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Fachwerkhaus in Allschwil

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Daten zum Objekt

Standort

Allschwil/CH

Bauherr:in

privat

Architektur

Degelo Architekten, Basel/CH, www.degelo.net

Tragwerksplanung

Büro für Bau+Holz GmbH, Basel/CH, www.bauundholz.ch

Holzbau

Hürzeler Holzbau AG, Magden/CH, www.huerzeler-holz.ch 

Fertigstellung

2023

Typologie

Wohnbauten

Vom Denkmal inspiriert

Die Gemeinde Allschwil boomt. Die unmittelbare Nähe zur Metropole Basel lockt Investoren an, die hier insbesondere in Immobilien des Life-Science-Sektors investieren. Auch wenn die Grenze zur benachbarten Großstadt aufgrund der kontinuierlichen Bebauung kaum sichtbar ist, erhielt sich im Kern des früheren Dorfs doch die historische Struktur aus Fachwerkhäusern des 17. bis 19. Jahrhunderts. Topografisch gehört die Gegend zum Sundgauer Hügelland, das sich bis ins südliche Elsass erstreckt, und auch die ortsspezifische Bauweise der Fachwerkhäuser findet dort ihre Parallelen.

 

An der Schönenbuchstrasse, die in einer S-Kurve durchs Dorfzentrum führt, erwarb das Bauherrenpaar ein Anwesen aus der Zeit um 1800. Dieses bestand aus drei Teilen: einem traufständigen Satteldachbau zur Straße hin, einem gleich ausgerichteten Scheunentrakt auf der rückwärtigen Seite des nach dorthin ansteigenden Grundstücks sowie einem rechtwinklig dazu orientierten schmalen Verbindungsbau. Untersuchungen ergaben, dass die Bausubstanz zu großen Teilen marode war.

Da sich Substanzerhalt und Sanierung nicht mehr bewerkstelligen ließen, wurde der Bestand aus dem Denkmalschutz entlassen. Zunächst wollten die Auftraggeber und das Basler Büro Degelo Architekten einen Abguss aus Beton in der Art umsetzen, wie es die britische Künstlerin Rachel Whiteread praktiziert. Doch diese Idee stieß bei der zuständigen Behörde auf keinerlei Gegenliebe. Daher entschied man sich, gewissermaßen eine Replik des Vorhandenen über gleichem Grundriss zu realisieren. Kubatur, Dachform, Tragstruktur und Fassadenöffnungen entsprechen dem Altbau.

Die neue, präfabrizierte Fachwerkkonstruktion besteht aus horizontalen und vertikalen Eichenbalken mit einem Querschnitt von 14 mal 14cm. Ausgefacht ist sie nicht mehr mit Ziegeln und Putz, sondern mit Furnierplatten aus Weißtanne samt einer dahinter verborgenen Dämmschicht aus Mineralwolle. Auf der Innenseite bilden 19mm starke Dreischichtplatten den Abschluss. Diese dienen zugleich der Aussteifung, sodass auf die den Altbau prägenden diagonalen Verstrebungen der Fachwerkkonstruktion verzichtet werden konnte. Damit wirken die Fassaden abstrakter, was auch durch den Wechsel von Oberflächen aus Eichen- und Weißtannenholz unterstrichen wird.

Die Holzoptik setzt sich im Inneren fort. Zu den Dreischichtplatten der Außenwände treten Innenwände und Decken aus Brettsperrholz, sodass sich eine helle Raumstimmung ergibt. Die Küche ist im Erdgeschoss des Verbindungstrakts untergebracht; das Esszimmer orientiert sich zur Straße, das Wohnzimmer befindet sich im rückwärtigen Trakt. Durch die Nivellierung des Terrains ergab sich im geschützten Zwischenraum Platz für eine Terrasse mit Akaziendielen. Im Obergeschoss trennt das Bad im Verbindungstrakt zwei Zimmer im Vorderhaus vom Schlafzimmer im rückwärtigen Baukörper. Treppen in beiden Bauteilen ermöglichen die effiziente Zirkulation. Ein weiteres Zimmer findet sich im Dachgeschoss des Vorderbaus; sämtliche Dachflächen sind mit roten Flachziegeln eingedeckt.

Insgesamt kann die Operation im einstigen dörflichen Zentrum als überaus gelungen angesehen werden. Degelo Architekten realisierten einen zeitgemäßen Entwurf, der wie eine Beschwörung des Vergangenen wirkt. Es geht indes nicht um eine historisierende Rekonstruktion, sondern um eine Neuformulierung unter Bewahrung der grundlegenden Eigenschaften des vormaligen Bestands. Konkreter gesagt: Die Denkmalpflege bestand nicht mehr.

Bauherrschaft und Architekt verständigten sich aber darauf, die städtebauliche Setzung zu übernehmen sowie die Konstruktion und das Fassadenbild zu adaptieren und neu zu interpretieren. Das Vorgehen ist unprätentiös und wird damit der Erinnerung an das eher schlichte vormalige Bestandsgebäude gerecht.


verfasst von

Hubertus Adam

ist freier Architekturkritiker, Architekturhistoriker und Kurator. Nach Jahren als Redakteur für Bauwelt in Berlin und archithese in Zürich leitete er von 2010 bis 2015 das S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und ist für diverse Medien im In- und Ausland tätig.