Daten zum Objekt
Standort
Nürnberg/DE
Bauherr:in
Evangelisch-reformierte Kirche, Nürnberg/DE, www.reformiert.de/gemeinde/nuernberg.html
Architektur
Florian Nagler Architekten, München/DE, www.nagler-architekten.de
Tragwerksplanung
mbi Mittnacht Beratende Ingenieure, Würzburg/DE, www.mbi-ingenieure.de
Holzbau
müllerblaustein HolzBauWerke GmbH, Blaustein/DE, www.muellerblaustein.de
Fertigstellung
2018
Typologie
Bauliches Erbe als Lehrmeister
Die Kirche St. Martha in Nürnberg ist ein kleines, aber dennoch eindrucksvolles Gotteshaus mit einer bewegten, mehr als 600-jährigen Geschichte. 1385 eingeweiht, diente sie in der Folge nicht nur als Kirche, sondern beispielsweise auch mehr als hundert Jahre als Proben- und Konzertsaal der Meistersinger von Nürnberg. Hans Sachs hat hier seine Lieder vorgetragen. Als die Kirche 2014 im Rahmen von Sanierungsarbeiten in Flammen aufging, ging damit der einzige gotische Kirchendachstuhl in Nürnberg, der den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, verloren. Der Teil über dem ursprünglich dreischiffigen Hauptkirchenraum war nach dem Brand vollständig ins Innere des Kirchenraums gestürzt und unrettbar zerstört. Lediglich über dem mit Mauerwerk eingewölbten Chorraum blieb ein Bereich des dortigen, vom Haupttragwerk durch eine hohe Giebelwand aus Naturstein und Ziegel getrennten Dachstuhls erhalten.
Der gesamte Dachstuhl war zu dem Zeitpunkt über 600 Jahre alt und hätte durchaus noch einmal so lange gehalten, wäre er nicht ein Opfer der Flammen geworden. Das hat mich damals sehr beeindruckt und ich dachte, es wäre schön, wenn wir auch für den Wiederaufbau ein Dachtragwerk entwickeln könnten, das wieder 600 Jahre hält. Da ich mir aber keinesfalls sicher war und bin, ob unsere Leimhölzer mit ihren Verklebungen wirklich so dauerhaft sein würden, entschied ich mich bereits im Rahmen des Wettbewerbs dafür, den Dachstuhl nur mit Vollhölzern zu entwickeln und zu bauen. Die gotische Dachkonstruktion der ursprünglich dreischiffigen Anlage war ein stehender Stuhl, der das Mittelschiff der Kirche mit einer „Scheintonne“ überwölbt und die Seitenschiffe mit zwei Flachdecken überdeckt hatte. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche um zwei weitere Seitenschiffe mit Flachdecken erweitert und um hölzerne Emporen ergänzt. Der Denkmalschutz gestand den Wettbewerbsteilnehmer:innen im Hinblick auf die Gestaltung und Konstruktion des Innenraums und des Daches große Freiheiten zu – mit der einfachen Begründung: Was weg ist, ist weg. Er forderte lediglich, die äußere Kontur der Kirche wiederherzustellen und an die beiden großen, erhalten gebliebenen Giebelwände, die das Haupttragwerk begrenzten, wieder in gleicher Kontur anzuschließen.
Diese Freiheit nutzten wir, indem wir ein neues räumliches Konzept mit einem neuen Tragwerk umsetzten. Statt der historischen Scheintonne führten wir eine weitere Flachdecke ein, die eine stimmige, alle fünf Schiffe zusammenfassende Raumkomposition ermöglichte. Die Deckenuntersichten aus mehrlagig diagonal angeordneten Brettern sind Teil der Konstruktion. Sie bilden Scheiben aus, die die Natursteinwände stabilisieren, und bieten darüber hinaus die Möglichkeit, die Raumakustik im Kirchenraum für Konzerte, vor allem für Kammermusik, zu optimieren, wie sie schon im Vorgängerbau stattgefunden hatten. Über den diagonalen Brettstrukturen erhebt sich ein klassischer stehender Stuhl mit Stützen, Bügen, Pfetten, Sparren und Windverbänden aus Vollholz, wobei der Dachraum kalt bleibt.
Für uns war die St. Martha Kirche einerseits eine Lehrmeisterin im Hinblick auf den Umgang mit dem Bestand, andererseits haben wir aber auch ganz grundsätzlich von der Bestandskirche viel gelernt, was den Umgang mit Ressourcen und die Optimierung von Konstruktionen anbelangt. Die massive Natursteinkonstruktion erwies sich bei näherer Betrachtung als höchst filigran und immer auf das unbedingt erforderliche Maß reduziert. Wann immer es konstruktiv möglich war, wurden Wand- und Konstruktionsstärken reduziert beziehungsweise minimiert, bisweilen auch der teure Naturstein durch einfacher zu verarbeitende – und günstigere – Ziegel ersetzt, natürlich ohne dabei den gewünschten stimmigen Raumeindruck aus den Augen zu verlieren. Interessanterweise folgten die unterschiedlichen Konstruktionen aus Naturstein und Holz weniger einem formalen Ordnungsprinzip als vielmehr den Bedingungen der jeweiligen Materialien und Konstruktionen. Die ca. 16 Meter lange tragende Wand zwischen den Kirchenschiffen ist gedrittelt und in eine Säulenstruktur mit Spitzbögen und ca. 5,3 Meter Spannweite aufgelöst. Die darüberliegende Holzkonstruktion war dagegen geviertelt, mit einem Stützabstand von ca. 4 Metern. Wir versuchten über längere Zeit, die Drittelung der Natursteinkonstruktionen auch auf unser neues Holztragwerk zu übertragen. Doch im Laufe der Planung stellte sich heraus, dass die 4 Meter Stützweite im Holzbau einige Vorteile brachten: von den verfügbaren Vollholzquerschnitten bis hin zum Transport der vorgefertigten Deckenelemente mit der diagonalen Brettstruktur. Außerdem war das Haus diesen Lasteintrag „gewohnt“, und es hat sich schon bei allen unseren bisherigen Umbauprojekten bewährt, so nah wie möglich an dem zu bleiben, was der Bestand gewohnt ist. Der Einsatz von Holz erwies sich beim Wiederaufbau der St. Martha Kirche nicht nur beim neuen Dachtragwerk als sinnvoll, sondern auch bei weiteren Maßnahmen, von der neu errichteten Orgelempore bis hin zu den Wandverkleidungen der Seitenschiffe aus dem 19. Jahrhundert. Deren Oberflächen waren durch den Brand besonders in Mitleidenschaft gezogen, weshalb wir sie mit einer mineralischen Innendämmung energetisch ertüchtigten und mit einer Verkleidung aus Weißtanne versahen. Dabei kommt dem Einsatz des Materials Holz zugute, dass es sich vor allem mit traditionellen Baumaterialien wie Naturstein und Ziegelmauerwerk eigentlich sehr gut verträgt und diese Materialien sich gegenseitig sehr gut ergänzen (können). Die typischen Probleme im Auflagerbereich von Holzkonstruktionen resultieren meist aus unsachgemäßer oder völlig unterlassener Wartung, aber auch aus geänderten bauphysikalischen Rahmenbedingungen. Gebäude, die gebaut wurden, als noch wenig geheizt wurde, sind daher mit den Anforderungen, die wir mittlerweile an Neubauten stellen, oft überfordert – beziehungsweise diejenigen, die deren Umbau oder Sanierung planen. Dabei stellt sich die Frage, ob wir an Umbau- oder Sanierungsprojekte wirklich die gleichen Anforderungen stellen sollten wie an Neubauten.
In unserem Forschungsprojekt „Einfach Um-Bauen“ an der Technischen Universität München haben wir gezeigt, dass es sowohl unter ökonomischen als auch unter ökologischen Aspekten bei Weitem sinnvoller sein kann, nicht das ganze Haus zu optimieren, sondern lediglich die Dinge, mit denen man auf vergleichsweise einfachem Weg viel bewirken kann. Der Aufwand für die letzten 10 bis 20 Prozent bis zum Optimum ist dagegen ungleich höher. Zudem stellt sich in der Praxis immer wieder heraus, dass energetisch optimierte Gebäude durch die Art der Nutzung oftmals nicht die niedrigen Verbräuche erzielen, die rechnerisch „auf dem Papier“ während der Planung ermittelt wurden (Prebound- und Rebound-Effekte). Denkmäler können uns dabei den Weg zu einem angemessenen Umgang mit unserem baulichen Erbe weisen. Dadurch, dass sie aufgrund ihres Status als Denkmal sehr einfach Abweichungen von geltenden Vorschriften ermöglichen, zeigen sie uns, wie wir mit Augenmaß unseren Gebäudebestand sanieren können, ohne dabei unsere Städte und Dörfer „in Polystyrol hüllen“ zu müssen. Bei der St. Martha Kirche beispielsweise versahen wir zuletzt „nur“ das Dachtragwerk beziehungsweise die diagonalen Decken- und Wandelemente mit Holzfaserdämmung. Den Originalboden überschütteten wir mit Glasgranulat und brachten darauf einen Lehmboden auf. Die beim Brand zerstörten Fensterscheiben ersetzten wir durch eine etwas bessere Einscheibenverglasung, dämmten die Außenwände der Seitenschiffe und verkleideten sie mit Holz. Dabei versuchten wir in Abstimmung mit der Bauphysik, die unterschiedlichen Maßnahmen so auszubalancieren, dass ein sinnvolles Gesamtgefüge entstand. Das Material Holz leistete dazu einen wertvollen Beitrag.




