Gegenwärtig erleben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft eine Art Hochkonjunktur, und das ist gut so. Diese beiden Konzepte sind allerdings keine neuen Erfindungen, auch wenn uns das aktuelle Forderungen nach Zero Waste und Sorge um den Bestand, die Propagierung von Abrissmoratorien und Aufrufe zur Bauwende glauben machen wollen. Seit vielen Jahrzehnten gibt es begründete und in regelmäßigen Abständen erneuerte Ermahnungen, mit den Ressourcen unseres Planeten sorgsamer umzugehen.
Die zahlreichen Warnungen – von der Gründung der International Union for Conservation of Nature (IUCN) 1948 über die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972, den „Brundtland-Bericht“ von 1987 bis zu internationalen Klimaprotokollen und -abkommen (Rio 1992, Kyoto 1997, Paris 2015, Belém 2025) – hätten längst zu einem Umdenken führen müssen. Erfreulich, dass sich nun das zeitgenössische Bauwesen mehr und mehr auf Nachhaltigkeit ausrichtet.
Die Denkmalpflege war schon immer nachhaltig. Ich habe sie auch schon als Avantgarde bezeichnet, weil sie mit dem Bewahren und der sorgsamen Weiter- und Wiederverwendung des kulturellen Erbes „avant la lettre“ von jeher nicht nur kulturell, sondern – als willkommene Begleiterscheinung – auch ökonomisch und ökologisch nachhaltig wirkt. Das zeitgenössische Bauen könnte von der Denkmalpflege in vielerlei Hinsicht lernen und deren Erfahrung und Expertise nutzen, nicht zuletzt, weil das Prinzip Reparatur zu den ältesten Grundsätzen der Denkmalpflege zählt: Bereits 1883 formulierte es der italienische Architekt Camillo Boito im ersten Artikel seines nachmalig als „Carta del restauro“ in die Geschichte der Denkmalpflege eingegangenen Dokuments prägnant: Falls nötig, sollen Denkmäler eher konsolidiert als repariert, eher repariert als restauriert werden.
In vielen wegweisenden und international rezipierten Charten und Übereinkommen hat dieses früh formulierte Prinzip seinen expliziten Niederschlag gefunden und im Hinblick auf unterschiedliche Denkmalkategorien, Konstruktionen und Materialien Erweiterungen und Diversifizierungen erfahren. Im Jahr 1993 – vor mehr als dreißig Jahren – identifizierte der Denkmalpfleger und Kunsthistoriker Wilfried Lipp die „Reparaturgesellschaft“ als fortan maßgeblichen Rahmen, in dem sich genuin nicht nur die Denkmalpflege, sondern die gesamte Baukultur zu bewegen habe. Für Aufsehen sorgte der Architekt Muck Petzet, als er 2012 den deutschen Pavillon an der Architekturbiennale in Venedig unter die Devise „Reduce, Reuse, Recycle“ stellte: Zuerst sei Abfall zu vermeiden, an zweiter Stelle Material weiterzuverwenden und an dritter Material nach dessen Umformung, dem Recycling, erneut zu verwerten – in Architektenkreisen, in Forschung und Lehre wie in der Praxis des Bauens ein bedeutender Impuls, der ebenso die Schonung der Ressourcen, die Reparatur und die Kreislaufwirtschaft mitführte.
Und das Holz? Bekanntermaßen eröffnet es ein ganzes Universum, das von den Grundlagen zum Material über seine Bearbeitung, seine Verwendung in Konstruktion und Ausstattung bis hin zur Nachsorge und Pflege reicht. Bei Vitruv und Alberti und über weite Zeitspannen danach galt das Material Holz gegenüber den Materialien Stein und Ziegel noch als nachrangiger Baustoff, weil es wenig Monumentalität erlaubte und der geforderten „firmitas“ (Festigkeit) nicht oder nur eingeschränkt genügte. Dass beispielsweise in der Innerschweiz einige Dutzend Holzwohnbauten mehr als sieben Jahrhunderte überlebten, konnten die beiden nicht ahnen. Auch mit Blick auf das traditionelle ländliche Bauen und auf heute spektakulär vorangetriebene Großholzbauten gewinnt das Material einen neuen Stellenwert, vor allem hinsichtlich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. In der Denkmalpflege ist Holz als Baustoff gewiss nicht minderwertig. Vielmehr genießt es besondere Wertschätzung, nicht zuletzt, weil es grundsätzlich reparaturfähig und somit, der Kontinuität verpflichtet, mit Ausbesserungen aller Art, wie etwa Anschuhungen, Einzapfungen, Prothesen oder dem Teilersatz ebenso Ausdruck der Materialökonomie wie der handwerklichen Nachhaltigkeit ist.
Das denkmalgerechte Reparieren eines Objekts begünstigt schließlich, dessen Patina und Spuren des Gebrauchs zeugnishaft zu respektieren und gegebenenfalls sichtbar zu belassen. Die Reparatur verlängert Lebenszyklen und steht außerdem für eine kulturelle Zirkularität, welche mit der kontinuierlichen Nutzung, der Pflege und dem Weiterreichen von Wissen über die materielle Ressource hinaus auch symbolische Werte tradiert – kluge Konzepte, die sich der zeitgenössische Holzbau mit Weitblick auf eine künftige Wiederverwendung und Transformation ins Stammbuch schreiben kann. Die in der Denkmalpflege und Baukultur praktizierte Reparatur ist ein ethisch begründeter und zugleich gewinnbringender Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft.
Dank Denkmalschutz und höchsten Ansprüchen an bauliche Maßnahmen bei bedeutenden Denkmälern wurden nicht selten Technologien entwickelt, die auch im Umgang mit nicht geschützten Bestandsgebäuden Anwendung finden können. Umgekehrt kann die Denkmalpflege von den allgemein entwickelten Methoden, beeinträchtigtes Holz zu sanieren, profitieren, etwa bei Schädlingsbefall oder Pilzen. Wegweisend mag überdies das erneute Aufleben mitunter in Vergessenheit geratener Kenntnisse und handwerklicher Fähigkeiten sein, die im Rahmen denkmalpflegerischer Arbeit befördert werden. Wie immer sind der spezifische Sachverstand und die handwerkliche Expertise entscheidend. In der interdisziplinären Zusammenarbeit von Behörden und erfahrenen Fachleuten aus Architektur, Ingenieurwesen, Holztechnik, Naturwissenschaften und Restaurierung ist es möglich, auch beim Baustoff Holz das Alte und das Neue verträglich miteinander zu verquicken, damit es über die Denkmalpflege hinaus nachhaltig Strahlkraft entwickelt.

