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Ertüchtigte Fenster und Türen
im Wiener Parlament

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Im generalsanierten österreichischen Parlamentsgebäude eilen viele Menschen durch viele Türen, doch die Zeiten, in denen man sich die Klinke in die Hand gab, sind vorüber. Die zweiflügeligen Prunktüren des Mitteltrakts öffnen sich automatisch und fallen hinter den Zutrittsberechtigten kaum hörbar ins Schloss. Der von Theophil Hansen entworfene Drücker in Schlangenform – ein Symbol für Klugheit – bleibt unberührt.1 Die k. k. Hof-Kunsttischlerei Alexander Albert fertigte die Prunktüren 1882 nach Hansens Plänen. Mehr als 140 Jahre später ist trotz umfassender technischer Nachrüstung die Handwerkskunst der mit Nussholzfurnieren, Perlstäben und Rosetten reich verzierten Türen immer noch erlebbar. „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“, lautete das mit dem Bundesdenkmalamt abgestimmte Restaurierziel, eine Tür aus der Errichtungszeit oder dem Wiederaufbau muss nicht aussehen wie neu. Für die brandschutz- und sicherheitstechnische Ertüchtigung der rund 600 Türen waren „einschneidende“ Maßnahmen nötig. Jeder Türflügel wurde vorsichtig in der Mitte aufgetrennt, jede der Hälften – entnagelt, ausgebessert und egalisiert – auf den neuen Brandschutzkörper aufgeleimt. 

 


Der Unterflurantrieb verbirgt sich in Zementkästen im Boden, die Leitungen für Zutrittskontrolle, Motorschlösser und Steuerung verlaufen unsichtbar in Kabelkanälen. In Bereichen, in denen die behördlichen Anforderungen an Barrierefreiheit, Schallschutz, Einbruchsicherheit, Zutrittsregelung und Brandschutz den Bestand überforderten, wurden Türen im bau­zeit­lichen Erscheinungsbild nachgebaut, leicht erkennbar am helleren Eichenholzton. Anders als die Türen wurden die rund 740 historischen Kastenfenster in einer nomadischen Feldwerkstatt direkt auf der Parlamentsbaustelle saniert und thermisch sowie sicherheitstechnisch nachgerüstet. Die Kastenfenster (viele aus slawonischer Eiche) sind solide gebaut und verfügen wie die Türen über Hansen-­typische Schlagleisten in Form kannelierter Halbsäulen mit Basis und Kapitell. Die einfach verglasten Fenster waren in unterschiedlichen Graden schadhaft und durch Schwundfugen und Risse undicht geworden. Nach dem Abbeizen aller Anstrich­systeme konnten viele der beim Ausglasen geernteten historischen Scheiben in den Außenflügeln neuerlich verwendet werden, für die Innenflügel mit Zweischeibenisolierverglasung musste der Kittfalz vergrößert werden.

Vergrauungen sind durch Anschleifen gemildert, die angeschifteten Vollholzergänzungen stammen aus dem Material der Abbruchfenster. Die neuen Sonnenschutzrollos sind elektronisch gesteuert, die genagelten Dichtungen wurden durch Silikonhohlraumdichtungen ersetzt, die Anschlussfugen zum Mauerwerk umlaufend gedämmt. Alle Holzoberflächen sind sorgfältig bearbeitet: Auf eine Grundierung mit Leinölfirnis wurde ein zweifacher Schutzanstrich (pigmentiertes und nicht pigmentiertes Ladenöl) aufgebracht, die Wetterschenkel erhielten einen Rostschutzanstrich. Sicherheitsfolien an den Außenscheiben schützen gegen Einbruch und Durchwurf. Da die Tischlerarbeiten von mehreren Firmen ausgeführt wurden, begleitete ein Holzrestaurator alle Arbeitsschritte. Die Logistik eines Großprojekts lebt von der Effizienz unzähliger Handgriffe, Unvorhersehbarkeiten auf der Baustelle inbegriffen. Eine dieser Entdeckungen war besonders berührend: Beim Auftrennen einer Prunktür kamen im Hohlraum einer Türkassette Briefe und Botschaften der bauzeitlichen Tischler zum Vorschein. In einer Bleistiftnotiz auf dem Futterholz verband ein Geselle die von ihm mitgebaute Parlamentstür mit dem Eintritt in eine demokratische Zukunft: „Que la liberté règne partout dans le monde entier./Möge die Freiheit überall auf der Welt regieren.“ Meisterlich wurden die historischen Türen und Fenster den tech­nischen und behördlichen Erfordernissen der Gegenwart angepasst; die Erfüllung des eingeschriebenen Wunsches steht noch aus.


verfasst von

Gabriele Kaiser

freie Architekturpublizistin und Kuratorin; 2010–2016 Leiterin des architekturforum oberösterreich (afo); seit 2009 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz; lebt und arbeitet in Wien.