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Brandwiderstand als Kriterium für die Materialwahl

Veranstaltungszentrum Höss-Halle Hinterstoder

Romana Ring
Erschienen in
Zuschnitt 14: Holz brennt sicher
Juni - August 2004
Fotos: Josef Pausch

Brandwiderstand als Kriterium für die Materialwahl Veranstaltungszentrum Höss-Halle, Hinterstoder

Die Höss-Halle in Hinterstoder vermittelt ihr Konzept zu einem guten Teil bereits über die Wahl des Baustoffes Holz. Korrespondierend mit Interessenslage und Vorbildung der Betrachter überbringt das sowohl konstruktiv als auch umhüllend eingesetzte Material eine Vielzahl an Botschaften. Selbst dem flüchtigen Blick der TouristInnen oder jenem der GemeindebürgerInnen (für die das alljährliche Anschwellen ihres Heimatortes um eben jene TouristInnen auf ein Vielfaches der ursprünglichen Dichte ein ebenso vertrautes wie seltsames Phänomen sein mag) entgeht nicht, dass es sich hier um etwas »Heimisches« handelt.  

Auch die ökologisch positiven Aspekte, wie die mit der Baustoffwahl einhergehende Verringerung der insgesamt für die Errichtung des Gebäudes aufzuwendenden Energie, seine Funktion als CO2-Speicher oder die Tatsache, dass es sich bei Holz um einen nachwachsenden Rohstoff handelt, sind auch dem interessierten Laien bereits geläufig. Dass durch die Entscheidung für einen konstruktiven Holzbau – das ursprüngliche statische Konzept hatte noch einen erheblichen Anteil an Stahlbauteilen vorgesehen – auch die Baukosten wesentlich gesenkt und die Bauzeit dank des hohen Vorfertigungsgrades und der vereinfachten Montage vor Ort auf nur 32 Wochen gesenkt werden konnte, ist logisch leicht nachvollziehbar. 

Ein Kriterium für die Wahl des Konstruktionsmaterials Holz könnte allerdings überraschend wirken: der seitens der Behörde geforderte Brandwiderstand der tragenden Teile von F30 war mit Holz anstelle des Stahls ganz problemlos zu erzielen. Dies, obwohl dem Holz als unleugbar brennbarem Material ein gewisser Nimbus anhaftet, der bis vor kurzem noch seinen Niederschlag beispielsweise in den Bauordnungen gefunden hat. Doch das Aufgehen ganzer – aus Holz gebauter – Städte in Flammen gehört einer weit zurückliegenden Vergangenheit an und Bauweise sowie damit einhergehend auch Bauordnungen sind mittlerweile so weit modernisiert, dass sie mehrgeschossigen konstruktiven Holzbauten nicht mehr entgegen stehen. Tatsächlich ist ein Holzbau im Vergleich zu einem aus unbrennbarem Material errichteten Gebäude für die Sicherheit der Nutzer kein Nachteil. Was in den ersten dreißig Minuten brennt, ist hier wie dort die Einrichtung. Die Tragfähigkeit einer Holzkonstruktion im Brandfall über einen festgelegten Zeitraum sicher zu stellen, ist lediglich eine Frage der Bemessung des Tragwerks.

Jenes der Höss-Halle ist relativ komplex. Die Offenheit des Erdgeschosses bedingt, dass in dieser Ebene keine Wandscheiben zur Ableitung der Horizontalkräfte zur Verfügung stehen. Die vergleichsweise schmalen, von großzügigen Glasflächen flankierten Teile, wurden daher als Holzelemente ausgebildet, die in der massiven Decke des Untergeschosses eingespannt und in die geschlossenen Wandscheiben des Obergeschosses eingebunden sind. In der Ebene der Decke über dem Erdgeschoss und des Daches übernehmen horizontale OSB-Scheiben die Queraussteifung. Ein kombiniertes räumliches Tragwerk aus Brettschichtholzträgern, Stützen und an den auskragenden Brettschichtholzträgern hängenden Wandscheiben nimmt die hohen Schneelasten sowie die Nutzlasten eines Veranstaltungsgebäudes auf und ermöglicht die Auskragungen des Obergeschosses. So wurden fünf Meter hohe und bis zu siebzehn Meter lange Wandelemente vorgefertigt, um die auskragende Ostecke statisch zu ermöglichen. Ein Kabelbrand in der Heizung der Dachabläufe hat übrigens am Tag vor der Eröffnung noch zu einem Zwischenfall geführt. Ein Gemeindeangestellter fuhr jedoch kurzer Hand mit dem Bagger in den Saal und konnte den Brandherd so mit der auf die Schaufel des Fahrzeugs gestellten Leiter erreichen und löschen.

Eine wesentliche Frage im Zusammenhang des Brandschutzes ist natürlich jene nach der raschen Räumung des Gebäudes im Brandfall. Der positive Beitrag, den bereits der Entwurf der Höss-Halle hier leistet, ist das Fluchtwegkonzept und die damit verbundene Konzeption der Anlage als offene Kommunikationsplattform und als gebauter Weg in einem Umfeld, das sich bisher hauptsächlich auf die lineare Struktur der Dorfstraße beschränkt hatte. Die Höss-Halle erweitert den Raum gegenüber der Kirche zu einem Platz, der zu einem Teil von der erwähnten Auskragung des Obergeschosses beschirmt wird und das weitgehend in Glas aufgelöste Erdgeschoss der Halle einbezieht. Dies gelingt mit dem Auslegen einer breiten Brücke, die den flankierenden Geländeabfall überspannt. Das massive Untergeschoss der Halle – es birgt die Infrastruktur des Hauses, zu der auch eine großzügig angelegte Küche gehört – macht sich diese Geländekante zunutze, indem die Lagerräume direkt von der unteren Ebene beliefert werden können. Diese Ebene ist vorwiegend den Parkplätzen vorbehalten. Sie wird aber auch von älteren, dem Vereinsleben Hinterstoders gewidmeten Gebäuden gesäumt, sodass die Nutzung des unteren Platzes für Veranstaltungen denkbar ist.

Eine behindertengerechte Rampe verbindet, vor dem Eingang in das Foyer der Halle ihren Ausgang nehmend, den oberen mit dem unteren Platz. Von dort führt auch – ebenso wie die Rampe in das klare Volumen des mit Holz verkleideten Körpers eingeschnitten – eine Stiege den Besucher in den ersten Stock. Am Ende des Aufgangs, vor dem eigentlichen Eintritt in das Obergeschoss, das den Veranstaltungssaal um eine auch separat gut funktionierende Galerie erweitert, ist ein Fenster angeordnet. Der praktische Nutzen des getrennten Zugangs in das Obergeschoss, der auch die Fluchtstiege stellt, wird auf diese Weise um die nicht weniger wertvolle Komponente des gerahmten Blicks in die Landschaft bereichert. Hier wie auch im Bereich der dem Kirchenplatz zugewandten Terrasse wird der Stellenwert sichtbar gemacht, den das Zusammenspiel von Gebäude, Ort und Landschaft für eine Fremdenverkehrsgemeinde wie Hinterstoder unweigerlich hat. Die großzügige Verschränkung von Gebäude und Außenraum wiederum macht sich in einem Haus der kurzen und vor allem logisch geführten Wege durch den geringen Aufwand bezahlt, den die Sicherheit seiner Nutzer erfordert.

Riepl Riepl Architekten

Peter Riepl, Gabriele Riepl

Realisierte Bauten:
2003 Fachhochschule Eisenstadt
2003 Bundesschulzenturm Kirchdorf
2002 Hösshalle Hinterstoder
2002 Stadthalle Kirchdorf
2002 ÖBB Stellwerk Wien Süd-Ost

Umbau von Schloss Hagenberg (Peter Riepl mit Thomas Moser), Schulen in Wels und Linz, ein Mehrzwecksaal in Linz, ein Schulkomplex in Scharmühlwinkel (Peter Riepl mit Thomas Moser), die Engel Fabrik bei Steyr, die Internationale Managementakademie Bergschlössel in Linz, das Rathaus Ternberg, das O. K Centrum für Gegenwartskunst in Linz, das Kulturzentrum Bruckmühle in Pregarten, ein Geschäftshaus in Linz und ein Büro- und Sozialgebäude in Lohnsburg/Oberösterreich und die St. Franziskuskirche in Steyr.

Preise / Auszeichnungen:
1989: Kulturpreis des Landes Oberösterreich
1990,1998 und 2001: Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs

Riepl Riepl Architekten
Hofgasse 9
A-4020 Linz
T +43 (0) 732/78 23 00
F +43 (0) 732/78 23 00-19
arch@rieplriepl.com
http://www.rieplriepl.com



Fluchtwege als Brandschutzkonzept

Text

Romana Ring
freischaffende Architektin, Architekturkritikerin für Die Presse und andere Medien

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