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Erschöpfungszustände eines Abtrünnigen

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 6: vor fertig los!
Juli - September 2002, Seite 27

Noch spüre ich in meiner Brust leisen Groll, wenn ich an meine Erfahrungen aus naher Vergangenheit mit dem Zusammenbau eines Schreibtisches und Kästchens für meine Tochter denke, Möbel, deren Herkunft, wie ich den Beipackzetteln entnehmen konnte, transsylvanischen Forsten und den Bohrungen einer im nämlichen Lande angesiedelten Fabrik zu verdanken waren. Ob noch ein einziges Ikea-Produkt aus Schweden kommt, ist fraglich. Zu beobachten ist jedenfalls, dass Ikea wie alle multinationalen Konzerne mit seiner Produktion immer weiter ostwärts in Billiglohnländer zieht, allerdings, wie der Konzernchef beteuert, mit strengen selbstauferlegten ethischen Grundsätzen.

Mein naives Urvertrauen in die Ikea-Welt und in die prinzipielle Zusammenstellbarkeit von losen Möbelteilen wurde jedenfalls aufs Empfindlichste getroffen. Man versteht ja die Sinnhaftigkeit der Gesetze der Möbelverbindungen erst dann so recht, wenn Zapfen und Bohrung in einem derart nachhaltigen Missverhältnis zueinander stehen, dass sie eher zur Konstruktion eines unregelmäßigen Polyeders, denn eines Kästchens einladen. Nur durch die intensive Nachbehandlung in der Werkstatt eines Freundes konnte aus den verstreuten Holzteilen doch noch eine Annäherung an die erwünschte Gesamtform erreicht werden. Ich hätte natürlich auch andere Optionen wahrnehmen können.

Ich hätte das bereits zusammengebaute Material in stundenlanger Arbeit wieder zerlegen und gemeinsam mit dem nicht zusammenbaubaren Material in die Originalverpackung quetschen und zu Ikea bringen können. Dort hätte ich es gegen eine neue Riesenschachtel ausgetauscht und mich wieder auf die Heimreise begeben. Voller Spannung hätte ich dann den nächsten Versuch gestartet, wie weit der Möbelbau denn diesmal gedeihen würde. Aber leider hege ich auch gegen diese Ausfahrten zu Ikea leichte Ressentiments. Abgesehen von der Verwunderung, die mich an Werktagen befällt, wenn ich schon vormittags die Kohorten der zu Ikea pilgernden Autos bemerke, und die in wachsenden Schrecken beim Gedanken an die Parkplatzsuche übergeht, bin ich auch ein erklärter Gegner der Ikea-Politik der Geschäftsbegehung. Diese dürfte nämlich unter den Prämissen der kilometerlangen Zwangswanderung durch die Produktpalette stehen und von findigen Werbepsychologen erdacht worden sein.

Das als »beliebtes Ausprobieren der Möbel« interpretierte Herumlungern einzelner Personen auf den Betten dürfte eher auf Erschöpfungszuständen, denn auf Produktneugier beruhen. Den Psychologen kann man aber auch die Verdienste um den Animismus der Möbel nicht absprechen, dem gemäß kein Möbel ungetauft bleiben darf. Ob dieser baptistische Brauch schon in der protestantischen Tradition der Schweden angesiedelt ist?

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.

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