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Gedreht und gewendet

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 22: Wasserkontakt
Juni 2006, Seite 27

Der Erstkontakt zwischen Mensch, Wasser und Holz findet in unseren Breiten meistens in Form von Rindenschiffchen statt, die von geduldigen Bezugspersonen unter dem Einsatz verklärter Erinnerungen an ihre eigene Kindheit hergestellt werden. Sie bestehen aus einem Stück Rinde, in das ein möglichst gerader Zweig mit einem Blatt als Segel gesteckt wird. Die Konstruktion ist fragil, der Waldbach, an dessen Ufer das Schiffchen entsteht, springt lustig über Steine und Wurzeln. Die Jungfernfahrt gerät also zum Fiasko, da das Boot entweder sofort an ein Hindernis stößt oder sich nach kurzer Zeit in seine Bestandteile auflöst.

Später, wenn diese Enttäuschung überwunden ist und die Ansprüche an technische Rafinesse steigen, wird zu einem Holzprodukt gegriffen, das trotz seiner Flatterhaftigkeit wesentlich mehr an Stabilität und Tragkraft zu bieten hat, nämlich zum Papier: Es wird gefaltet und gedreht und noch einmal gefaltet – und schon ist das Schiffchen fertig. Besonders Ehrgeizige nehmen an Wettbewerben teil, in denen die schnellsten, stabilsten und tragfähigsten Boote prämiert werden; unsereins bleibt beim vielfach erprobten Modell »Malerhut« und verfällt erst dann wieder dem Rindenschiff, wenn das Gedächtnis langsam nachlässt und man Waldausflüge in Begleitung kleiner Kinder unternimmt.

Text

Eva Guttmann
2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.
www.park-books.com

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