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Holz und Wasser – Kulturgeschichte einer Wiedervereinigung

Erschienen in
Zuschnitt 22: Wasserkontakt
Juni 2006

Baden im Hafen - Kopenhagen

Das Begriffspaar »rein – unrein« gibt es in allen Kulturen seit Jahrtausenden. Erst im Europa des 19. Jahrhunderts wurde die Vorstellung des »Unreinen« in die unsichtbare Welt der Mikroorganismen projiziert. In der Medizin wurde bewiesen, dass die Sterblichkeit sinkt, wenn sich der Arzt vor einer Operation die Hände wäscht. Das Mikroskop machte einen neuen Feind sichtbar. Aus dieser Entdeckung zog man weitreichende Schlüsse. Die Idee der Hygiene wurde über den Operationssaal hinaus ins gesamte Menschenleben ausgeweitet und zu einem Heilsversprechen hochstilisiert, das bis vor wenigen Jahren unwidersprochen als Norm und Notwendigkeit galt: die Utopie eines keimfreien Lebens.

Der Kampf gegen das unsichtbare Bedrohliche konnte nur auf der Ebene des Sichtbaren, der Repräsentation gewonnen werden. Das dem Flüssigen, Vermischten, Natürlichen innewohnende Unheimliche wurde im modernen Heim mit Chemie und Design attackiert. Der Stil der Moderne folgte einem Hygieneprogramm: Die Oberflächen sollten keine naturhaften Ornamente oder Strukturen aufweisen, sondern homogen, möglichst glatt und geometrisch sein. Patina und würdevolles Altern waren nicht mehr vorgesehen. Die weiße Resopal-Einbau-Küche der 60er Jahre verkörpert den historischen Gipfel der Totalreinigung: Ihr Design war vom chemieverteilenden Putzlappen her konzipiert, so sehr, dass alle Utensilien in Schrankwänden verborgen wurden. Das Verschwinden der Dinge von der Arbeits-Oberfläche machte nicht nur das Wischen schneller, es symbolisierte auch das Verschwinden der unsichtbaren »Keime« des Bösen – auf glatten Oberflächen sollte schlichtweg nichts zu sehen sein. Der zweite Ort der Hygiene-Inszenierung war das Bad. Dort hielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hochglänzende weiße Keramik bis zur Decke Einzug. Der Operationssaal-Stil wich erst ab den 50er Jahren der Buntfliese. Spiegel, Metall und Kunststoffe waren ebenfalls zugelassen in der Nasszelle. Undenkbar wurde alsbald Holz in Küche und Bad – man assoziierte damit Schäbigkeit, Unsauberkeit, Ärmlichkeit und Ekel. So setzte man sich sozial ab von der bäuerlichen Gerätewelt – die Stadtflucht in der eigenen Familiengeschichte war schließlich noch präsent. Auch vom Boden verschwand das Holz, Linoleum und später Plastik versprachen, ein Leben in absoluter Reinheit von Grund auf verwirklichen zu können. Im Flur wich der traditionelle Holzboden den Fliesen – nun ging das Reinigen zwar schneller, musste aber auch zehnmal öfter durchgeführt werden, und der Boden sah trotzdem gleich wieder schmutzig aus, was ja auch gut war für die Dramatisierung der Hygiene-Idee.

Kein Wahn währt ewig. Die Menschen mussten eingestehen, dass ihre bäuerlichen Vorfahren nicht kränker waren als sie selber, im Gegenteil. Das Essen mit Holzlöffeln von Holztellern und das Waschen in Holzzubern konnte so schädlich nicht gewesen sein. Auch in der Wissenschaft wurde umgedacht. Was nun aufkeimte, war der Verdacht, dass der Hygienewahn als Ursache für die Zunahme allergischer Erkrankungen anzusehen sei. Auch die Chemie zeigte sich plötzlich als doppelgesichtig. Neue wissenschaftliche Modelle aus der Biokybernetik und Nanotechnologie sickerten ins Weltbild ein und halfen, die alten Entgegensetzungen von Mensch und Natur, Maschine und Leben, Geist und Fleisch, Makrowelt und Mikrowelt, Information und Materie zu überbrücken. In unserer heutigen Kultur begreifen wir Bakterien nicht mehr als unsichtbare Feinde, sondern als Bio-Maschinen im Nano-Format, die wir als kleine Helfer auf Reisen durch unsere Körper schicken. Die Utopie eines keimfreien Lebens hat ihre Strahlkraft verloren, Harmonie mit der Natur und Lernen von der Natur stehen auf dem Programm. Die Wissenschaft der Bionik simuliert Naturprozesse im Computer und entwickelt daraus neue Technologien. Biotechnologie wird allmählich vom Horror zum Hoffnungsträger. Architektur und Design inspirieren sich aus organischen Formen. Bei der Gestaltung von Waren gibt die Behauptung von »Natürlichkeit« den Ton an.

Man muss sich diesen geschichtlichen Wandel und den daraus entstandenen technologischen, sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Kontext vergegenwärtigen, um die aktuelle Rückkehr des Holzes in unsere Küchen und Badezimmer zu verstehen. Der Hersteller einer Holzbadewanne preist sein schickes Produkt mit einer neuen, und zugleich sehr alten Art der Pflegeleichtigkeit an: »Es wird lediglich nach dem Ablaufen des Badewassers mit der Handbrause nachgespült. Da es bei Holz keine statische Aufladung gibt, kommt es auch nicht zu den unangenehmen, anhaftenden Schmutzrändern.« Auch für hölzerne Schneidbretter in der Küche wird neuerdings damit geworben, dass Holz sich auf natürliche Art selbst reinige und darin Kunststoffen überlegen sei. Das Bad von heute erzählt nicht mehr von Schmutz und peinlicher Desinfektion, sondern von Entspannung, Selbstverwöhnung und inszeniertem Genuss. Holz ist das starke Zeichen dieses Paradigmenwechsels. Ebenso verkündet Holz im aktuellen Küchendesign, dass nicht mehr schnelles Wegwischen, sondern genüssliches Zelebrieren dasjenige ist, worum es beim Kochen geht.

Hundertfünfzig Jahre hat es gebraucht, bis wir uns damit angefreundet haben, dass es neben Hund und Katz, den Makrohaustieren, auch noch unsere Mikrohaustiere gibt. Das Holz durfte die Anklagebank verlassen und Wohnräume zurückerobern, in denen es lange Tabu war, weil es mit Wasser eine allzu innige, lebendige Symbiose einzugehen vermag. Die Wiedervereinigung von Holz und Wasser schreitet voran. Bald werden die beiden wieder so selbstverständlich beisammen sein, wie sie es immer schon gewesen sind.

Bild oben: Baden im Hafen der Stadt, Kopenhagen (DK)

Text
Dr. Wolfgang Pauser
geboren 1959
Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft
war Kunstkritiker für die Tageszeitung Der Standard, Lehrer an der Hochschule für angewandte Kunst sowie an der Technischen Universität in Wien und Kurator diverser Ausstellungen
seit 1986 freiberuflicher Essayist mit den Themenschwerpunkten Konsum- und Alltagskultur sowie bildende Kunst, Design, Architektur
seit 1995 Entwicklung der Kulturwissenschafltichen Produktanalyse, Beratungstätigkeit für Unternehmen und Werbeagenturen
www.pauser.cc

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© Julien De Smedt