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Friede den Hütten

Benedikt Loderer
Erschienen in
Zuschnitt 24: vorläufig nachhaltig
Dezember 2006

Was sehen wir hier? Eine Fotografie. Darauf ist ein Schober abgebildet, ein funktionalistisches Gebäude, avant la lettre. Unten der Stall, oben das Futter. Giebelständig gegen das Tal, zusammenfassend: ein Werkzeug der Alpwirtschaft. Es ist ein traditionelles Bauwerk, weil es das Ergebnis einer langen Versuchsreihe verkörpert: Es ist eine Lösung von sich wiederholenden Problemen. In Generationen dauernden Versuchsschritten fanden die Bergbauern heraus, dass das Futter am bequemsten dezentral gelagert wird. Das Vieh und die Menschen wandern. Bequem heißt hier, mit weniger Anstrengung. Von Menschen produzierte Energie wird minimiert, durch Erfahrung, nicht Erfindung. Der Schober enthält auch alle Lösungen, die sich nicht bewährt haben und darum ausgeschieden wurden. Anders herum: Die Tradition ist eine Methode, kein Bild.

Das gedruckte Bild zeigt ein Gebäude von hohem ästhetischen Wert, die Architekten sehen einen scharf geschnittenen Kubus, der auf einem zweiten, kleineren steht, woraus der umlaufende Vorsprung resultiert. Ein Bandfenster, knappe Dachvorsprünge, geschlossene Wand, reduzierte Form – ist’s nicht ein Vorläufer der berühmten Schweizerkiste der neunziger Jahre?

Was aber sehen wir nicht? Die Armut. Das Bild zeigt mehr als einen Schober, sieht man genauer hin, so entdecken wir hier die Armut als die Wurzel des nachhaltigen Bauens. Unser ästhetisierender Blick verdrängt, dass die Bergler bis vorgestern mausarm waren. Wie viel Blut, Schweiß und Tränen in diesem bescheidenen Gebäude stecken, wollen wir heute nicht mehr wissen. Genauer: wir wollen nicht mehr wahrhaben, dass die Armut der natürliche Zustand des nachhaltigen Menschen ist. Die Armut war eine hervorragende Architektin. Sie nahm, was sie in der Gegend fand, transportierte so wenig wie möglich, setzte nur Tier- und Menschenkraft ein, kannte keine Chemie, pflegte, was sie baute, warf nichts weg, alles hatte mindestens den Heizwert.

Halt, sagt da die aufgeweckte Leserin, vielleicht gehörte der Schober einem reichen Bauern. Möglich, doch auch der reiche Bauer war arm. Arm an Energie. Der Schober hier ist nur ein Stellvertreter. Er verkörpert die vorindustrielle Produktion. (Wenn wir Glück haben, stammen seine Bretter und Balken noch aus einer Sägemühle mit Wasserantrieb.) Der fundamentale Entwicklungsschritt ist der Wärmekraftmotor. Angetrieben von Kohle und Öl kehrte er die Verhältnisse um. Wenn sich’s der vorindustrielle Bergbauer bequem machte, so sparte er die Energie von Mensch und Tier. Auch sein industrialisierter Nachfolger macht sich’s bequem, doch dazu gibt er die fossile Energie mit beiden Händen aus. Er beschafft sich Material von weit her, transportiert unbedenklich, setzt seine Maschinen ein, Chemie ist ihm eine Notwendigkeit, er verschleißt, was er baut, wirft weg, was bleibt, er kennt von nichts mehr den Heizwert. Heute ist auch der arme Bergbauer reich, er badet in Energie.

Gibt es dagegen etwas einzuwenden? Von Menschenseite nichts, nur kann sich die Natur uns nicht mehr leisten. Sie wird sich deshalb verweigern, gibt nicht mehr genügend her. Sie wird unser Konsumniveau senken. Sie macht uns wieder ärmer. Sie wird uns eine Lektion erteilen. Sie lehrt uns die Pflege wieder. Pflegen wir sie nicht, spielt die Natur nicht mehr mit. Sie kann gut ohne die Menschen sein, wir aber sind auf sie angewiesen. Es lohnt sich also, ihr zuzuhören. Die Natur sagt uns: Agricultura heißt Ackerpflege, cultura also Pflege. Dieses steifleinerne Wort ist der Schlüssel. Der mit seinen Mitmenschen und Gegenständen pfleglich umgeht, ist der nachhaltige Mensch. Nachhaltig? Das berühmte Dreieck, Frau Brundtlands Definition, die lange Liste, die Zuschnitt und ecodesign aufstellten, sie lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Pflege. Nötig ist die Kultur der Pflege.

Pflege brauchten wir alle, alle sind wir die Pflegekinder der Natur. Sie gab uns die Menschen und die Dinge nicht zum Besitz, sondern nur in Obhut, nur zur Pflege. Pfleger sind wir nur auf dieser Welt und selbst der Pflege bedürftig. Pflege heißt nichts anderes als das Nötige mit einem schonenden Umgang tun. Das Nötige? Damit beginnt es schon. Wir wollen immer alles. Die Frage: Was ist nötig? ist heute unsittlich geworden. Mittelstand für alle! Mit der von Gott, dem Schicksal, dem Wohlfahrtsstaat, der Eigeninitiative (Zutreffendes ankreuzen) garantierten Wachstumsrate. Wir haben ein Anrecht auf mehr.

Das wird nicht funktionieren, leider. Wir müssen lernen, mit weniger auszukommen. Ein Blick auf die Energiebilanz ist Anschauungsunterricht genug. Es lohnt sich aber, den Schober nochmals zu betrachten und uns an die Armut zu erinnern. Gemeint ist nicht das Frieren und das Hungerleiden, sondern die Beschränkung. Pflege heißt Beschränkung, heißt die unanständige Frage beantworten: Was ist nötig? Keine Angst, niemand fordert eine Antwort, die Natur wird sie uns mit der ihr eigenen Brutalität schon geben.

Zum Schluss noch ein einfaches Gedankenspiel. Das Skifahren wurde am Anfang so vorindustriell hergestellt wie der Schober. Wer hinunter fahren wollte, musste zuerst mit Menschenkraft hinaufsteigen. Ein nachhaltiges Verfahren auf niedrigem Energieniveau. Heute schleudert der Skilift mit hohem Energieverbrauch die Fahrer in die Höhe. Ist das nötig? Senken wir das Konsumniveau und schalten wir die Skilifte ab! Da bleibt uns Zeit, im air-condishoned Stübchen Peter Rosegger zu lesen.

Holz Hütte im Hang

Text: Benedikt Loderer
geboren 1945
Lernte Bauzeichner, studierte Architektur, wurde Schreiber, war der erste Chefredaktor und ist heute Redaktor und Stadtwanderer bei „Hochparterre“ in Zürich
www.hochparterre.ch

Foto
© Wolfgang Morscher