Johann Zehetgruber ist Tragwerksplaner und auf die Ertüchtigung historischer Bausubstanz spezialisiert, außerdem ist er für einen Lehrauftrag am Institut für Holzbau und Holztechnologie an der Technischen Universität Graz bestellt. Wir haben nachgefragt.
Ihr Unternehmen, das Ziviltechnikerbüro Zehetgruber + Laister, blickt auf eine Vielzahl von abgeschlossenen Projekten zurück. Wann und warum haben Sie damit begonnen, sich auch auf historische Konstruktionen aus Holz zu spezialisieren?
Dieses Thema hat mich eigentlich schon bald nach Gründung des Büros im Jahr 1997 beschäftigt. Am Beginn standen Anfragen der Diözese St. Pölten zu statischen Problemen an diversen Kirchen, aber auch Pfarrhöfen. Ich musste feststellen, dass mir mein Studium zu diesem Thema kaum Rüstzeug gegeben hatte. Mit den Jahren konnte ich mir das Wissen aber Schritt für Schritt an verschiedensten Projekten erarbeiten. Mittlerweile füllen zahlreiche kirchliche und profane Bauten meine Archive und ich bewege mich damit in Ostösterreich, etwa von Linz über Wien bis nach Graz.
Welche Schäden treten bei historischen Holzkonstruktionen am häufigsten auf und wie werden sie behoben?
Man kann grundsätzlich drei Gruppen von Schäden ausmachen:
Erstens sind es Schäden aufgrund von Feuchtebelastung der Holzteile. Ursache sind naturgemäß eindringende Niederschlagswässer. Aber auch Wassereintritte durch Leckagen an Haustechnikleitungen und der große Themenkreis der Feuchteanreicherung aus falscher Bauphysik – Stichwort Taupunkt – kommen häufig vor. Zweitens sind es Schäden aufgrund konstruktiver Mängel bereits bei der ursprünglichen Bauerrichtung. Dieses Problem tritt insbesondere bei Dachwerken über komplexen Grundrissen auf. Drittens gibt es Schäden aufgrund späterer Umbauten am Bestand. Dabei wurde oftmals die Lastableitung grundlegend und nachteilig verändert. Die Folgen sind dann große Deformationen und im Extremfall auch der Kollaps von Teilen der Konstruktion. Bei der Behebung der Schäden greifen wir auf das Zimmererhandwerk in seiner umfassenden Definition zurück. Moderne Analysen und im Bedarfsfall auch Modellierungen mit entsprechender Software helfen uns bei der Erstellung des Sanierungsprojekts. Unbedingt zu erwähnen ist die nunmehr einfach zugängliche 3D-Vermessung mit der Erstellung verformungsgerechter Pläne.
Welche restauratorische Techniken kommen am häufigsten bei geschützten Holzbauten zum Einsatz? Inwieweit trifft hier traditionelles Handwerk auf moderne Techniken?
Bei der statischen Sanierung und Ertüchtigung von historischen Holztragwerken sind die Techniken jedenfalls grundlegend anders, als sie beim modernen Ingenieurholzbau, aber auch der Zimmermannsarbeit eingesetzt werden. Wir versuchen, dem Bestand möglichst nahezukommen und damit sind die zimmermannsmäßigen Verbindungen die erste Wahl. Zur Verdichtung und wenn es aus geometrischen Gründen nicht mehr möglich ist, das Original nachzubauen, setzen wir auch zeitgemäße Verbindungstechniken ein, allen voran jede Art von Schnellbauschrauben.
Wird ein Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt, dann muss man beispielsweise eine zusätzliche Dämmung anbringen oder andere Brandschutzanforderungen erfüllen. Ein Interessenkonflikt zwischen authentischer Erhaltung und notwendiger Erneuerung liegt auf der Hand. Wie gelingt es, moderne Sicherheitsanforderungen mit dem Erhalt der Struktur in Einklang zu bringen?
Das ist ein großes, wenn nicht das beherrschende Thema im Umgang mit historischer und meist auch denkmalgeschützter Substanz. Ich bin grundsätzlich der Ansicht, dass nur die Nutzung ein Bauwerk in die Zukunft bringen wird. Damit stellt sich naturgemäß laufend die Frage nach der Adaptierung und der Umsetzung aktueller Vorschriften aufgrund der geänderten Nutzung und so weiter. Erfahrungsgemäß hilft hier nur die interdisziplinäre Behandlung der Fragen, wobei wichtig ist, dass Vertreter aller Fachbereiche am Tisch sitzen. Nur so können auf die jeweiligen Bauten zugeschnittene Lösungen erarbeitet werden. Am Ende zählt das Gesamte und aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich bestätigen, dass es immer gute und optimierte Lösungen gibt.
Oftmals konzentriert sich der Holzanteil von historischen Bauwerken auf den Dachstuhl. Mit welchen Herausforderungen ist man hierbei konfrontiert?
Dieser Bauteil ist ja im historischen Hochbau systemimmanent. Folglich stellt dieser Bereich auch den Großteil meiner Tätigkeit dar. Schließlich ist ja die Bedachung der Witterungsschutz und damit verantwortlich für die Dauerhaftigkeit des gesamten Gebäudes. Die Herausforderung besteht grundsätzlich in der Umsetzung der Sanierungsarbeiten, da diese Bereiche nur über Einbringöffnungen und Hubzeuge zu bedienen sind. Generell ist der Idealfall, dass die Sanierungsarbeiten am Dachwerk im Zuge einer Neueindeckung durchgeführt werden. Dann ist die Bespielung der Baustelle einfach und die großen Lasten aus der Dachdeckung fehlen. Viel schwieriger ist eine Sanierung unter der vollen Dachlast. Hier beschränkt man sich daher meist auf die Behandlung einzelner, kritischer Schadstellen. Die Kosten sind jedenfalls deutlich höher als bei einem von Deckung und Lattung befreiten Dachwerk.
Das Bundesdenkmalamt trägt maßgeblich zum Erhalt des baulichen Bestands bei. Sieht man von dieser Aufgabe ab, welche Vorteile ergeben sich in der Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz?
Da ist zuallererst die Expertise auf den verschiedensten Fachgebieten zu nennen. Aufgrund der Vielzahl der über Jahrzehnte betreuten Objekte kann man damit auf ausreichend viele Best-Practice-Beispiele zurückgreifen. In jedem Fall ist die Zusammenarbeit befruchtend und – wie schon oben erwähnt – die umfassende Herangehensweise der verschiedenen Disziplinen ist der beste Garant für wirklich gute Lösungen.
Johann Zehetgruber
ist geschäftsführender Gesellschafter bei Zehetgruber Laister ZT GmbH.
