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Die Kunst der Fuge

Zum Klangforum Wien

Gabriele Reiterer
Erschienen in
Zuschnitt 15: Lauf Meter
September 2004

Es war Immanuel Kant, der die Wirkung der Musik mit jener des Lachens verglich. Sie bringe ebenfalls die „Lebenskräfte im Körper hervor“, man fühle die „Schwingung der Organe, welche die Herstellung ihres Gleichgewichts befördert“. „Nicht die Beurteilung der Harmonie in Tönen, sondern das beförderte Lebensgeschäft im Körper, der Affekt, der die Eingeweide und das Zwerchfell bewegt, machen das Vergnügen aus“, meinte der Königsberger Philosoph in seiner „Kritik der Urteilskraft“.

Das Hören ist einer unserer eigenwilligsten Sinne. Entwickelt hat sich das Hören beim Menschen eher langsam, es ist sozusagen ein Spätentwickler im Vergleich zum Seh-, Tast-, Geschmacks- und Geruchsinn. Immer wieder wurde der Gehörsinn durch evolutionäre Entwicklungen modifiziert und wie jeder unserer Sinne ist er auf sehr komplexe Strukturen unseres Körpers angewiesen.

Wenn Geräusche in unsere Ohren dringen, geschieht naturwissenschaftlichmechanistisch betrachtet folgendes: Eine Schallquelle sendet Energieimpulse an Moleküle – genau genommen Luftmoleküle –, die sie an unser Trommelfell weiterleiten. Die Ohrmuscheln verstärken bestimmte Frequenzen. Sobald der Ton am Ende des Gehörkanals auf das Trommelfell trifft, werden die Druckwellen in mechanische Bewegungen übertragen und laufen über das Mittelohr zu den Gehörknöchelchen. In welcher Qualität die jeweiligen Schallquellen ihr Ziel erreichen, ist eine Frage der Akustik. Sie ist ein Thema, das sehr weit zurückverfolgt werden kann. Die Akustik gehört zu den ältesten Zweigen der Physik und entwickelte sich vermutlich aus musikalischen Untersuchungen, die Pythagoras vor über 2500 Jahren betrieb. Sobald Menschen zusammenkamen, um Musik, Theater oder Vorträge zu hören, musste räumlich die Akustik bedacht sein. Vitruv berichtet von großen Vasen, die innerhalb der Sitzreihen der Amphitheater aufgestellt wurden, um bestimmte Klänge zu verstärken. Die Masken der Schauspieler hatten in diesem Zusammenhang eine sehr bedeutende Funktion. Sie dienten als eine Art Megaphon und sorgten für eine effektive Anpassung der Stimme an den umgebenden Raum. Die Maske verstärkte zwar nicht die Stimme, erhöhte aber die Schallabstrahlung. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Akustik zu einer wissenschaftlichen Disziplin avanciert. Damals wurde vor allem der Versuch unternommen, die Erforschung der Sinneswahrnehmungen auf eine empirische Basis zu stellen. Eine neue Körperkonzeption bestimmte diese Absicht. Es war jene Zeit, in der die Naturwissenschaft mit dem Anspruch der Messbarkeit das Phänomen der Wahrnehmung untersuchen und wissenschaftlich begründen wollte. Die Folge war eine intensive Auseinandersetzung mit sinnesphysiologischen Themen. Auch die Architektur zeigte sich von diesem Paradigmenwechsel beeinflusst.

Die Raumakustik ist ein wesentliches Moment der Raumerfahrung und damit der Architektur, oder sollte es zumindest sein. Trotzdem ist die bewusste Auseinandersetzung mit der Dimension der Raumakustik ein stark vernachlässigtes Thema. Das Erzeugen guter Raumakustik hat mit Planung und sehr viel mit Intuition zu tun. Es gibt wunderbare Beispiele gebauter Räume für Musik, die technisch nicht unbedingt bis ins letzte Detail begründbar sind. Die magische Welt der Klänge braucht ein sensibles elastisches Gefäß für die Töne, das einmal sich öffnen, dehnen und dann gleichzeitig ein fein austarierter Träger der Schwingungen sein soll.

Diehlgasse, fünfter Wiener Gemeindebezirk
Hier ist die Stadt rau und brüchig. Es ist keine schöne, im ästhetischen Sinne ansprechende Gegend. Und doch ist es ein ungemein reizvoller Teil der Stadt, der in seiner Heterogenität Charme besitzt.

Hier hat ein Bau aus den sechziger Jahren eine weitgehende Entkernung, Umgestaltung und außergewöhnliche Neunutzung erfahren. Die Architekten lichtblau.wagner haben ein Projekt umgesetzt, in dem der Aspekt der Sinne im Vordergrund steht. Ein unspektakulärer, aber bei näherem Blick sehr solide geplanter Gewerbebau diente ursprünglich als Verwaltungs und Produktionsstätte einer Stahlfirma, die hier eine Verzinkerei betrieb. Danach wurden in den Räumlichkeiten Nähmaschinen repariert. Das viergeschossige Haus verfügt über eine geräumige Halle mit Oberlicht, die, hofseitig gelegen, als ehemaliger Produktionsraum diente. Genau dieser Raum sollte zum zentralen Ort der künftigen Nutzer werden und sich zu einem Zentrum der Musik entwickeln. Das Klangforum Wien, ein in den 1980er Jahren gegründetes Orchester mit Schwerpunkt auf Stücken der Moderne, war von der alten Halle auf Anhieb begeistert. Dieser Eindruck führte schließlich zur Entscheidung, einen Großteil des Hauses sowohl als Verwaltungszentrale also auch als Produktionsstätte zu nutzen. Die „Produkte“, die in diesen Räumen erzeugt werden, sind im Unterschied zu den Vornutzern rein immaterieller Natur: Es sind Töne und Klänge. Deshalb war beim Umbau des Hauses die Halle der sensibelste Planungsteil. Die ehemalige Werkstätte sollte zum idealen Probe und Aufnahmeraum für das Klangforum umgewandelt werden und eine optimale Akustik erhalten.

lichtblau.wagner haben mit der Halle aus verschiedenen Gründen eine schwierige Situation vorgefunden. Das tonnenförmige Gewölbe mit Oberlichten besitzt zwar eine hohe ästhetische Qualität und gute Lichtverhältnisse, erwies sich jedoch im Sinne der Raumakustik als mittleres Desaster. Gute akustische Ergebnisse haben vor allem mit Oberflächen und Strukturen zu tun, d.h. ein Gewölbe muss in jedem Falle „gebrochen“ werden. Deshalb wurde die Hallenkonstruktion unsichtbar verändert. Die Bogenträger wurden seitlich verstärkt, die Oberlichten mit neuen Schallschutzfenstern versehen.

Der neue Fußboden ist auf den ersten Blick eher unauffällig. Nichts lässt auf seine wichtige und besondere Funktion schließen. Mit nackten Füßen eröffnet sich ein subtiles sinnliches Erlebnis. Weich, sanft, wie ein schmeichelnder und doch elastischer Untergrund schwingt, kaum merkbar, der gesamte Boden. Über die Fußsohlen läuft eine vibrierende, feine Spannung durch den gesamten Körper. Der Boden ist aus weichem Fichtenholz. Ideal wäre eigentlich Tanne – Rigatanne – gewesen, meint Andreas Lichtblau. Aus diesem Holz werden Geigen gebaut. Es ist die Dichte und Regelmäßigkeit des Holzes, auf die es ankommt. Unter dem neuen Boden befindet sich der alte Asphaltbelag. Über die Wärmedämmung, Fußbodenheizung und das Luftvolumen wurde der Holzschwingboden als einfacher Schiffboden verlegt. Das Luftvolumen in Kombination mit dem Material Holz fungiert als Klangkörper. Die eigentliche Kunst liegt aber in der Fuge. Eine breite umlaufende Fuge hält an allen vier Seiten einen Abstand des Bodens zur Mauer. Diese bedämpften Randbereiche absorbieren die Tiefentöne. Das Holz ist geölt, gewachst und dadurch idealerweise offenporig.

Die Akustik ist ein wiederkehrendes Thema von lichtblau.wagner. Bereits im Sonntagsmessraum des Pfarrzentrums Podersdorf (1999 – 2002), das ebenso wie die Räume für das Klangforum Wien in Zusammenarbeit mit Akustikern entstand, wurden Grenzen ausgelotet. In Podersdorf verabschiedeten sich die Spezialisten bereits in der Planungsphase, weil sie an das Ergebnis nicht glauben konnten. Die Kirche wurde ein voller Erfolg. Obwohl einige Mitglieder der Gemeinde ästhetische Vorbehalte bezüglich des Erscheinungsbildes äußerten, gibt es in einem Punkt vollkommene Einigkeit. Es ist die unvergleichliche Akustik des Raumes. Auf subtile Weise verstärkt sie den Gemeinschaftssinn und lässt mit dem gemeinsamen Gesang ein verbindendes Moment entstehen.

In der Diehlgasse ermöglichte nicht zuletzt die persönliche Beziehung von lichtblau.wagner zum Bauherrn und Besitzer das feine und in vieler Hinsicht sehr bereichernde Nutzungskonzept. Übrigens – im Erdgeschoss wird ein Lokal eröffnen und diesen Teil der Stadt, diesen urbanen Mikrokosmos, um eine weitere sinnliche Nuance verfeinern.

 

lichtblau.wagner
Andreas Lichtblau und Susanna Wagner
Diehlgasse 50/1718
A1050 Wien
T +43 (0)1/545 18 540
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www.lichtblauwagner.com