von ICOMOS Austria sowie ständiges Mitglied des Denkmalbeirats beim österreichischen Bundesdenkmalamt. Neben einer freiberuflichen Tätigkeit als Bauforscher ist er mit Simple Smart Buildings und Welterbe Hallstatt als Podcaster aktiv.
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