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Nachhaltigkeit oder die Entdeckung des Selbstverständlichen

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 24: vorläufig nachhaltig
Dezember 2006

Bevor ich mir den Ruf einhandle, ein Internet-Freak zu sein, möchte ich klarstellen, dass ich das World-Wide-Web so benütze wie früher das Telefonbuch, eher widerwillig und nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Doch der Sprung ins Internet ist inzwischen schon effizienter als der Gang zum Schrank mit den Produktprospekten, wo das, was überhaupt zu finden, meist schon veraltet ist.

Eine eher akademische Runde durchs Internet (wie hier zum Stichwort „Nachhaltigkeit“) gleicht einer (Selbst)Analyse; von einer Suche zu sprechen, wäre reine Hochstapelei. Schon der erste Einstieg in Englisch, der Sprache des Web, unter „sustainability“ bringt astronomische 51.300.000 Treffer. Jeden Eintrag auch nur eine Minute anzuschauen, nähme mehr als 500 Arbeitsjahre oder mehr als 13 menschliche Arbeitsleben in Anspruch.

Unter „Nachhaltigkeit“ finden sich auch noch unvorstellbare 5.860.000 Positionen und die schnelle Durchsicht der obersten Sites des Lebensministeriums zeigt, dass die Recherche nicht nur langwierig, sondern auch langweilig und von zweifelhaftem Informationsgehalt wäre. Nachhaltigkeit ist in Mode und nachhaltig zu sein, behauptet schon fast alles und jeder.

Also setze ich jene Art der Suche fort, die der Assoziationsketten des Patienten auf der Couch seines Psychiaters gleicht. Als zweisprachiger Neandertaler wende ich mich an die Übersetzungshilfen des Internet. Siehe da! Die Italiener und die Spanier haben anscheinend gar kein eigenes Wort für Nachhaltigkeit; sie verwenden das englische Wort und auf den spanischen bzw. italienischen Sites finden sich matte 344.000 Einträge für erstere sowie mickrige 162.000 für letztere Sprache.

Die Franzosen haben zumindest zwei Wörter für Nachhaltigkeit. Wenn schon Cäsar das letzte gallische Dorf erobert hat, bewahren sich die Franzosen zumindest im Denken ihre Autonomie. „Sustainability“ wird mit „durabilité“ übersetzt, die Rückübersetzung ergibt „durability“. „Nachhaltigkeit“ soll „continuation“ entsprechen (Rückübersetzung: „Fortdauer“). Wahrscheinlich liegt die Verwirrung mehr an der (Un)Brauchbarkeit von Übersetzungsprogrammen als in der Eigenständigkeit französischen Denkens. An der Spitze des Eisberges von 410.000 Sites lassen sich mit nicht vorhandenen Französischkenntnissen bei beiden Begriffen tatsächlich Beiträge zum Thema erahnen, wenn auch bei „durabilité“ an zweiter Stelle bereits irgendetwas über Beton rangiert, der zwar durchaus auch nachhaltige Eigenschaften aufweist, aber trotzdem kaum in Texten über Nachhaltigkeit auftaucht.

Jetzt gehe ich aufs Ganze: Ich übersetze „Nachhaltigkeit“ ins Chinesische und gerate in die Welt der wunderschön rätselhaften Bildschrift. An der chinesischen Zensur vorbei kopiere ich das Ergebnis in das Suchfeld von Google-China ein und wähle jenen unverständlichen Suchbefehl, der normalerweise alle Seiten in der Landessprache aufruft: immerhin 104.000 Treffer (ohne Gewähr, denn ich verstehe kein Wort!). Notgedrungen summarisch betrachtet entspricht damit das Interesse der Chinesen an der Nachhaltigkeit ungefähr jenem der Italiener.

Doch nach dieser oberflächlichen und quantitativen Abschweifung zurück zu mehr Inhalt, zu unendlich viel Inhalt, wie er von der Internet-Enzyklopädie Wikipedia geboten wird. Während sich der deutsche Eintrag fast darin verliert, die Urheberschaft am wunderbaren Wort „Nachhaltigkeit“ auszubreiten, bringt der englische Beitrag den Sachverhalt relativ klar auf den Punkt. Es geht darum, Zivilisation und menschliche Aktivität so zu gestalten, dass für möglichst alle ein menschenwürdiges Leben in der Gegenwart und in absehbarer Zukunft möglich ist – und dies nicht nur in unterirdischen Städten oder endzeitlichen Wüsten wie in Science-Fiction-Filmen.

Im Umkehrschluss liegt der Verdacht nahe, dass alles, was – noch – auf Erden existiert, bis zu einem bestimmten Grad „nachhaltig“ gewesen sein muss, sonst wäre es wohl untergegangen oder ausgestorben. Das Aha-Erlebnis eines preußischen Forstmeisters des 18. Jahrhunderts, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, Bäume nicht nur abzuholzen, sondern auch den Nachwuchs zu beobachten oder gar zu fördern, war wohl ein solches im Vergleich zu den venezianischen Schiffsbauern, die Dalmatien abholzten, oder zu den Überlegungen der australischen Ureinwohner, die den Kontinent abfackelten. Doch schon der oberflächliche Blick auf alles Lebendige legt so etwas wie eine systemimmanente Nachhaltigkeit des Lebens an sich nahe.

Also weiter im Internet. 207.000.000 Treffer zum Stichwort „Leben“, 1.450.000.000 zu „life“! Der Blick in die Wikipedia-Enzyklopädie ist niederschmetternd. Wenn ein Schreibkundiger jemals gewusst hat, was „Leben“ sein könnte, dann ist dieses Wissen in den letzten 3000 Jahren hoffnungslos zerredet und zerschrieben worden. Ich versuche mich mit „Überleben“ zu retten (5.870.000); dort finde ich einen Heuhaufen ohne Nadel. Warum überleben Kakerlaken radioaktive Strahlung? etc. „Aussterben“ ist etwas weniger beliebt und überschaubarer (1.630.000), aber auch nicht wesentlich ergiebiger. Also präzisiere ich: „Überleben der Menschheit“ (48.000) – dort findet sich aussichtslos Vernünftiges wie der „global-marshall-plan“ ebenso wie verschiedenste Verschwörungs- und Katastrophenszenarien.

„Überleben des Waldes“ (80!): An erster Stelle steht etwas vom „Überleben der Waldelfen“, die ohne Wald nicht leben könnten. Dem vierten Eintrag entnehme ich die Feststellung des Vorarlberger Landtages aus dem Jahre 1987, dass für das Überleben des Waldes „sicher eine Reduzierung des Wildes in einem starken Umfang Platz greifen muss“. Also „Überleben des Wildes“ (8); Salzburger Fenster – Lokales: „Zum großen Problem beim Überleben des Wildes zählen dabei die Tourengeher ...“. Bevor ich jetzt „Überleben der Tourengeher“ eingebe und mich im Teufelskreis von Lawinen und sterbenden Bannwäldern verstricke, fällt mir ein ähnlich oder umgekehrt sperriges Wort ein wie „Nachhaltigkeit“ – „Autopoiese“. Das eine hat zu viele Konsonanten, das andere zu viele Vokale. Wer, wie, was das sein soll? Sogar schon beim ersten Versuch richtig geschrieben und 55.800 Einträge!

Wikipedia: Der Begriff Autopoiesis bzw. Autopoiese (altgriech. , „selbst“, und , „schaffen“) wurde von dem chilenischen Neurobiologen und Theoretiker Humberto Maturana um 1972 geprägt und bezeichnet den Prozess der Selbsterschaffung und -erneuerung eines Systems. Systeme, die durch diesen Prozess ent- und bestehen, nennt man autopoietisch. Ein autopoietisches System, das im physischen Raum realisiert ist, nennen Maturana und Francisco Varela „lebendes“ System. Die Klasse der autopoietischen Systeme subsumiert folglich die der lebenden Systeme. Zweck dieses Begriffs ist es, andere unscharfe und problematische Definitionen von Leben durch eine formale Definition zu ersetzen. So wage ich abschließend (ohne Internet und Wikipedia) zu behaupten: Nachhaltigkeit ist schlicht Leben und Leben ist zwangsläufig nachhaltig oder es endet genauso. Eine Selbstverständlichkeit? Ohne Zweifel. Wenn wir von Nachhaltigkeit reden, reden wir vom weiten Weg von der Selbstverständlichkeit ins allgemeine Bewusstsein und zur bewussten Umsetzung.

Literatur

CO2 – Der Beitrag Holz zum Klimaschutz
proHolz Arbeitsheft 3/03
Von der nachhaltigen Waldwirtschaft bis zur Holz- Verwendung im Bauwesen– Zusammenfassung der wichtigsten Argumente und Kennzahlen

DI Dr. Michael Pollak
36 Seiten
proHolz Austria, Wien 2003 (Hg.)
isbn-10 3-902320-05-2
isbn-13 978-3-902320-05-6
Euro 7,–
shop.proholz.at

Text

Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.