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Tony Cragg

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 23: Holzarten
September 2006, Seite 28

Stack und Mittelschicht

Stack 1989, Diverse Materialien 133x184x174cm
Mittelschicht 1984, Holz, 152x400x650cm

Die Skulpturen des 1949 in Liverpool geborenen Tony Cragg zeichnen sich durch eine ungewöhnliche Vielfalt in Materialwahl und Formgebung aus, die – geprägt durch Minimal Art, Land Art, Konzeptkunst, aber auch Arte Povera – eine sehr eigenständige und singuläre Sprache, reich an Inhalten und visuellen Übersetzungen, entwickeln.

Der Umstand, dass Craggs Vater als Elektroingenieur im Flugzeugbau tätig war und er selbst in jungen Jahren als Labortechniker in seiner Heimatstadt arbeitete, erklärt die in seinen Skulpturen ablesbare, typische Kombination von wissenschaftlicher Herangehensweise und schöpferischem Einfall, der den Zufall als produktiven Faktor nützt. Im Unterschied etwa zu Richard Serra, der mit Eisen und Stählen arbeitete und dieses Material daher einem entsprechend rigiden Veränderungsprozess unterziehen musste, um es formen zu können, geht Tony Cragg einen dezidiert anderen Weg: Seine Materialien sind zu Beginn seines Schaffens aus der Natur bezogene, später auch kulturtechnische Fundstücke. Dabei bringt er den vorgefundenen Materialien und Gegenständen absoluten Respekt entgegen, indem er ihre Form in keiner Weise verändert, sondern sie lediglich anordnet, kombiniert. Er reiht Steine aneinander, stapelt verschiedene Hölzer aufeinander und schafft somit natürliche und zivilisatorische Topografien, die Einblick in bereits vergangene Entstehungsprozesse und die Geschichte der menschlichen Gesellschaft geben.

Ein für Tony Craggs Entwicklung entscheidendes Werk war die 1975 entstandene Arbeit »Stack«, die zugleich auch eine seiner ersten großformatigen Skulpturen darstellt. Dabei schichtet der Künstler diverse Holzstücke, Holzfaser- und Sperrholzplatten zu einem großen Kubus. Die formale Ausführung dieser Skulptur spiegelt die bewusst ambivalente Haltung des Künstlers gegenüber Kunstrichtungen wie dem amerikanischen Minimalismus und der auf vorgefundenen Objekten basierenden Arte Povera wider. »Stack« vereint in sich die geometrische Perfektion ebenso wie die unkonventionelle Verwendung alternativer Materialien, die eine zugleich homogene wie heterogene Oberflächenbeschaffenheit evozieren.

Doch Cragg war keineswegs nur an der einmaligen Umsetzung seiner bildhauerischen Idee interessiert, sondern unterzog seine skulpturalen Werke einem immer wiederkehrenden, verändernden Prozess. So ist »Stack« noch bis zum Ende der achtziger Jahre in seinem Werk präsent, indem Cragg ähnlich einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung das Material in Bezug auf Dichte und Volumen immer wieder neu zusammensetzt.

Die Akkumulation von verschiedenen Werkstoffen, wie Holz, Stein und später auch Kunststoff, findet ihre Vorläufer im Werk von Künstlern des Nouveau Rèalisme wie Arman oder Cèsar, vor allem aber auch von Carl Andre und Richard Long.

Ein späteres Beispiel einer akkumulierten Bodenskulptur ist das zur Gänze aus unterschiedlichen Holzgegenständen zusammengestellte Werk »Mittelschicht« aus dem Jahr 1984. Indem Cragg die einzelnen (Gebrauchs-)Gegenstände nach ihrer Größe geordnet zusammenstellt, erzielt er einen dreidimensionalen Effekt, der durch die Anordnung ohne Eingriff in ihre Materialität verstärkt wird. Diese Raum- und Bodenskulptur unterstreicht Tony Craggs Arbeitsweise, die der eines Archäologen ähnelt, welcher nach sowohl wissenschaftlichen als auch zufälligen Parametern zum Ziel seiner Erforschung des Vergangenen und somit auch des Zukünftigen gelangt.

Tony Cragg

geboren 1949 in Liverpool, UK
1966–68 Labortechniker in der National Rubber Producers Research Association
1973–77 Royal College of Art
1977 Umzug nach Wuppertal

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2006 »Tony Cragg – Neue Skulpturen”, Galerie Buchmann, Berlin
  • 2004 Galerie Knoll, Wien
  • 2003 »Tony Cragg – Signs of Life”, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
  • 1997 Whitechapel Art Gallery, London; 47. Biennale di Venezia; bawag Foundation, Wien
  • 1988 Turner-Preis, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2006 Viennafair, Wien; »Freundschaftsspiel«, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg
  • 2005 »Summertime«, Galerie Mario Mauroner, Wien; 2. Biennale Peking; »figur/skulptur«, Sammlung Essl – Kunst der Gegenwart, Klosterneuburg
  • 2002 »Die Sammlung«, MAK
    Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien

Fotos

© Enzo Ricci re., Toni Cragg li.

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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