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Die Holzwurmloch-maschine

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 4: Holz Holzaltern
Dezember 2001 - Februar 2002

Es gibt sie. Viele haben schon von ihr gehört. Tschechische Antiquitätentischler sollen sie verwenden. Mittels einer Walze, die mit kleinen Metalldornen gespickt ist, werden Löcher ins Holz gestochen. Aber es soll auch andere Typen der Holzwurmlochmaschine geben. Schussvorrichtungen zum Beispiel, die Schrotkörner ins Holz jagen. Direkt zu Gesicht hat die Holzwurmlochmaschine noch keiner bekommen, aber niemand bezweifelt ihre Existenz.

Wer sonst sollte denn die vielen Löcher in das »antike« Holz bohren, das vor wenigen Wochen noch im Wald stand? Der Holzwurm vielleicht? Der Holzwurm ist ein ehrlicher Arbeiter, aber er benötigt viel Zeit für sein Werk, Generationen einer Wurmfamilie widmen einem Möbelstück viele Jahre und bringen so die Spuren ihrer Existenz an die Oberfläche. Hingegen hat das moderne, »antike« Möbel vieles, nur keine Zeit für den langsamen Wurm. Ebenso sein Besitzer. Das gute Stück soll neu sein, aber gefälligst so aussehen, als wäre es seit Generationen im Familienbesitz. Oder wie man glaubt, dass ein solches auszusehen hätte. Ganz anderes gilt hingegen für Fußböden, Fassaden oder Zäune. Hier steht der Kampf gegen den Holzwurm an erster Stelle. Die Konservierung des Holzes durch Teppiche von Holzschutzmitteln und schwere Insektizide ist oberste Pflicht, der Kampf gegen alles, was an die biologische Vergangenheit gemahnt, wird unverzüglich aufgenommen und kann kein Ende finden. Hier können Spuren des Alters nur an eigene Niederlagen gemahnen und sind unverzüglich zu liquidieren.

Was besagt dies? Suchen wir Natur nur optisch, aber nicht haptisch, wollen wir Natur nur sehen, aber nicht fühlen? Tatsächlich deutet alles daraufhin, dass wir Natur nur aus der Distanz ertragen, als Symbol, als Erinnerung an das Ursprüngliche, dass wir aber keineswegs die Rohheit der Materialien mitsamt ihren animalischen und vegetabilen Eigenschaften wünschen. Gewiss, die klassische Moderne hat mit ihrem Rousseau´schen Revival eines retour aux nature und dem damit ausgelösten »Zurück zur Natur der Materialien« ihre Suche nach dem Reinen und Echten bekräftigt. Aber sie entstand in Zeiten zivilisatorischer Übersättigung, die uns aufgrund des damals überbordenden Historismus leicht verständlich wird.

Sie brachte nicht die endgültige Lösung moderner lebenspraktischer oder kultureller Probleme. Aber sie hat den Typus des Puristen geschaffen, der uns auch heute noch Sympathie abringen kann. Allerdings ist auch der moderne Purist längst über das Stadium
einer architecture brute hinaus und hat eine differenziertere Einstellung zur Oberfläche des Objekts, die nicht unbedingt auf rohe Wahrheit aus ist, sondern das Spiel der Symbole beherrscht. Deswegen wird für ihn der Einsatz der Holzwurmlochmaschine aber noch keineswegs notwendig.


Zeichnung:
»Die tschechischen Antiquitätentischler« von Kilian Kada

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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