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Eine Schule des Geruchs

Volksschule in Doren

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 15: Lauf Meter
September 2004

In eine traditionelle Dorfstruktur – neben Kirche, Pfarrhof und Gemeindeamt – planen die Architekten cukrowicz .nachbaur einen fünfgeschossigen Kubus aus Sichtbeton und Holz. Ein vielschichtiges Raumkonzept bringt unter Ausnutzung der steilen Hanglage eine vierklassige Volksschule mit Turnhalle und Kindergarten unter ein (flaches) Dach. Für die Gemeinde Doren im Bregenzerwald entsteht eine neu definierte Mitte, die unter Respektierung des historischen Bestands vom neuen Selbstbewusstsein ihrer Schule zeugt.

Kurz vor den Ferien besuche ich die neue Volksschule, wo das erste Schuljahr dem Ende zugeht. Ich suche nach dem Direktor und Lehrer Bernd Dragosits, er unterrichtet in der vierten Klasse im 3. Stock. Im vorgelagerten Gang stoße ich auf zwei Schüler, sie liegen mit Heften und Büchern am Boden, die Tür zur Klasse ist offen, die »coolen Schulbänke« sind leer, die Kinder hocken samt Lehrer – auf dem Boden. Ich setze mich dazu und wir reden über die neue und die alte Schule, was von den Kindern erinnert und erlebt wird. Mit dem Hintergedanken: die Räume als ein die Sinne stimulierendes Lebensmedium zu betrachten, der herrschenden Indifferenz gegenüber dem Geruchssinn in der Architektur nachzuspüren – aus einer Perspektive von unten.

Architektur wird primär visuell wahrgenommen, der Geruchssinn rangiert hier wie in anderen Lebensbereichen an untergeordneter, wenn nicht an letzter Stelle. Die Architekturzeitschriften sind voll mit Bildern – Bildern von Gebäuden und Bildern von leeren Räumen. Die tagtäglich gemachten Erfahrungen der an diesen Orten lebenden Menschen, das Durchqueren der Räume, der Nachklang ihrer Stimmen, die Berührung von Oberflächen mit Händen und Füßen, das über Wände und Böden einfließende olfaktorische Wohlbehagen oder Unbehagen – all dies ist in der visuellen Darstellung gelöscht. Und was wir nicht sehen, das kennen wir mit der Zeit nicht mehr. Daraus resultiert ein neuer Drang nach Nähe, nach Berühren, Schmecken, Riechen als Äußerung eines existenziellen Reflexes auf die Verausgabung aller Lebensbereiche an das Sehen.

Die SchülerInnen erzählen von der abgerissenen alten Schule, wo schon die Großmutter lernte. Dort habe es hart und streng gerochen, »müchtelig«. Die Eingangstüre war grün, es gab Katzen, Wespennester, Mäuse und Igel, ein Foto vom Bundespräsidenten, es war sehr heiß, eng und laut. Um am Boden zu sitzen, brauchten sie dort Kissen, da der Boden kalt war. Die neue Schule ist schön, gut, holzig, warm, hat keine Farben, coole Bänke, viel Platz. Tintenflecken sind zu vermeiden, aber keine Katastrophe. Im Eingang riecht es irgendwie nach Benzin, im Klo stinkt es, heroben in den Klassen riecht es ganz anders, eigentlich gar nicht, eben gut, sehr gut riecht es im Werkraum, wenn mit Holz gearbeitet wird.

Die präzise Bezeichnung von Gerüchen, das Beschreiben von lebendigen Merkmalen von Räumen fällt nicht nur den Kindern schwer. Geruch wird in der Regel extrem erfahren, abstoßend oder wohlriechend angenehm. Bewertet werden primär die auffälligen Gerüche, mit geruchlos meint man auch, dass es nicht schlecht riecht. Die Sprache ist im Vergleich zur Vielfalt der geruchlich wahrgenommenen Welt sehr arm. Gearbeitet wird mit Analogien, hergeleitet von Empfindungen und Erinnerungen, die der Geruchsreiz hervorruft. Die Beschreibungen der Kinder bestätigen diese Theorie. Sie nehmen in ihrer Schule unterschiedliche Geruchswelten wahr, können sie aber schwer beschreiben. Herauszuhören ist der auffallende, andere Geruch im Eingangsbereich, wo ein versiegelter, chemisch behandelter Betonestrich eine benzinartige, antiseptische, mit öffentlichen Räumen gleichgesetzte Kälte verbreitet. Alle Böden und Wände in den Klassen und Korridoren sind aus unbehandelter Weißtanne und riechen angenehm, diese Räume werden als freundliche Orte wahrgenommen. Ich erlebe sie in einer wohltuenden Frische, es herrscht eine gute Luft. Der Direktor beobachtet die gesteigerte Konzentrationsfähigkeit von Lehrern und Kindern.

Gerüch(t)e um das Holz

Wenn es um das Beschreiben von Holzgerüchen geht, haben auch Tischler und Zimmerer Mühe. Sie alle erkennen ihre frischen Hölzer blind, nämlich am Geruch, sind aber kaum in der Lage, diesen präzise zu beschreiben. Auch die einschlägigen Holzlexika geben nur in auffallenden Beispielen – den würzigen Bauund Edelhölzern aus südlicheren Breitenlagen – Hinweise. Ein Grundwortschatz oder ein Geruchskatalog von Hölzern mit einem eigenen Vokabular, wie er für Wein in den »Degustations de vin« vorliegt, ist mir nicht bekannt. Als es noch nicht für alle Holzarten einen eigenen Namen gab, war die genauere Beschreibung von ästhetischen Eigenschaften verbreitete Praxis. Dieses schriftlich kaum festgehaltene Wissen über Hölzer zu dokumentieren, könnte nicht nur die Heranbildung eines olfaktorischen Bewusstseins fördern, sondern auch die Lust an der Beschreibung der subjektiven Wahrnehmungen.

Am Beispiel Doren sei der Weg einer Weißtanne (abies alba) vom Waldboden bis zum Schulboden nachgezeichnet. Die Weißtanne wächst bevorzugt auf den Flysch und Molasseböden des Bregenzerwaldes, wo sie als Tiefwurzler stabilisierend auf den Nährboden des Waldes wirkt. Standort und Bodenbeschaffenheit, Schlägerung und Lagerung beeinflussen die Qualität eines Holzes stark. Nicht nur das Farb und Strukturbild, auch der Geruch eines Stammes gilt als Indikator für das Wuchsgebiet. Die Weißtanne vom Pfänderstock (Molasse) sei dezidiert von gutem, gesundem Geruch. Eine in frischem Zustand säuerlich bis stechend riechende Tanne, im Suchen nach Vergleichen wird auch Katzenurin genannt, lasse auf schlechte Standorte schließen. Die ganz feinen Nasen können demnach – ähnlich dem wahren Weinkenner – aus dem Geruch des frischen Holzes auch auf dessen Herkunft schließen. In trockenem Zustand verflüchtigen sich die Gerüche des nassen Holzes. Im Vergleich mit den Tannendüften, die in Form ätherischer Öle (gewonnen aus Nadeln und Zapfen) einem Raum zugeführt werden, ist die Geruchsqualität in den Schulräumen von Doren nicht inszeniert, die geschaffene Atmosphäre von »normaler«, unaufdringlicher Natur. Mitgetragen wird diese Ausstrahlung von der seidenen, völlig glatten Oberfläche des sägerauen Bodens. Für die in Nut und Kamm verlegten Riemen wurde die beste Sortierung verwendet, ausschließlich Bretter in der Einschnittart Rift und Halbrift. Die Riftbretter haben gerade oder stehende Jahresringe (90 Grad), bei den Halbriftbrettern darf die Neigung der Jahresringe 45 Grad nicht überschreiten. Wie mir der Zimmerer Artur Österle erklärt, sind diese mit der feinen Bandsäge gesägten Bretter strapazierfähiger und stellen keine Sprießen auf. Das Barfußgehen ist auf dem graubläulich schimmernden Boden eine Wohltat, Verletzungen sind ausgeschlossen.

Einem aufwändigen Verarbeitungsprozess, wo in mehreren Arbeitsgängen das Holz durch Trocknen immer wieder ruhig gestellt wird, verdankt der Fußboden seine stabile Form ohne Fugen und Spalten. Zur Pflege der Holzböden sagt der Schuldiener und Landwirt Johann Gieselbrecht: »Etwas Praktischeres gibt es nicht. Einmal in der Woche saugen, zweimal im Jahr mit Wasser reinigen. Und das Holz riecht immer wieder neu.« Davon ist mittlerweile auch der Amtsarzt beeindruckt, denn die Verwendung von unbehandeltem Holz war von den Architekten gegenüber der Behörde erst einmal durchzusetzen. Nicht zuletzt unter glaubwürdigem Beistand historischer Zeugen, denn im Bregenzerwald sind auch die Kirchen (Doren, Hittisau, Schwarzenberg) mit weißtannenen Böden ausgestattet.

Die Abkehr von rein hygienischen Vorstellungen ist ein Mittel, die Indifferenz gegenüber dem Geruchssinn in architektonischen Räumen zu überwinden, eine verbesserte Kenntnis der »olfaktorischen Praktiken« der Vergangenheit ein anderes. Gerüche vermitteln emotionale Bedeutungen von Erlebnissen und geben Hinweise auf frühere Situationen und Ereignisse. Über die Gerüche die Erinnerungen an die Schulzeit besser zu verankern, damit können die Architekten im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen.

Foto: Hanspeter Schiess
Foto: Hanspeter Schiess
Foto: Arno Gisinger

cukrowicz.nachbaur architekten
Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm
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A 6900 Bregenz
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Zimmerer
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cukrowicz.nachbaur architekten
Andreas Cukrowicz, Anton Nachbaur-Sturm

Seit 1996 gemeinsames Büro

Bauten, Projekte (Auswahl):
- 1996-98 Cubus Veranstaltungssaal Wolfurt (mit Lothar Huber), (Bauherrenpreis Vorarlberg 2001, Auszeichnung)
- 1998-99 Haus Hein, Fraxern (Vorarlberger Holzbaupreis 2001)
- 1998-2000 Feuerwehrhaus und Kulturhaus Hittisau (mit Siegfried Wäger), (Bauherrenpreis Österreich 2000)
- 2000-01 Wohnhaus Lebenshilfe Gisingen (Bauherrenpreis Österreich 2001)
- 2000-02 Zentrale Rotes Kreuz Vorarlberg, Feldkirch
- 2001-03 Volksschule, Doren
- 2002-04 Haus Nenning, Hittisau

Derzeit in Planung:
- Umbau und Erweiterung Hauptschule Wolfurt
- Hallenbad Dornbirn
- Ringerzentrum West Götzis

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