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Frisch, leicht und bekömmlich

Heuriger, Klein-Engersdorf

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 5: Holz zu Gast
März - Juni 2002, Seite 18ff.
Fotos: Pia Odorizzi

Auch wenn der Heurige salonfähig geworden ist - eine Ausweitung solcher Refugien österreichischer Gemütlichkeit ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: In Klein-Engersdorf nahe Wien etwa gab es vor wenigen Jahren noch fünfzehn Betriebe. Übriggeblieben sind zwei, die sich in den Öffnungszeiten abwechseln. Einer davon ist der Heurige Lackner, ein angestammter Familienbetrieb, in dem man nach etlichen hauseigenen Aus- und Umbaustufen an Grenzen gestoßen war, die nach einer kompetenten Planung verlangten. Reinhard Haslwanter wurde konsultiert, ursprünglich nur, um die bestehende Schank zu vergrößern und zusätzliche Toiletten zu installieren.

Schon bei der Erstbegehung konnte der Architekt die Bauherrn davon überzeugen, dass ihr Bestreben nach Qualitätssteigerung im kulinarischen Angebot auch eine Verbesserung der räumlichen Situation nahelegt, die ein weiterer Teileingriff nicht gebracht hätte. Haslwanter erspähte hinter einer hofabschließenden Mauer den rund eineinhalb Geschoße höhergelegenen Weingarten, der an das von der Straße weg ansteigende Grundstück anschließt - und hatte die Grundidee: Ergänzung in Hakenform und die Öffnung und Höhenabstufung des Innenhofes.

Niveaugleich mit den Terrassen, sie begleitend, sollte die Erweiterung der Gasträume mit neuer, zentraler Schank entstehen und großzügige Verglasung den fließenden Übergang von außen nach innen herstellen - eher einem gedeckten Unterstand gleich und jedenfalls anders als der schlauchartige Anbau mit kleinen Fenstern, der ersetzt werden sollte. Eine Rückzugsmöglichkeit für Schlechtwetter - leicht, luftig und hell - ergänzt durch den Komfort einer Zentralheizung, die den Winterbetrieb möglich macht. Der Gastbetrieb, sechsmal im Jahr je drei Wochen, sollte aufrecht erhalten bleiben. Was lag näher, als die Erweiterung in Holz zu planen, vorgefertigt in der Werkstätte, mit kurzer Montagezeit. Mit dem massiven Unterbau in Sichtbeton, dessen Oberfläche gestockt wurde, arbeitete man sich an den Bestand heran. Er enthält, von überall gut zugänglich, die neuen Toiletten, einen Verkostkeller mit schönem Gewölbe, den Weinlagerkeller und einen Kühlraum. Das Rückgrat der darüber errichteten Tragkonstruktion ist eine raumprägende, 30m lange Wand an der westlichen Grundgrenze. Sie ist aus kleinformatigen Abbruchziegeln gemauert - unverputzt - und löst sich in ein verglastes Oberlichtband auf, das noch die letzte Abendsonne in den Gastraum holt. Pur und lebendig harmoniert sie in Materialität und Farbe mit der Tragkonstruktion in schichtverleimtem Lärchenholz, den Rippenelementen der vorgefertigten Zwischendecke und den Sandwichelementen des Daches, mit den unbehandelten Schiffböden in Lärche (die der Bauherr nachbehandeln wird) und den runden Holzstützen vor der selbsttragenden verglasten Gartenfront, die durch das weit überstehende Dach geschützt wird. Mit 14 geschoßhohen Schiebeelementen stößt sie an die Grenzen statischer und glastechnologischer Möglichkeiten und verlangte in der Planung und Errichtung äußerste Präzision.

Das Ergebnis lässt sich sehen. Es bietet bei einem Glas guten Weins mehr als Einblick in die österreichische Seele. Es gibt den Blick frei: auf Grün, auf Weinberge, auf das Rot des Abendhimmels, aber auch auf eine rosige Zukunft für Gastlichkeit - in Holz, ganz ohne falsche Zier.

Architekten
Reinhard Haslwanter und Peter Fellner

Bauherrn

Christa und Wolfgang Lackner
Standort
Klein-Engersdorf, Gemeinde Bisamberg, NÖ
Fertigstellung
2000
Ausführung Holzbau
Zimmerei Fahrenberger & Harreither

Reinhard Haslwanter
1953 geboren in Innsbruck.
1975 - 83 Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, Meisterklasse Roland Rainer und Meisterklasse Timo Penttilä.
1979 - 80 Auslandsaufenthalt in Rio de Janeiro.
Seit 1984 eigenes Büro in Wien.
1992 - 95 Partnerschaft mit Ernst Linsberger.
Seit 1998 Bürogemeinschaft HOME mit Peter Schurz, DYN-A 15. Thomas Reichel und COPART. Edwin Pfeifhofer. 2001 Niederösterreichischer Holzbaupreis für den Heurigen Lackner.

Weitere Bauten
1984 Umbau Bar und Restaurant Europa in Wien
1988 mulifunktionaler Ausstellungsraum der Generali Foundation in Wien
1989 - 91 EF Steiner in Manhartsbrunn, NÖ
1993 - 95 Wohnhausanlage Bergengasse in Wien (mit Ernst Linsberger)
1996 Bar Pontoni in Wien (mit Ernst Linsberger

Peter Fellner
1951 geboren in Wien. Studium der Architektur an der TU Wien.
1983 Beginn der freiberuflichen Tätigkeit im Bereich Innenraumgestaltung, Möbeldesign und Umbau.

Weitere Bauten von Peter Fellner (alle in Wien)
1984 Haus Kiesewettergasse
1987 Cafe Restaurant Freihaus Cafe Amacord
1994 Adaptierung Galerie Plank
2001 Umbau eines ehemaligen Winzerhauses

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz