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Kita im historischen Stallstadel Rosenhof

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Daten zum Objekt

Standort

Berchtesgaden/DE

Bauherr:in

Gemeinde Berchtesgaden, www.gemeinde.berchtesgaden.de 

Architektur

Schorr Architekten, Vachendorf/DE, www.schorrarchitekten.de 

Tragwerksplanung 

m4 Ingenieure, München/DE, www.m4-ingenieure.de 

Holzbau

Meiberger Holzbau, Lofer/DE, www.holzbau-meiberger.at 

Fertigstellung

2024

Typologie

Bildung

Holzhaus im Baudenkmal

Das Bruchsteinmauerwerk der Außenwände war rissig und die Decke zwischen Kuhstall und Heuboden einsturzgefährdet, der in den 1960er Jahren aufgesetzte Dachstuhl wirkte unangenehm gedrungen und schränkte durch seine raumgreifende Konstruktion auch die Nutzungsspielräume ein. Zugleich war klar, dass der 250 Jahre alte, seit Jahrzehnten ungenutzte Stallstadel zusammen mit dem Hauptgebäude des Rosenhofs zu den wenigen erhaltenen Zeugnissen einer Zeit zählt, in der Berchtesgaden noch zu einer Fürstprobstei gehörte. Um herauszufinden, ob sich das inmitten grüner Wiesen frei stehende Bauwerk zur Unterbringung einer viergruppigen Kindertagesstätte eignete, beauftragte die Marktgemeinde das Büro Schorr Architekten 2019 mit einer Machbarkeitsstudie.

Haus im Haus


Der Natur- und Bewegungskindergarten Rosenhof belegt eindrucksvoll, dass die Studie positiv ausfiel, und so erstrahlt das Haus heute in vielerlei Hinsicht beispielhaft in neuem Glanz. ­Neben den sorgfältig sanierten Außenwänden mit ihren unver­ändert kleinen Fensteröffnungen fällt zunächst das steile, nach historischem Vorbild neu konzipierte Schopfwalmdach mit dachintegrierter PV-Anlage ins Auge. Einen ersten Hinweis auf das mit vorgefertigten Elementen von Meiberger Holzbau in die Bruchsteinwände implantierte Holzhaus liefern die beiden Giebelseiten: Hinter einem Schleier aus vertikalen Holzlamellen sind großflächige Glasfassaden zu erkennen, die auf luftig dimensionierte moderne Innenräume schließen lassen. Der gesamte Planungs- und Bauprozess erfolgte in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Zunächst waren die Außenwände zu sichern und der Dachstuhl sowie (mit Ausnahme eines zu erhaltenden Natursteingewölbes) sämtliche maroden Innenausbauten abzubrechen.

Daraufhin ­erstellte Meiberger Holzbau ein digitales Aufmaß sowie ein 3D-Gebäudemodell, das auch als Grundlage für den digitalen ­Abbund diente. Im nächsten Schritt wurde die auf 180 Mikrobohrpfählen ruhende Fundamentplatte für den Holzbau betoniert. Hierauf entstand – mit einem Abstand von 20 bis 200 mm zum alten Bruchsteinmauerwerk – ein statisch eigenständiges Tragwerk. Dieses besteht im Erdgeschoss aus holzfasergedämmten Außenwänden, die sich dank der elementierten Holzständer­bauweise vergleichsweise leicht in die unregelmäßigen Bestandsmauern einfügen ließen, sowie aus einigen mittig platzierten Stahlträgern und -stützen. Gemeinsam tragen sie eine Brettstapeldecke, über die das windschiefe, nicht mehr ausreichend ausgesteifte Bruchsteinmauerwerk mit Stahlknoten und Edelstahl­ankern, die an die Bestandssituation angepasst sind, am Holzbau rückverankert ist. Als Reverenz an den ehemaligen Kuhstall sind die im Grundriss locker verteilten, nicht tragenden Innenwände der Gruppen-, Mehrzweck- und Nebenräume als leichte, mit Lehmbauplatten bekleidete Holzständerwände konzipiert, die ab einer Höhe von rund 1,5 Metern bis zur Decke verglast sind. Im Obergeschoss, das u. a. weitere Gruppenräume und einen Mehrzweckraum mit Kletterwand beherbergt, finden sich Stahlbauteile nur noch in Form von aussteifenden Auskreuzungen. Prägend für den Raumeindruck sind stattdessen die nicht zuletzt durch zahlreiche Glaswände gut sichtbaren Holzkonstruktionen der multifunktionalen Galerieebene sowie des neuen Dach­stuhls. Der hohe Glasanteil ermöglicht den Erhalt des offenen Tennencharakters, zugleich dringt so reichlich Tageslicht in die Innenräume. In diesem Zusammenhang spielen die beiden Giebel­verglasungen und die bündig in die PV-Anlage integrierten Dachflächenfenster eine wichtige Rolle. Hier einfallendes Licht gelangt durch begehbare Glasböden bis ins Erdgeschoss. Dies ist umso wichtiger, als dort keine neuen Fassadenöffnungen in die Außenwände gebrochen werden durften. Die heute raum­abschließenden isolierverglasten Holzfenster liegen in der Dämm­ebene des Holzbaukörpers, während die historischen äußeren Fenster repariert oder instand gesetzt wurden. 

Handwerklich ökologisch bauen


Etwas anderes als Holz für das Tragwerk und den Innenausbau kam für Schorr Architekten von Anfang an nicht infrage – einerseits aus Gründen des ökologischen Bauens, das für das Büro grundsätzlich im Mittelpunkt steht, andererseits weil das natür­liche Material und die damit mögliche handwerkliche Qualität am besten den Charakter des ehemaligen Landwirtschaftsgebäudes widerspiegeln. Hinzu kommt, dass sich der stabförmige Holzbau im Fall zukünftiger Nutzungsänderungen leicht anders konfigurieren lässt. Und so ist Holz praktisch überall im Haus präsent: im Tragwerk aus Fichtenholz, im unbehandelten massiven Dielen­boden auf Lagern, in der oft selbst entworfenen festen und losen Möblierung aus Erlenholz, in der Treppe und in den Fenster­profilen. Dabei finden sich viele Details, die das handwerkliche Arbeiten sichtbar machen. Ein Beispiel dafür sind die Treppen, deren rechteckige Eichenholzstufen beidseitig elegant abgewinkelt sind, um fließende Übergänge zu den Wangenoberseiten zu schaffen. Zu sehen sind aber auch aufgesetzte Holzglashalter für die zahlreichen rahmenlosen Verglasungen oder eine aussteifende Diagonalschalung an der Dachunterseite, deren sichtbare Verklammerung davon erzählt, wo die Dachpfetten verlaufen.

All diese Details zeugen von der Liebe der Architekten zum Gestalten mit Holz und zugleich vom Wunsch, reversible und möglichst regional leicht verfügbare, wenig verarbeitete Baustoffe zu ­verwenden. Anstelle von OSB-Platten oder Leimholzbindern kam ­daher – bis auf sehr wenige Ausnahmen – vor allem lasiertes Vollholz zum Einsatz. Auch die Brettstapeldecken sind nicht verleimt, sondern mit Buchenholzdübeln verbunden. Um auf eine zusätzliche Materialschicht verzichten zu können, sind die fein profilierten Unterseiten der einzelnen Bretter mit Dämm­material ausgefüllt, was sie auch akustisch hochwirksam macht. Hinzu kommen baubiologisch und bauphysikalisch vorteilhafte Lehmbauplatten an lehmverputzten Wänden sowie Lehmsteine in der Erdgeschossdecke, die zugleich dem Schallschutz, der Feuchtigkeitsregulierung und der Schwingungsdämpfung dienen. Der Natur- und Bewegungskindergarten Rosenhof präsentiert sich als architektonisch, konstruktiv und energetisch zeitgemäßes und in hohem Maße identitätsstiftendes Gebäude. Besonders ­erfreulich dabei ist, dass die Marktgemeinde Berchtesgaden ­hierfür (unter Berücksichtigung der Fördermittel) letztlich nur unwesentlich mehr Geldmittel bereitzustellen hatte als für einen vergleichbaren Neubau.


verfasst von

Roland Pawlitschko

ist freier Architekt, Autor und Redakteur sowie Architekturkritiker. Er lebt und arbeitet in München.