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Holz(an)stoß
Augustas Serapinas

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Augustas Serapinas’ hier abgebildete Installation „Pine, Spruce and Aspen“, die er für die polnische Institution Arsenal Gallery power station konzipiert hat, ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Architektur, Geschichte und Materialität der Holzbauten aus dem baltischen Raum. Der litauische Künstler zerlegte dafür drei traditionelle Gebäude – eine Schmiede, einen Getreidespeicher und ein Wohnhaus – in ihre Bestandteile und arrangierte sie im Ausstellungsraum neu. So entstanden monumentale Holzformationen, die weder Rekonstruktionen noch Ruinen sind, sondern skulpturale Systeme aus Modulen, die das Wesen dieser Bauwerke offenlegen.

Im Industrieraum des ehemaligen Elektrizitätswerks ragt eine lange Wand aus alten Aspen-Dachschindeln auf und bildet eine Art hölzernen Horizont. Daneben breitet sich ein labyrinthisches Gefüge aus gestapelten Balken und Paneelen aus, das auf den ersten Blick chaotisch wirkt, sich aber bei genauer Betrachtung als hochpräzises Set aus wiederkehrenden Elementen erweist. Serapinas macht sichtbar, dass diese Bauten in ihrer ursprünglichen Form ebenso modular waren wie die modernistischen Architekturen des 20. Jahrhunderts – nur eben aus lokalen Materialien. Die Holzhäuser, aus denen die Installation besteht, waren keine Monumente, sondern Nutzbauten des Alltags – errichtet von Menschen, die ihre Umgebung und Materialien kannten und über Generationen hinweg Wissen weitergaben. Indem Serapinas diese Strukturen aus ihrem ursprünglichen Kontext herauslöst, macht er ihre kulturelle und soziale Dimension neu erfahrbar. Die Gebäude werden zu Trägern von Erinnerungen, zugleich aber auch zu abstrakten Konstruktionen, die Fragen nach Herkunft, Funktion und Wert aufwerfen.

„Pine, Spruce and Aspen“ erzählt auch von Mobilität: Viele vernakulare Holzhäuser Osteuropas wurden im Laufe ihrer Geschichte versetzt, abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Serapinas greift dieses Prinzip auf und führt es in eine ästhetische Strategie über. Indem er ihre Bauteile zerlegt und im Ausstellungsraum neu zusammensetzt, macht er jene stillen Akte des Denkmalschutzes sichtbar, die sonst im Hintergrund bleiben: das Retten, Bewahren und Weitertragen von Architektur, die vom Verschwinden bedroht ist. Serapinas zeigt diese Häuser nicht als rekonstruierte Erinnerungsobjekte, sondern als mobile Module, deren Geschichte, Materialität und Gebrauchsspuren fortbestehen. Durch die Verlagerung in den musealen Raum stellt er die Frage, wie Tradition geschützt werden kann – nicht durch das Einfrieren eines Zustands, sondern durch kontinuierliche Transformation. Durch die Reduktion auf ihre elementare Materialität – Kiefer, Fichte, Espe – rückt er ihre strukturelle Konzeption in den Vordergrund: die Einfachheit der Verbindungen, die Präzision der Proportionen, die Anpassungsfähigkeit an Klima und soziale Bedingungen.

In „Pine, Spruce and Aspen“ wird Architektur zu einem offenen Prozess. Tradition erscheint nicht als starres Erbe, sondern als fortlaufende Verhandlung zwischen Mensch, Material und Umwelt. Serapinas zeigt die Schönheit des Zweckmäßigen, die Würde des Gebrauchten und die Modernität einer Architektur, die nicht geplant, sondern gelebt wurde. „Pine, Spruce and Aspen“ versteht Denkmalschutz als lebendigen Prozess, der Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen formt.

Augustas Serapinas

geboren 1990 in Vilnius, lebt und arbeitet in Litauen.

Einzelausstellungen (Auswahl)

2025
Šakotis, Galerie Tschudi, Zürich
Physical Culture, Contemporary Art Centre, Vilnius

2024
Wooden Travel, Fondazione ICA Milano, Mailand
Pine, Spruce and Aspen, Arsenal Gallery power station, Białystok

2023
Baltic Adventure, FOROF, Rom
Roof from Rüdninkai, Klosterruine Berlin, Berlin

2022
Five Stoves, Galerie Tschudi, Zuoz
Emalin, London

2021
Summer in Rüdninkai, Apalazzogallery, Brescia
Diana, CCA, Tel Aviv

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2025
Counting, Galerie Tschudi, Zuoz

2024
The Uncanny House, Museum Casa di Goethe, Rom
How Language Invents the World, Bündner Kunstmuseum Chur, Chur

2022
steirischerherbst’22, Graz
Patalai ir purslai, National Gallery of Art, Vilnius

2021
13th Kaunas Biennial, Kaunas
Art Basel: Parcours, Basel

2020
La Promenade, Galerie 
Georges-Philippe & Nathalie Vallois, Paris
Loving Art. Making Art: European Edition, Tel Aviv

2019
Uno, Allegra Projects, St. Moritz
May You Live in Interesting Times, 58. Biennale von Venedig, Venedig


verfasst von

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, arbeitet als freier Kurator.