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Gastkommentar – Wie werden wir in der Zukunft bauen?

Wolfgang Winter
Erschienen in
Zuschnitt 20: Holz urban
Dezember 2005

Die Zeiten ändern sich. Lebens-, Wirtschafts- und Kulturformen, Strukturen, Wertsysteme, Informationsflüsse wechseln konstant, rhythmisch oder manchmal auch unerwartet plötzlich. Das Bauwesen ist ein wichtiger Bereich, der diese Veränderungen widerspiegelt.

Wie sollen wir, wie werden wir in Zukunft bauen? So wie in den letzten 100 Jahren seit der Erfindung des Stahlbetons, also mineralisch, monolithisch, massiv, aber schwer veränderbar und materialaufwändig? Oder so wie in den Jahrhunderten davor, mit Holz- oder Stahlgerippen, ausgefacht in Trockenbauweise, also leicht, elastisch und flexibel, aber brandempfindlich und eventuell wartungsaufwändig? Oder kommen Mischungen aus beiden oder auch ganz neue Materialien und Systeme?

Ein vielschichtige Fragestellung, zu der viele unterschiedliche Argumente vorgetragen werden: Auf der einen Seite die Forderung nach mehr Natur in der Stadt, aber auch die Urangst vor dem brennbaren Baustoff und die Überzeugung, dass Holz vergraut, reißt und fault, wenn es nicht mit großem Aufwand geschützt und gepflegt wird. Auf der anderen Seite die Frage nach Baustoffen und Bautechniken, die für die komplexen Bauaufgaben einer postindustriellen Gesellschaft geeignet sind, aber gleichzeitig die strengen Anforderungen einer umweltverträglichen Kreislaufwirtschaft erfüllen. Holzbau wird zum Symbol für Natur, Ressourcenschonung und Menschlichkeit gemacht – aber auch für Fragilität und Vergänglichkeit; Betonbau wird zum Symbol für Sicherheit und Ewigkeit – aber auch für Ressourcenverschwendung, »unmenschliche« Industrialisierung und versteinerte Unveränderlichkeit.

Die große Mehrheit der Bauindustrie, die vom Zement und vom mineralischen Schwerbau lebt, fürchtet den Holzbau als unerwünschte Konkurrenz, während sich die Minderheit der Leicht- und Trockenbauer von den »Betonierern« und deren Marketingkampagnen an die Wand gedrückt fühlt. In der Vergangenheit haben beide Bauweisen ihre technische Tauglichkeit bewiesen. Dazu kommt, dass speziell der mineralische Schwerbau enorme Produktionskapazitäten aufgebaut hat und das notwendige theoretische und anwendungsbezogene Wissen gut aufbereitet und weit verbreitet ist. Hier hat der Holzbau sicher noch einen großen Nachholbedarf.

Vieles spricht für einen verstärkten Holzeinsatz in der Stadt, manches auch dagegen. Die zentralen Aufgaben des Bauens der Zukunft sind die Revitalisierung des Bestandes und eine bewusste Verdichtung der städtischen Bebauung. In beiden Bereichen sind ausgewogene Mischlösungen denkbar und sinnvoll. Diese zu entwickeln und umzusetzen ist eine gemeinsame Aufgabe für Planer, Forscher und Firmen – egal ob sie sich bisher überwiegend mit mineralischem Schwerbau oder mit Leichtbau beschäftigt haben.

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Text

Wolfgang Winter
  • geboren 1948 in Schwenningen (D)
  • Studium des Bauingeneurwesens und der Architektur an der TU Stuttgart
  • 1972 - 77 Assistent im Sonderforschungsbereich "Weitgespannte Flächentragwerke", TU Stuttgart
  • Mitarbeit in den Planungsbüros von Prof. Julius Natterer
  • seit 1991 eigene Planungsbüros
  • Lehre und Forschung an verschiedenen Hochschulen
  • seit 1994 ordentlicher Professor am Insitut für Tragwerksplanung und Ingenieurholzbau der TU-Wien
  • seit 1997 wissenschaftlicher Vorstand der Holzfoschung Austria