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Faszinierend fragil

Funktürme in Holz

Wolfgang Winter
Erschienen in
Zuschnitt 19: warum stabil?
September 2005

Wer an Holzbau denkt, meint zuerst meist den klassischen handwerklichen Zimmermanns-Holzbau. Nur wenigen ist bewusst, dass auch Ingenieure, die als eigene Berufsgattung ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts in Erscheinung traten, mit Holz gearbeitet haben und damit beeindruckende Bauwerke wie Eisenbahnbrücken, Bahnhöfe, Großhallen oder Flugzeuge realisieren konnten.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Holz damals als Ingenieurbaustoff eingesetzt wurde: Neben einer zeitweise technischen und wirtschaftlichen Überlegenheit des Rohstoffs wurde Holz in (Vor-)Kriegszeiten als Ersatz für Beton und Stahl, die damals Mangelware waren, herangezogen. Die erste Generation von Radiosendetürmen, die in Deutschland zwischen 1930 und 1935 erbaut wurden, war aber auch deshalb aus Holz, weil man annahm, dass Stahltürme wegen der hohen elektromagnetischen Leitfähigkeit des Materials für Sendeanlagen ungeeignet wären.

Dabei durften natürlich auch die Hauptverbindungselemente nicht aus leitenden Metallen bestehen und man verwendete Ringdübel und Bolzen aus Bronze. Die sieben 100 bis 190m hohen Türme waren ingenieurmäßig rational konzipiert. Da die damals gebräuchlichen Kunstleime auf Melaminbasis nicht ausreichend wasserresistent waren, konnte man das seit 1900 verwendete Brettschichtholz nicht einsetzen. Man konstruierte also mit Kantholzdimensionen, die man bündelte, um höhere Kräfte abtragen zu können. Die mehrfach geführten Tragquerschnitte waren mit Zwischenhölzern ausgesteift, welche mit beidseitig eingelassenen Tellerdübeln verbunden wurden. Die heute noch verwendeten Ansätze zur Berechnung der Knicksteifigkeit von nachgiebig verbundenen Druckstäben in Gitterform bzw. mit Zwischenhölzern und die Festlegungen zur Tragfähigkeit und zu Randabständen einer Vielzahl von leistungsfähigen Dübeln, zeugen von der ingenieurmäßigen Auseinandersetzung mit der hoch beanspruchten Fachwerkbauweise, welche bei Türmen und weitgespannten Hallen eingesetzt wurde.

Als Material verwendete man einheimische Hölzer wie Fichte und Lärche, aber auch ausländische Hölzer mit höherer Resistenz gegen Pilze, wie die nordamerikanische Pitchpine.

Entsprechend der raschen Weiterentwicklung der Sendetechnik wurden die Türme öfter umgebaut, was wegen der Verbindungstechnik mit lösbaren Schraubenbolzen gut möglich war. So errichtete man z.B. in München-Ismaning 1932 zwei 115m hohe Türme im Abstand von 300m. Das Sendekabel war zwischen die Türme gespannt. 1934 wurden sie zu einem 156m hohen Einzelturm mit mehreren Zwischenplattformen und einem vertikal gespannten Sendekabel vereint, der mit weiteren Veränderungen bis 1977 in Betrieb war, bevor er 1983 abgerissen wurde. Abbau und Materialentsorgung waren einfach, einige kleine Sprengladungen genügten und die Holzteile fanden guten Absatz als Souvenirs und Brennmaterial.

Heute steht nur noch ein Zeuge dieser technischen Meisterleistungen: Der 110m hohe Funkturm in Gleiwitz, im heutigen Polen, wurde 1935 erbaut. Am 31.8.1939 wurde er im Auftrag Hitlers von SS Männern, die als polnische Separatisten verkleidet waren, überfallen, was den Vorwand zum Beginn des Zweiten Weltkriegs lieferte. Der Turm ist heute ein Museum und sowohl Zeuge der neueren europäischen Geschichte als auch Hinweis auf das technische Potenzial des nachwachsenden Rohstoffes Holz.

Funkturm aus Holz in München-Ismaning

Funkturm aus Holz

Funkturm aus Holz

Text

Wolfgang Winter
  • geboren 1948 in Schwenningen (D)
  • Studium des Bauingeneurwesens und der Architektur an der TU Stuttgart
  • 1972 - 77 Assistent im Sonderforschungsbereich "Weitgespannte Flächentragwerke", TU Stuttgart
  • Mitarbeit in den Planungsbüros von Prof. Julius Natterer
  • seit 1991 eigene Planungsbüros
  • Lehre und Forschung an verschiedenen Hochschulen
  • seit 1994 ordentlicher Professor am Insitut für Tragwerksplanung und Ingenieurholzbau der TU-Wien
  • seit 1997 wissenschaftlicher Vorstand der Holzfoschung Austria

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