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Vom Ursprung des Kunstwerks aus dem Geiste des Holzschuhs

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 2: Brücken bauen
Juli - August 2001

Martin Heideggers berühmter Aufsatz »Der Ursprung des Kunstwerkes« enthält bekanntlich einige fundamentale Passagen zur Kunst, die der Betrachtung der van Gogh´schen Bauernschuhe entspringen.

Ungeachtet der Gültigkeit der Aussagen Heideggers entdeckten aber Kunstgelehrte vor einigen Jahren, dass es sich bei den besagten Schuhen nicht um die Schuhe einer Bäuerin, sondern um die einer Städterin handelte. Bauernschuhe, insbesondere holländische wären - und auch diese hat van Gogh ja oft genug gemalt - Holzschuhe. Heidegger dachte sozusagen beim falschen Schuh die richtigen Gedanken über die Kunst. Seine Überlegungen über den Bauernschuh hätten eigentlich dem Holzschuh gelten müssen. (1)

Wir erlauben uns daher die Freiheit, den richtigen Kontext wieder herzustellen und Heideggers Aussagen dem tatsächlichen, aus Holz geschnitzten Bauernschuh zuzuordnen. Nach Heidegger entsteht das Kunstwerk aus dem »Widerstreit« zwischen Erde und Welt, aus dem Gigantenkampf zwischen der verbergenden Erde und der entbergenden Welt, die das Gehäuse schafft und den Sinn verleiht. Diese Kluft zieht sich durch das Kunstwerk. Die Bauernschuhe lassen um sich herum die gesamte abwesende Objektwelt entstehen, die einst ihr lebender Kontext war. »In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärliches Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug zieht... das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet ... Van Goghs Gemälde ist die Eröffnung dessen, was das Zeug, das Paar Schuhe in Wahrheit ist. Dieses Seiende tritt in die Unverborgenheit seines Seins heraus. Die Unverborgenheit des Seins nannten die Griechen aletheia«. (2)

Das Kunstwerk vermittelt, indem es die abwesende Welt und die Erde um sich herum zur Offenbarung treibt und damit auch den langsamen Gang der Bäuerin, die Einsamkeit des Feldwegs und die Hütte in der Lichtung.

Die Schuhe stehen für die Verlässlichkeit des Zeuges und verweisen auf eine wesentliche Seinsdimension desselben. Das höchste Maß an Dienlichkeit entsteht, je weniger die Bäuerin bei der Arbeit an die Schuhe denkt, sie anschaut oder auch nur spürt. So dienen die Schuhe wirklich und so dient uns Heideggers heute etwas pathetisch anmutende Prosa als Gelegenheit, das Profanum des Holzschuhs in eine großartige Reflexion zur Kunst verwandelt zu sehen.

(1)
Heidegger räumt indirekt selbst diese Möglichkeit ein, siehe: Martin Heidegger:
Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Heidegger, Holzwege, s. 18

(2)
ebenda, s. 19

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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