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Muster, die verbinden

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 21: Schutz S(ch)ichten
März 2006, Seite 27

Es war einmal ein schräger Zaun, mit Zwischenraum hindurchzuschaun…
(frei nach Christian Morgenstern)

Landschaften mit Weidewirtschaft sind in ihrer Eigenart auch von Zäunen bestimmt. Auf Natur und Kultur ihres Ortes verweisend führen sie Gewachsenes im Gebauten fort, bauen über Linien und Kurven Spannungen auf, ähnlich dem Profil von Bergketten. Am konkreten Beispiel (Tannberg) sind geschälte Tannenäste übers Kreuz in den Boden gesteckt und mit den gespaltenen Stämmen lose verbunden. Schräg in die Scheren eingelegt, machen sie von oben Druck und geben von unten Halt, in Reaktion auf die Gegebenheiten. Das Wissen um Material, Form und Tragfähigkeit ist auf einen einfachen Nenner gebracht, keinem Namen, keiner Norm, keiner Ewigkeit verpflichtet. Was mitschwingt, ist eine nicht einbetonierte Auffassung von Schutz, Grenze und Markierung, ein offenes und durchlässiges Geflecht. Im ursprünglichen Wortsinne ist Zaun (town) noch nicht Hindernis oder Bollwerk, sondern das umschlossene Gebiet selbst. Der Zaun ist das Weideland, Schutz vor Wild und Wanderer, eine Geste im Dazwischen, die keinen Streit vom Zaune bricht.

Text

Renate Breuß
freiberufliche Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte für Kultur, Design und Wahrnehmung an der Fachhochschule Vorarlberg. Bücher und Beiträge zur Kultur des Bauens und zum Handwerk, zur Theorie des Kochens. Bis 2016 Geschäftsführerin Werkraum Bregenzerwald.

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