Daten zum Objekt
Standort
Zug/CH
Bauherr:in
privat
Architektur
Stefan Wülser +, Zürich/CH, stefanwuelser.ch
Tragwerk und Holzbau
IHT Ingenieurbüro für Holz + Technik AG, Zürich/CH, iht-ing.ch
Fertigstellung
2025
Drei auf einen Streich
Von 2020 bis 2025 erfolgte am Nordende der Zuger Altstadt im engen Austausch zwischen dem Zürcher Architekturbüro Stefan Wülser + und der kantonalen Denkmalpflege ein Umbau mit vorbehaltloser Wertschätzung für den Bestand. Dabei legte das Team, statt (allzu) hoch gesteckte Ziele zu verfolgen, besonderes Augenmerk auf die Gestaltung integrativer Prozesse. Dieses Vorgehen erwies sich im Umgang mit der komplexen Bausubstanz und den Tücken der Realisierung im teils maroden Bestand als aufwändig, aber zielführend.
Beim Verkauf der Liegenschaft waren sowohl die Konstruktionen als auch die Geschichte des Hauses nur spärlich dokumentiert. Erst nach einer Phase des Sondierens vor Ort und des Stöberns im Zuger Bauarchiv wurde klar, womit man es bei der Liegenschaft zu tun hatte: Statt um ein einziges Gebäude handelte es sich bei der Substanz um zwei Häuser, vier Räume in einem dritten Haus und eine mehrfach überbaute ehemalige Gasse. All dies verbarg sich hinter Gipsverkleidungen und den vereinheitlichenden Maßnahmen eines Umbaus aus den 1980er Jahren. Der älteste Teil stammt aus dem Mittelalter. Über die Jahrhunderte wurde das Haus nachweislich mehr als dreißig Mal umgebaut, mit teilweise einschneidenden Veränderungen. Dazu gehörten die Drehung des Daches (wobei das alte Gebälk wiederverwendet wurde) und der Zuschlag von Räumen im Nachbarhaus im 18. Jahrhundert sowie das Absenken und die Öffnung des Erdgeschosses zur neuen Seepromenade im 19. Jahrhundert. Aufbauend auf diesem Wissen, unterteilten das interdisziplinäre Planungsteam und die Bauherrschaft den Umbau in drei Projekte.
1. Dissektion
Im Rahmen des ersten, gemeinsam mit der Denkmalpflege erarbeiteten Baugesuchs für den Rückbau wurden Schichten abgetragen und Raum- sowie Tragstrukturen freigelegt. Mit dem Ziel, „das Haus zwischen den Zeiten zu finden“, wurden schadhafte Bauteile entfernt, temporäre Schutzmaßnahmen getroffen und Verkleidungen demontiert, analysiert und eingelagert. Dabei zeigte sich schrittweise, wie viele Bauteile bereits verändert oder wiederverwendet worden waren (etwa alte Holzbalken, die nachweislich aus ehemaligen Nachbarhäusern stammten) und wie stark der Charakter des Bestands in den Diskrepanzen, Überlagerungen und Überformungen ehemals klarer Strukturen gründet. Zwischen steinernen Fundamenten, ausgefachten Brandmauern, massiven Holzbohlenwänden, leichten Ständerkonstruktionen und mehrmals aus- und wieder eingebauten Holzdecken kamen vor allem spezifische Konstruktionen und Sonderlösungen zum Vorschein. Geschützt werden sollten am Ende nicht einzelne prägende Zeiten der Hausbiografie, sondern ihre Vielfalt, Brüche und Spannungsmomente.
2. Reparatur
Während der Dissektion wurde deutlich, wie stark die geschichtlichen Veränderungen und die Vernachlässigung der Instandhaltung den Bestand geschädigt hatten. Die zum See hin gelegenen Räume hatten einen hohen baukulturellen Wert, mussten jedoch als akut einsturzgefährdet eingestuft werden. Die rückwärtigen, gefangenen Räume wiesen aufgrund ihrer schlechten Durchlüftung und des unvorteilhaften Einbaus von Nassbereichen morsche Hölzer auf. Diverse für die Stabilität und den vertikalen Lastabtrag relevante Bauteile, wie die Brandmauer zum Nachbarhaus an der Seestraße oder die Abfangung des gedrehten Daches, fehlten komplett. Mehrfach wurden eingestürzte Decken nicht ersetzt, sondern mit neuen Decken, die mit Konterlattung auf die gebrochenen Balken aufgelegt und verschalt wurden, wieder aufgerichtet. Dass der Bestand trotz seiner statischen Unbestimmtheit und dieser groben Mängel seiner Nutzung als Wohnhaus bis 2018 gerecht wurde, war primär der erstaunlichen und nicht berechenbaren Resilienz der nestartig ineinandergebauten Holzstrukturen zu verdanken. Um die strukturellen Bauteile nicht als bloße Relikte zu erhalten, sondern ihre Tragfähigkeit langfristig zu sichern, wurden lokal spezifische Ergänzungsstrukturen konzipiert. Die neuen Tragstrukturen sind primär aus Holz: Einfaches Industrieholz bei den einfachen Decken, Eichenbalken und Stahlseile (Andreaskreuze) bei den Aussteifungsrahmen. Allen ist gemeinsam, dass sie den Bestand von der Aufgabe befreien, das Haus aussteifen zu müssen, und dass sie für eine Nutzungsdauer von 100 Jahren und mehr ausgelegt sind.
3. Aneignung
Um das Haus als Wohn- und Arbeitsort mit einem öffentlichen Raum im Erdgeschoss neu zu programmieren, wurden die reparierten Strukturen und alten Oberflächen nur lokal um leichte, möbelartig gestaltete Bauteile ergänzt. Während sich die tiefgreifende Reparatur auf eine lange Nutzungsdauer und künftige Veränderungen (über unseren Umbau hinaus) bezieht, bilden hier ein Zeithorizont von 15 Jahren und das Prinzip der nicht destruktiven Fügung die wichtigsten Bedingungen für die architektonische Ausformulierung der Eingriffe.






