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Wenn Möbel schweben lernen

Charlotte Blauensteiner
Erschienen in
Zuschnitt 7: Leicht und Schwer
September - Dezember 2002, Seite 26ff.

Es kann schwimmen und es kann fliegen, es kann stützen und lasten, Helligkeit in einen Raum bringen und Düsternis: Holz. Es ist gerade die Ambivalenz dieses – notabene erneuerbaren – Naturmaterials, die es so begehrt und beliebt macht – und zu einer Herausforderung wird für alle, die es formen und gestalten wollen. Dem Gewicht kommt unter diesem Aspekt eine besondere Bedeutung zu und naturgemäß sind es Möbel, bei denen das zutrifft. Jene Gegenstände also, die schon in ihrer Bezeichnung die Beweglichkeit führen – und Beweglichkeit wird zunächst einmal mit geringem Gewicht in Verbindung gebracht. Ob Gegenstände aus Holz schwer oder leicht sind, hängt nun allerdings nicht nur mit dem spezifischen Gewicht dieser oder jener Holzart zusammen.

Es kommt genau so sehr darauf an, wie das Material verarbeitet wird – auf die Konstruktion, auf das Design. Aber auch, wieweit die Reduktion des Gewichtes als Vorzug angesehen wird, hängt vom sozialen Umfeld, von der Tradition und der Lebensweise der Menschen ab. Der Wunsch, leichte Möbel zu besitzen und also auch zu erzeugen, kam – abgesehen von Spezialtypen – eigentlich erstmals mit dem Biedermeier auf, als die Räume kleiner wurden und der Bürger beginnen konnte, sich das ihm entsprechende Ambiente zu schaffen. So richtig begann die Eigenschaft »leicht« aber erst um die Wende zum vergangenen Jahrhundert eine wirklich entscheidende Rolle zu spielen: die Beweglichkeit der Menschen nahm zu, sie wechselten viel öfter ihren Wohnsitz, ihr Mobilar musste mitziehen und man hatte seine Möbel auch nicht mehr ein Leben lang. Mit neuen Arbeitsbereichen entstanden völlig neue Möbeltypen, etwa Büromöbel. Für neue Hilfsmittel, von der Schreibmaschine bis zum Computer, musste Unterbringung und Benützbarkeit gewährleistet werden. So entstanden ganze Möbelsysteme oder Mehrzweckmöbel. Raum war rar und teuer, also brauchte man leichtes Mobilar. Die Stühle etwa sollte man leicht umstellen können, sie durften nicht im Weg stehen und am besten war es, wenn man sie auch stapeln konnte: Stapeln – hier war das geringe Gewicht eine Notwendigkeit für die leichtere Handhabung und gestalterisches Element zugleich (Ein Beispiel aus jüngster Zeit: der Stapelsessel »Forum«, Design arge 2; Hersteller: Hussl, Umberg).

Neben den technischen Aspekten gibt es aber auch einen psychologischen: Ob ein Raum luftig oder »angeräumt« wirkt, ob man darin genug »Platz« hat, das hängt nicht nur vom tatsächlichen Flächenbedarf der Einrichtung ab, sondern auch davon, wie er erlebt wird. Denn: was leicht aussieht, ist oft gar nicht so leicht. Eine Täuschung, eine Illusion? Nicht unbedingt. Heute haben wir dafür die Bezeichnung »Anmutung«. Um das zu erreichen, ist Holz hervorragend geeignet. Verarbeitung, Oberflächengestaltung, Farbe – all dies kann den Eindruck von Leichtigkeit vermitteln. Und selbst der Trick, schwerere Gegenstände auf Rollen zu setzen, um sie damit beweglicher zu machen – vom Konzertflügel bis zum Servierwagen – spielt hier mit . Und schließlich gibt es noch eine Dimension der Leichtigkeit, die überhaupt vom Materiellen wegführt und doch mit dem Material verknüpft ist. Es ist die Aussage, die sich mit der Gestaltung verbindet: Ein Thron ist der Sitz des Herrschers, er muss gewichtig sein und soll fest und unverrückbar stehen. Hier ist Holz in seiner Schwere verlangt, da kann es auch dunkel sein und den Raum füllen. Der Knecht hingegen hat wenig Zeit zum Sitzen, er braucht nur einen Schemel. Eine Truhe wird schwer durch die Dinge, die sie aufnimmt Sie behütet den Besitz, so wie die schweren Repräsentationsmöbel noch im Historismus die Selbsteinschätzung der Oberschicht betonten. Holz und seine spezielle Verarbeitung, leicht oder schwer, werden hier zum Träger einer Symbolik und erhalten damit sogar eine gesellschaftliche Funktion. Und das ist letzten Endes auch heute noch so, von der funktionellen Sachlichkeit bis zum postmodernen Möbelspaß.  


Schwerelose Trennung

Der Lichtparavant, entworfen von Hugo Dworzak, ist eine echte Neuheit. Holz wird transluzent gemacht. Eine leichte tragende Fichtenholzkonstruktion erhält gewissermaßen eine Haut, indem eine Plexiglasplatte furniert und mittels dahinter montierten Leuchtstoffröhren beleuchtet wird. Man kann dieses Möbelstück falten und wegstellen, man kann ohne Behinderung darüberschauen und man kann sich auch dahinter zurückziehen. Tagsüber ein angenehm natürlich wirkender Raumtrenner, umschließt der Paravant bei Dunkelheit, wenn durch das Licht die Maserung des Holzes durchscheint, einen Ort der Wärme und Geborgenheit. Ein Möbel, das seine Körperhaftigkeit zurückgelassen hat und schwerelos zu schweben scheint. Auch das kann Holz.  

Der superleichte Klassiker

Die Quintessenz, die Idee eines leichten Möbels überhaupt, ist der »Superleggera« von Gio Ponti (Italienischer Architekt und Designer, 1891 – 1979, Architekt des »Pirelli Tower« in Mailand). Er wiegt 1,7kg und ist äußerst stabil. Vom vierten Stock auf die Straße geworfen, kam er unten heil an und federte wie ein Ball. Und er hat Möbelgeschichte gemacht. Das Plakat, auf dem ein Kind diesen Stuhl mit einem Finger hebt, ist zur Ikone geworden. Das war damals (1955 erster Entwurf, verbessert 1957) ein Signal, ein Stilelement und zugleich Ausdruck der allgemeinen Dynamik dieser Epoche. Die Form geht auf den anonymen Chiavari – Stuhl aus dem 18. Jahrhundert zurück, der auch »Leggera« genannt wurde. Ponti machte ihn noch leichter (Dreiecksgrundriss der Beine) und hat daraus ein elegantes, man möchte fast sagen, ein charmantes Sitzmöbel für alle Zeiten entwickelt.  

»Loss mi aunglant«

Das Regal »Chaos« von Georg Doblhammer provoziert durch Widerspruch. Das beginnt schon beim Namen, der dem Bedürfnis nach Ordnung zuwiderläuft. Die Art, wie es an die Wand gelehnt ist, scheint sich über die Zweckbestimmung – nämlich womöglich Bücher aufzunehmen – lustig zu machen. Ein souveränes Spiel von Zug- und Druckkräften – die durchgehende Metallstange setzt die Steherelemente unter Druck – spannt die horizontalen Flächen wie in einem Schraubstock und macht sie ungemein tragfähig. Ein »schräges« Möbel in jeder Beziehung, das ganz leicht aussieht und sich selbst in ironischer Sprache erklärt.  

Schwungvoll entwickelt – der Czech 1500

Michael Thonet hatte mit der Erfindung des Bugholzverfahrens und der auf das absolut Notwendige reduzierten Form eine technisch wie ästhetisch gleich überzeugende Produktion angebahnt. Der Stuhl Nr.14 von Thonet wurde weltberühmt als ein Musterbeispiel frühindustrieller Produktion. Ideal in Montage und Transportfähigkeit, ist er leicht an Gewicht und sieht auch so aus. Er wurde und wird in Millionenauflage erzeugt und ist nun schon mehr als hundert Jahre lang d e r Kaffeehaussessel schlechthin.
Der Stuhl »Czech 1500«, von Hermann Czech 1993 anlässlich der Einrichtung des Cafés im MAK entworfen, ist eine Neuinterpretation ( Zitat Kapfinger) eines Thonet Möbels. Gewiss keine einfache Sache, denn so wenig der Entwerfer an eine Nachahmung dachte, so sehr kam es ihm darauf an, den Geist der Thonet Möbel zu bewahren – zugleich aber zu verfeinern. Entstanden ist ein Stuhl mit mehr Sitzkomfort, bequemer als die Thonet-Stühle sonst sind. Neu ist die urbane Raffinesse. Geblieben ist die unverkennbare Linie von Thonet – leichtfüßig und schwungvoll.

bis 6. Oktober 2002
Gio Ponti Exhibition
Designmuseum London
28 Shad Thames
London SE1 2YD
T +44 (0)20/079408790
www.designmuseum.org

Foto: Adolf Bereuter

Paravant 98x158,5cm pro Element. Mindestens zwei Flügel sind zur Erhaltung der Standfestigkeit notwendig.
Hersteller: Mätzler GmbH

Franz Mätzler GmbH 
Kalchern 611
A-6866 Andelsbuch 

Gestell: Esche natur, 
schwarz oder weiß lackiert, Höhe 83 cm.
Sitz: Spanisches Rohr, 41x47cm, Höhe 45cm.
Hersteller: Cassina

Cassina S.p.A.
Via L. Busnelli
I-20036 Meda (MI)
T +39 (0)362/3721
legal.affairs@cassina.it 
www.cassina.it 

Regal in 5 Größen, Breiten 70, 140, 210cm, Höhen 127 u. 210cm
Hersteller: GEA

GEA Möbelwerkstätten GmbH
Davidgasse 79
A-1100 Wien 
T +43 (0)1/6031700
F +43 (0)1/6031700-18
gea@gea.at 
www.gea.at 

Massives Buchenholz über Dampf gebogen, Farbe schwarz, im MAK weiß. Gepolstert oder ungepolstert. Höhe 86cm.

Sitz: Sitzrahmen mit selbst erfundener Sitzrahmenmaschine aus einer Buchenteilschwinge gebogen; 56x51cm, Höhe 45cm.
Hersteller: Thonet

Gebrüder Thonet
Vienna GmbH&KG
Berggasse 31
A-1092 Wien
T +43 (0)1/3102002
F +43 (0)1/3102002-11
infodesk@thonet-vienna.at
www.thonet-vienna.at

Text

Charlotte Blauensteiner
  • geboren und verstorben in Wien
  • Studium der Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Wien
  • langjährige Geschäftsführerin des Österreichischen Institutes für Formgebung
  • Freie Journalistin und Vortragende

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